John Huston

 

Over the years, I’ve heard my father described as a Lothario, a drinker, a gambler, a man’s man, more interested in killing big game than in making movies. It is true that he was extravagant and opinionated. But Dad was complicated, self-educated for the most part, inquisitive, and well read. Not only women but men of all ages fell in love with my father, with that strange loyalty and forbearance men reserve for one another. They were drawn to his wisdom, his humor, his magnanimous power; they considered him a lion, a leader, the pirate they wished they had the audacity to be. Although there were few who commanded his attention, Dad liked to admire other men, and he had a firm regard for artists, athletes, the titled, the very rich, and the very talented. Most of all, he loved characters, people who made him laugh and wonder about life.  

       Dad always said he wanted to be a painter but was never going to be great at it, which was why he became a director. He was born in Nevada, Missouri, on August 5, 1906, the only child of Rhea Gore and Walter Huston. Rhea’s mother, Adelia, had married a prospector, John Gore, who started up several newspapers from Kansas to New York. A cowboy, a settler, a saloon owner, a judge, a professional gambler, and a confirmed alcoholic, he once won the town of Nevada in a poker game. Dad’s father was, of course, an actor, and in 1947, Dad directed Walter in ‚The Treasure of the Sierra Madre‘, for which they both won Academy Awards.

Muss man mehr über den Filmregisseur und Schauspieler John Marcellus Huston sagen, der heute vor 110 Jahren geboren wurde? Die ➱Zeilen oben stammen von seiner Tochter Anjelica, die in seinem letzten Film, der Verfilmung von James Joyces ➱The Dead, mitgespielt hat. Und wohl manchmal auch Regie geführt hat. Was Huston da oben in der Hand hält, wird zu seinem Tod führen, The Dead kann er nur noch im Rollstuhl und mit dem Beatmungsgerät zu Ende bringen. Zu dem Film gibt es einen Post, der ➱The Lass of Aughrim heißt. Ist in den letzten Jahren wenig gelesen worden. Ich mag den Post, er ist mit Liebe geschrieben worden – aber er wird nicht gelesen. In den letzten 24 Stunden ist der Post zu ➱Julie Récamier über tausend Mal angeklickt worden. Ich weiß nicht weshalb, aber es wäre mir lieber, dass The Lass of Aughrim tausend Mal angeklickt würde.

Der Mann, der die Drehbücher zu beinahe all seinen Filmen selbst schrieb, liebte die Herausforderung einer Literaturverfilmung (wenn Sie zu dem Thema Literaturverfilmung mehr lesen wollen, dann klicken Sie doch ➱The Go-Between an). Er hat sich sogar an Moby-Dick herangewagt. Wenn man will, war sein erster Film The Maltese Falcon auch eine Literaturverfilmung, aber der erste wichtige Film ist The Red Badge of CourageThey don’t want me to make this picture. And I want to make this picture, hat er zu Lillian Ross gesagt. Die durfte bei den Dreharbeiten dabei sein und im New Yorker darüber schreiben. Huston war mit ihr befreundet, er hatte keine Angst davor, dass ihm das widerfahren würde, was ➱Hemingway im Interview mit Lillian Ross passierte. Aus den Artikeln im New Yorker wurde das Buch Picture, der erste Bericht darüber, wie es hinter den Kulissen von Hollywood aussah (the first blow-by-blow account of what really goes on). ➱S. N. Behrman nannte das Buch the funniest tragedy that I have ever read. 

Im Vorwort zu seiner Autobiographie An Open Book schreibt Huston: My life is composed of random, tangential, disparate episodes. Five wives; many liaisons, some more memorable than the marriages. The hunting. The betting. The thoroughbreds. Painting, collecting, boxing. Writing, directing and acting in more than 60 pictures. I fail to see any continuity in my work from picture to picture – what’s remarkable is how different the pictures are, one from another. Nor can I find a thread of consistency in my marriages. No one of my wives has been remotely like any of the others – and certainly none of them was like my mother. They were a mixed bag: a schoolgirl; a gentlewoman; a motion-picture actress; a ballerina; and a crocodile. Marilyn Monroe gehörte nicht zu seinen Ehefrauen, aber er gab ihr die erste Rolle in einem seriösen Film. Auch wenn sie hier wie immer ein klein wenig unseriös aussieht.

Ich mag The Asphalt Jungle, obgleich er selten zu den großen ➱Filmen Hustons gerechnet wird. Wie The Misfits, auch wieder mit Marilyn Monroe, ein wunderbarer ➱Spätwestern. Der letzte Film von Marilyn und von Clark Gable, dem sein deutscher Synchronsprecher ➱Siegfried Schürenberg bis zu diesem Film treu geblieben war. Montgomery Clift spielte noch in John Hustons Film ➱Freud die Hauptrolle, aber wenig später war er auch tot. Vielleicht sollte ich mal eben das schöne Gedicht Marilyn Monroe (1960) von ➱Red Shuttleworth zitieren, das schon in dem Post ➱Marilyn Monroe steht.

I don’t have to wear a halo all the time.

She drooled like any chloral addict.

Waking up in her Mapes Hotel room’s shower,

Marilyn asked for a steak sandwich,

skip the mayo. A make-up girl offered

to find her a Paiute coyote fetish.

The gravediggers are waiting, Marilyn snapped.

Huston or Miller? She brushed her bone-blonde

dry-as-the-Great-Basin hair, concealed it

with a smoke-blue, flat brim Stetson,

announced that her ass was sore

from the pick-up truck in The Misfits.

She winked at Gable, I used to remember

all my lines when I was an angel.

Im Zweiten Weltkrieg hat der Captain (später Major) John Huston Dokumentarfilme für die Armee gedreht (so wie ➱John Ford Filme für die Navy drehte). Die in den ➱Archiven verschwanden, die Army mochte diese Filme nicht (Sie können hier seinen letzten Film ➱Let there be Light sehen), aber Huston hat sie sich zu Hause immer wieder angesehen. Als das Museum of Modern Art 1946 Let there be Light zeigen wollte, wurde der Film zwei Minuten vor der Premiere von der Militärpolizei beschlagnahmt. Der Film, der die Behandlung vom Krieg traumatisierter Soldaten zeigt, war sicherlich nicht das, was die Army haben wollte: I think it boils down to the fact that they wanted to maintain the ‘warrior’ myth, which said that our Americans went to war and came back all the stronger for the experience, standing tall and proud for having served their country well.

Am Ende seiner Autobiographie schreibt John Huston: So there you are, for what it’s worth. The whole story has not been told, of course. I’ve refrained from making any dark disclosures regarding my secret life. My misdeeds are not sufficiently evil to justify their being put on display. They are insignificant. Damningly so. On the other hand, I haven’t recounted some of the more decent things I’ve done. They, too, lack sweep and magnitude. They are about on a level of insignificance with my wrong-doings. There have been times when I confused the two lists: found myself cringing at the memory of a good deed and glowing at the memory of a bad one.

Da hatte er gerade die völlig schräge Verfilmung von ➱Flannery O’Connors Wise Blood abgedreht. Meisterwerke wie Under the VolcanoPrizzi’s Honor und The Dead sollten folgen.

Noch mehr Huston hier im Blog: Michael CaineSteve CochranSkandalMollyBloomsdayUnderstanding PoetryMcCool

Parteitag

 

Es muss noch Satiriker und Zyniker bei arte geben. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass der Sender auf dem Höhepunkt des Parteitages der Republikaner den Film ➱The Manchurian Candidate (Botschafter der Angst) sendete (zum ersten Mal ➱ungekürzt). Leslie Halliwell gibt dem Film vier Sterne (und das will viel heißen), die englische Filmkritikerin Penelope Houston urteilte: the unAmerican fim of the year. Und ➱Pauline Kael schrieb in 5001 Nights at the Movies: The picture plays some wonderful, crazy games about the Right and the Left; although it’s a thriller, it may be the most sophisticated political satire ever made in Hollywood. Es ist ein ➱Schwarzweißfilm, in dem noch ein wenig vom Film Noir steckt. Der Film sagt auch viel über die schlimmste Phase der Paranoia, die Amerika noch nicht ganz hinter sich hat: die McCarthy Jahre.

Dies ist der perfekte Film für die Liebhaber von Verschwörungstherorien. Die Britin Angela Lansbury spielt hier nicht die Miss Marple des amerikanischen Fernsehen, sie spielt die Gattin eines immens doofen Politikers namens Iselin, der ins Weiße Haus möchte. Das ist nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt, wenn jemand immens doof ist und ins Weiße Haus möchte. Was John Yerkes Iselin, der als Kommunistenjäger auftritt, nicht weiß, ist die Tatsache, dass seine Frau Eleanor eine Kommunistin ist.

Die mit Moskau und Peking einen Teufelspakt gemacht hat. Weil sie ein manipulierbares Killerwerkzeug braucht, nur mit Mord kommt man an die Macht. Das weiß diese Nachfahrin von Lady Macbeth nur zu gut. Die Kommunisten schicken ihr ihren eigenen Sohn aus erster Ehe, den sie im Koreakrieg einer Gehirnwäsche unterzogen haben. Wenn er eine Karodame sieht, wird er töten, dafür hat ein Spezialist des Moskauer Pavlov Instituts (der wie Dr Fu Manchu aussieht). An dieser Stelle müssen wir einmal Coleridges schönes Wort der willing suspension of disbelief zitieren, denn das ist ein wenig zu viel des Guten, insanely plotted, heißt es bei Leslie Halliwell.

Der Sergeant Raymond Shaw (gespielt von ➱Laurence Harvey), Träger der Tapferkeitsmedaille, weiß nichts davon, dass er ein Auftragsmörder ist. Doch sein Major, gespielt von ➱Frank Sinatra, ahnt die Wahrheit über das, was damals in Korea passierte. Alpträume quälen ihn. Er hat seinen Sergeant nie gemocht. Sinatra hat auch Laurence Harvey nie gemocht. Er hat behauptet, dass Harvey schwul sei und ihn unsittlich berührt habe: He has the handicaps of being a homo, a Jew, and a Polock, so people should go easy on him. 

Da wir gerade beim Thema Sex sind, habe ich hier noch etwas Unappetitliches. Bevor Mrs Eleanor Iselin ihrem Sohn den Mordauftrag gibt, damit er auf dem Parteitag den Präsidentschaftskandidaten erschießt, hat sie Sex mit ihm. Auf jeden Fall in Richard Condons Roman. In einem Hollywoodfilm geht das nun ganz und gar nicht, da wird nur geküsst. Und außerdem kann Angela Lansbury gar nicht die Mutter von Laurence Harvey sein: sie ist nur drei Jahre älter als er.

Aber zurück zum Film, den ich 1963 zum ersten Mal sah. Es war das Jahr, in dem John F. Kennedy erschossen wurde, da verschwand der Film aus dem Programm der Kinos. Aber die Cineasten haben den Film nie vergessen (dass Jonathan Demme ein Re-Make von dem Film gedreht hat, das vergessen wir mal schnell), er ist zu einem Kultfilm geworden.

Ich habe hier zu Schluss die Rede, die Angela Lansbury hält, wenn sie ihm den Mordbefehl gibt: You are to shoot the presidential nominee through the head. And Johnny will rise gallantly to his feet and lift Ben Arthur’s body in his arms, stand in front of the microphones and begin to speak. The speech is short. But it’s the most rousing speech I’ve ever read. It’s been worked on, here and in Russia, on and off, for over eight years. I shall force someone to take the body away from him and Johnny will really hit those microphones and those cameras with blood all over him, fighting off anyone who tries to help him, defending America even if it means his own death, rallying a nation of television viewers to hysteria, to sweep us up into the White House with powers that will make martial law seem like anarchy. Now, this is very important. I want the nominee to be dead two minutes after he begins his acceptance speech — depending on his reading time under pressure. You are to hit him right at the point that he finishes the phrase, „Nor would I ask of any fellow American in defense of his freedom that which I would not gladly give myself — my life before my liberty.“ Is that absolutely clear?

Ich fand den Satz rallying a nation of television viewers to hysteria, to sweep us up into the White House einfach wunderbar. Um nichts anderes geht es in Amerika.

 

Bo Widerberg

 

Ist er wirklich schon beinahe zwanzig Jahre tot? Seine Filme laufen immer noch in meinem Kopf. Wie Lust och fägring stor, diese amour fou einer schwedischen Lehrerin zu einem Schüler. Der ➱Film spielt während des Zweiten Weltkriegs in Malmö, der Stadt, in der Bo Widerberg am 8. Juni 1930 geboren wurde. Wo auch Widerbergs erste Filme spielten. Vielleicht ist manches in Lust och fägring stor autobiographisch, autobiographische Elemente kann man bei ihm immer wieder entdecken.

Lust och fägring stor (Schön ist die Jugendzeit) ist sein letzter Film gewesen. Hier sehen wir ihn mit Anita Ekberg, die sollte eigentlich in seinem dritten Spielfilm Roulette der Liebe mitspielen, aber dann war es zu einem Streit gekommen. Dabei hätte die Schwedin, die durch ➱La Dolce Vita berühmt wurde, sich hier doch wohlfühlen können. Widerbergs Film war ein bisschen Fellini, ein bisschen ➱Michelangelo Antonioni, aber kein bisschen Widerberg.

Er hätte es besser wissen müssen, denn schon als Filmkritiker hatte er ➱Bergman in seiner Essaysammlung Visionen i svensk film (1962) vorgeworfen, dass seine Filme keinen Realitätsbezug haben. Widerberg wollte ein neues Kino für die sechziger Jahre. Die Franzosen und die Engländer hatten so etwas (und selbst in Deutschland gab es einen neuen Film), die Schweden lebten von Ingmar Bergman und dem Export von blonden ➱Schwedinnen in das Kino weltweit. Bo Widerberg wird dem schwedischen Film ein anderes Gesicht geben. Er ist kein zweiter Bergman, er ist eher der Ken Loach des schwedischen Films. Sein erster bedeutender Film war Kvarteret Korpen (➱Raven’s End), der ein Erfolg auch außerhalb Schwedens wurde. In amerikanischen Filmclubs wird das Sozialdrama immer wieder gezeigt.

Mit Thommy Berggren (hier in Widerbergs erstem Spielfilm ➱Barnvagen) hatte er einen Schauspieler entdeckt, den er für viele Filme einsetzen konnte. Vor allem in dem Film, der so ganz im Gegensatz zu den kleinen Dramen der Arbeiterklasse steht, die die ersten Filme Widerbergs ausmachen. Und damit meine ich jetzt natürlich Elvira Madigan, ein Film, der schon in den Posts ➱Elvira Madigan und ➱Liebestod besprochen wird. Und natürlich in ➱Klavierkonzert No 24.

Jetzt hätte Widerberg einen Liebesfilm mit schönen Kostümen nach dem anderen drehen können, aber er denkt nicht daran. Er dreht mit Adalen 31 einen Film (➱hier ganz zu sehen) über einen Streik in Schweden, der von der Armee blutig beendet wird. Vincent Canby schrieb damals über den Film: Widerberg is an enthusiastic but slightly schizoid director, torn between his loudly stated political activism and a barely controlled passion for visual images so lush they are intoxicating in a numbing way. Curiously, ‚Adalen 31‘ works just because of this duality. Das mit den schönen Bildern (Canby sprach von Widerberg’s light-filled images which are almost presumptuous in their evocation of the Renoirs, père et fils), das kann er seit Elvira Madigan nicht lassen. Das mit den schönen Frauen, hier Anita Björk, auch nicht.

Für ➱The Ballad of Joe Hill ist Widerberg nach Amerika gegangen, aber die Amerikaner mochten diesen Film über einen schwedischen Gewerkschaftsaktivisten nicht. War es das schlechte Gewissen, dass sie Joel Emmanuel Hägglund, der in Amerika zu Joe Hill wurde, hingerichtet hatten? Aber Joe Hill lebt weiter, man kennt noch die Songs, die er geschrieben hat. Und es sind genügend Songs über ihn geschrieben. Wie I dreamed I saw Joe Hill last night Alive as you or me Says I, But Joe, you’re ten years dead I never died, says he I never died, says he. Das hat beinahe jeder gesungen, ich bringe mal die Version von ➱Paul Robeson. Und dann habe ich hier noch einen Song von ➱Phil Ochs (der ➱hier schon einen Post hat), wo er in der Anmoderation über einen Film redet: This song has been made into a movie starring Richard Burton as Joe Hill, and Elizabeth Taylor plays the industrial workers of the world. Das ist wirklich witzig.

Für Marika Lagercrantz (Tochter von Olof Lagercrantz und einmal Botschaftsrätin in Berlin) schwärme ich, seit ich sie 1989 in Landstrykere (die Knut Hamsun Verfilmung ist ➱hier ganz zu sehen) gesehen habe, ich habe mir sogar die DVD besorgt. Von Widerbergs letztem Film Lust och fägring stor auch. Wegen Widerberg. Und wegen Marika. Der Film hat eine Oscar Nominierung bekommen. Und den Silbernen Bären und den Blauen Engel in Berlin, es ist schön, dass Bo Widerberg das noch erleben konnte. Nicht, dass der Mann, der all seine Drehbücher selbst geschrieben hat, keine Filmpreise in seinem Leben erhalten hätte, so ist es nicht.

Und dann hätte ich zum Schluss noch den ultimativen Filmtip für die Europameisterschaft (ich habe den Film schon vor vier Jahren in dem Post ➱Wundliegen empfohlen), nämlich Widerbergs Film ➱Fimpen. Der beste Fußballfilm aller Zeiten steht auf der DVD, stimmt auch. Für Erwachsene und für Kiddies ab sechs. Bo Widerberg ist in diesem Blog kein Unbekannter, er ist immer wieder erwähnt worden. So in den Posts Elvira Madigan, Liebestod, Klavierkonzert No 24, Wundliegen, John Schlesinger

Vampire

 

Ich war vor Jahren an einem Sonntagnachmittag noch einmal in der Uni gewesen, um korrigierte Klausuren in den Stahlschrank einzuschließen. Als ich das Geschäftszimmer abschloss, sah ich eine Anzahl von Büchern auf dem Tisch neben der Tür liegen. Das war der Ort, wohin jeder seine Bücher legte, die er nicht mehr brauchte. Ich griff mir eins, das Twilight hieß, es war von einer Autorin namens Stephenie Meyer. Ich hatte noch nie von der Frau gehört. Als ich am Montagmorgen Twilight reumütig wieder auf den Tisch legte, gab ich ihr keine großen Aussichten auf eine literarische Karriere. Ich hatte den Roman nicht zu Ende lesen können, weil ich immer wieder diese schrecklichen Lachanfälle hatte.

Wenn Sie den Post ➱Fantasy gelesen haben, in dem ich die Welt von Stephenie Meyer als Teeny Vampirschrott bezeichnete, dann wissen Sie dass diese Welt nicht unbedingt die meine ist. Aber die Vampire gehören nun einmal zur englischen Literatur, auch wenn an ihren Anfängen vielleicht nicht unbedingt ➱John Polidoris The Vampyr steht. Ich möchte Ihnen heute einen Herrn vorstellen, der beruflich etwas mit Vampiren zu tun hat und schon über sie schreibt, bevor Bram Stoker auf die Idee gekommen ist. Dafür hat ihn Bram Stoker als Professor van Helsing in seinen Roman Dracula geschrieben. In Wirklichkeit hieß der Gelehrte (der heute vor 316 Jahren geboren wurde) Gerard van Swieten und hat eine Abhandlung des Daseyns der Gespenster mit einem Anhange vom Vampyrismus geschrieben, in der er sagt:

Der Aberglauben vom Vampyrismus wird lateinisch Magia Posthuma, oder Zauberey der Abgestorbenen, genennet. Die Vampyren aber sind verstorbene Menschen, welche zuweilen später, zuweilen eher aus dem Grabe aufstehen, den Menschen erscheinen, das Blut aussaugen, an die Hausthüren ungestümm anklopfen, Getöse im Hause erwecken, und öfters gar den Tod verursachen sollen. Wessentwegen dann auch sehr viele kaiserl. königl. scharfe Befehle in alle Erbländer ausgeschicket worden, diesem Abentheuer des Aberglauben Schranken zu setzen, dergleichen nur unter Barbaren, Ignoranten, oder Boshaften zu finden sind. In allen christcatholischen andern Ländern ist diese schädliche Meinung unbekannt. Nur in Ungarn, Mähren, Pohlen und Schlesien findet sie ihre Anhänger. Der Anfang dieses Uebels mag seinen Grund wohl ohne Zweifel in der schismatischen griechischen Einfalt haben, welche glaubt, daß der Teufel an statt der Seele den Körper des Menschen besitzen könne. Außer dieser kurzen Erinnerung weis ich meinem Leser nichts mehr zu sagen, als daß ich mich seiner Gewogenheit und Freundschaft ergebenst empfehle. Ob Dr van Swieten diesen kleinen ➱Reisekoffer bei seiner Reise nach Mähren dabei gehabt hat, weiß ich nicht so genau.

Der Arzt und Wissenschaftler Gerard van Swieten ist nach Wien gegangen, weil er als Katholik in seiner Heimat Holland kein berufliches Fortkommen sah, jetzt wird er Leibarzt von Maria Theresia. Und ein Reformer in allen Bereichen. Er organisiert die medizinische Ausbildung in Wien neu und lässt einen botanischen Garten einrichten. Und drängt den Einfluss der Jesuiten zurück und regelt das Zensurwesen neu. In all diesen Dingen ist er vergleichbar mit dem Reichsgrafen von Rumford, der den bayrischen Staat modernisiert. Der Amerikaner mit deutschen und englischen Adelstiteln, dem man in München den Englischen Garten verdankt, hat ➱hier natürlich schon einen Post.

Im Jahre 1755 schickt Maria Theresia den Doktor van Swieten nach Mähren, weil von dort besonders viel Fälle von Vampiren gemeldet werden. Und da hat sie genau den Richtigen dorthin entsandt, denn für den nüchternen Wissenschaftler ist der Vampirmythos eine Barbarei der Unwissenheit. Das Fazit seiner Untersuchungen wird sein, daß der ganze Lärm von nichts andern herkömme, als von einer eitlen Furcht, von einer aberglaubischen Leichtglaubigkeit, von einer dunklen und bewegten Phantasey, Einfalt und Unwissenheit bei jenem Volke. Der Meinung sind wir heute natürlich auch alle. Und doch, und doch. Zwar hat Maria Theresia auf Grund seines Berichtes einen Erlass publiziert, der alle allgemein gebräuchlichen Abwehrmaßnahmen gegen Vampire wie das Pfählen, Köpfen und Verbrennen verbot. Was aber nicht verboten wurde, sind Vampirromane und Vampirfilme. Und Kinderbücher, die Der kleine Vampir heißen.

Wenn auch keiner wirklich an Vampire und Vampirimus glaubt, warum werden dann immer wieder Bücher über sie geschrieben und gelesen? Warum werden Filme über sie gedreht? Schauen Sie sich einmal diese ➱Liste, das werden Sie nicht glauben. Und bei diesen hunderten von Vampirfilmen sind noch nicht einmal die billigen Slasher-, Snuff-, Necro- und Pornoproduktionen dabei. Jeffrey Weinstock listet in seinem Buch The Vampire Film: Undead Cinema auch Pornoproduktionen wie Ejacula la vampira auf. El sueño de la razón produce monstruos, der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, mehr kann man dazu nicht sagen. Als der Freiherr van Swieten (dessen Sohn Gottfried Mozart protegierte) in seinem Bericht von der Reise nach Mähren schrieb, daß der ganze Lärm von nichts andern herkömme, als von einer eitlen Furcht, von einer aberglaubischen Leichtglaubigkeit, von einer dunklen und bewegten Phantasey, Einfalt und Unwissenheit bei jenem Volke, da glaubte er wohl, jetzt sei es mit dem Unsinn zu Ende.

Es ist nie zu Ende. Mähren ist überall. Ich habe Regale voll mit Literatur zu dem Thema, ich war einmal Anglist. Die Engländer, die schon immer zu Perversionen neigten, haben es nun mal mit dem Genre. Ich war einmal auf einer dreitägigen Konferenz zu diesem Thema, bin dort aber nicht durch Diskussionsbeiträge aufgefallen. Eher durch beständiges Kichern. Der Post Fantasy war übrigens in etwas anderer Form einmal ein Aufsatz in einem Sammelband. An dem ich eigentlich nicht mitschreiben wollte. Bis mir der Herausgeber anbot, dass ich auch, wenn ich wollte, einen richtigen Hassartikel schreiben dürfe. Das habe ich dann getan. Aber die ironische Decouvrierung des ganzen Blutsaugerwahns hat dem Ganzen auch keinen Einhalt geboten.

 

Wenn ich aus der Vielzahl der Bücher zu dem Thema ein einziges Buch empfehlen sollte, dann wäre das Simone Stöltzels Nachtmeerfahrten (das habe ich schon in dem Post ➱Nachtfahrt erwähnt). Und sie könnten auch noch diese Posts lesen: Dracula, Fantasy, Catherine Oxenberg, Gothick, Gilda, Alan Parker, Landschaftsgärten, Roman Polanski

Butch Cassidy

 

Heute vor 150 Jahren wurde Robert Leroy Parker geboren, den wir als Butch Cassidy kennen. Beruf: Outlaw. Er hatte Schlachter (butcher) gelernt, daher kommt sein Name Butch. Wir kennen ihn aus dem Film Butch Cassidy and the Sundance Kid. Das ist der Film mit dem Fahrrad und dem Song Raindrops Keep Fallin‘ on My Head, in dem Butch Cassidy zu Sundance Kid sagt: Boy, I got vision, and the rest of the world wears bifocals. Und es ist natürlich auch der Film, in dem ➱Katharine Ross mitspielt. Was wäre der Film ohne sie?

Es ist weder die wahre Geschichte von Robert Leroy Parker (Bild) und Harry Alonzo Longabaugh, noch ist es ein richtiger Western. Wir sind in der Zeit des New Hollywood, da gelten für einen Western andere Regeln (lesen Sie hierzu mehr in dem Post ➱Spätwestern). New Hollywood ist kein Rentnerkino mehr, das ist jetzt der eingefangene Zeitgeist, ins Bild gebrachte counterculture. Die etablierten Studios, die mit den jungen Wilden jede Menge Ärger haben (ein Film wie ➱Hal Ashbys The Last Detail zum Beispiel brauchte nach den Dreharbeiten mehr als ein Jahr, um in die Kinos zu kommen), merken aber, dass sie diese Sorte Film auch in Europa verkaufen können.

Katharine Ross spielt die Lehrerin Etta Place, die wahrscheinlich keine Lehrerin war und auch nicht Etta Place hieß. Aber es hat sie gegeben, eine gut aussehende Frau. Hier hat sie sich vor der Reise nach Südamerika mit Harry Alonzo Longabaugh photographieren lassen. Ein schönes Paar, das so bürgerlich harmlos ausieht. Aber Photos können täuschen. Den Herrn an ihrer Seite kennen wir unter dem Namen Sundance Kid. Das Trio Infernale gehörte nicht unbedingt zu den Helden und Bösewichten des Wilden Westens, auf die Hollywood sich sofort gestürzt hat. Nach dem Film von George Roy Hill im Jahre 1969 wurde das anders. In dem Jahr erschien auch Peckinpahs The Wild Bunch, der auch von den Taten von Butch Cassidy inspiriert war.

Und der sicherlich der bessere Film war. Hatte zwar nicht Paul Newman, Robert Redford und Katharine Ross, aber dafür William HoldenErnest Borgnine und Warren Oates. Der hat hier schon einen ➱Post – und er kommt natürlich auch in dem Post zu ➱Two-Lane Blacktop vor. Der Film von Monte Hellmann kam 1971 in die Kinos. Wenn ich jetzt noch ➱Easy Rider (1969) und ➱Five Easy Pieces (1970) dazu mische und noch erwähne, dass 1969 das Jahr des Woodstock Festivals war und ➱The Greening of America zwei Jahre später erschien, dann haben wir hier einen Kontext, der uns zeigt, dass sich Amerika verändert.

Als einzelne Kritiker die Brutalität von The Wild Bunch beklagten, sagte Peckinpah: America closes its eyes to the hunger and the violence, you have this America open your eyes! Der Film hat niemandem die Augen geöffnet, Hollywoods Produktionen zeigten noch mehr Gewalt, und Hunger und Gewalt gehören zum amerikanischen Alltag. New Hollywood und Bücher wie The Greening of America waren nur ein schöner Traum, dass es mit der Gesellschaft, die sich einst Demokratie und Menschenrechte gegen England erkämpft hatte und dann so ins Alltägliche und mit dem Winning of the West in den Mord abgeglitten war, besser werden könnte. Die anderen tragen Brillen und ich habe Visionen, oh ja, Butch, und was ist deine Vision? Donald Trump? Gun TV? Da fällt mir nur das kleine Gedicht von e.e.cummings ein

Buffalo Bill ’s
defunct
               who used to
               ride a watersmooth-silver
                                                                  stallion
and break onetwothreefourfive pigeonsjustlikethat
                                                                                                     Jesus
 
he was a handsome man 
                                                  and what i want to know is
how do you like your blue-eyed boy

 

Mister Death

Das Gedicht habe ich aber schon vor drei Jahren in dem Post zitiert, der ➱Buffalo Bill heißt. Als ich vor Jahren über Warren Oates schrieb, entdeckte ich den amerikanischen Dichter Red Shuttleworth. Ich war (und bin) von seinen Gedichten in seinem ➱Blog begeistert, das habe ich schon mehrfach in diesem Blog gesagt. Und er hat mit ➱This Place of Memory ja auch schon einen Post bekommen. Die vielen chapbooks, die Red mir über die Jahre geschickt hat, haben jetzt einen Platz im Regal gefunden. Nicht bei den Büchern über den amerikanischen Westen, nein, da, wo die amerikanische Lyrik steht. Red Shuttleworth steht jetzt neben Robert Lowell. Das wird ihn freuen. Red Shuttleworths episches Gedicht über den Revolverhelden Johnny Ringo ist zu lang, um es zu zitieren (74 Seiten), so nehme ich das Gedicht Decortication, das sich im Dezember 2013 in seinem Blog findet, weil da Butch Cassidy auch erwähnt wird:

Skin-deep audiences rubbed off
with tissue paper… or the skin is peeled,
mere shrubbery, and turquoise horses….
Infusion of mysteries at birth…
from first perceived light:
false tableau of wolf and lamb
followed by sleights with homeless
old mad ladies in wind-punched doorways.
I knew something was dreadfully wrong
the first time they cropped my hair.
We spoke at school of famous artists:
Caligula, Sam Houston, Paul Newman
as Butch Cassidy or Cool Hand Luke.
That was confusion: what, then,
of Hopalong Cassidy and Sean O’Casey?
Once barked and free of yearbooks,
bibles, holy season dioramas,
the standout need was solitude…

and it was hard to arrive at safely.

Les Liaisons dangereuses

Am 23. März des Jahres 1782 erschien der Roman Les Liaisons dangereuses. Ein Skandalerfolg. Der Briefroman von Choderlos de Laclos gilt heute als ein Hauptwerk der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts und zählt zur Weltliteratur. Das war mir nicht so klar, als ich den Roman las, über den Hermann Hesse sagte: Unter den erotischen und gesellschaftskritischen Romanen des französischen 18. Jahrhunderts vielleicht der klügste, kühlste, unsentimentalste. Literarisch und psychologisch glänzend. Ich glaube, ich habe den Roman damals gelesen, weil mir jemand erzählt hatte, dass da Sex drin vorkäme. Das ist für Jugendliche natürlich ein Grund, um Romane zu lesen. Vor allem die, die in dem Schrank mit den abgeschlossenen Glastüren sind.

Dieses sex sells war offensichtlich im 18. Jahrhundert die große Entdeckung, mir fallen ohne langes Nachdenken neben den Liaisons dangereuses noch Klassiker der schlüpfrigen Literatur wie Fanny Hill und de Sades Justine ein. Und dann kommen diese Unmengen von Gothic Novels, in denen halbbekleidete junge Damen (meistens adlig) von Bösewichten (immer adlig, niemals englisch) durch die dunklen Verliese des Schlosses gejagt werden. Ich lasse das jetzt einmal weg, Sie können alles dazu in dem Post lesen, der ➱Gothick heißt.

Als ich in dem Tageskalender von Wikipedia für den 23. März las, dass an diesem Tag der Roman von Choderlos de Laclos veröffentlicht worden ist, hatte ich eine Assoziationskette, die Berlin – Regenmantel – Ingrid hieß. Geht nicht anders. Berlin deshalb, weil ich den Film Gefährliche Liebschaften von Roger Vadim (die erste von vielen Verfilmungen) damals kurz nach seiner Erstaufführung dort gesehen habe. Regenmantel: weil ich einen ganz tollen ➱Trenchcoat hatte, gegen den dieser hier von Jean-Louis Trintignant mickrig aussah. Und Ingrid: das war diese Frau, die immer wieder durch mein Leben irrlichterte.

Was ich damals nicht wusste, war die Tatsache, dass man das französische ➱Original beschnitten und umgeschnitten hatte, bis man das Prädikat Nicht freigegeben unter 18 Jahren und für stille Feiertage von der Freiwilligen Selbstkontrolle bekam. Es wird in dieser Zeit um jeden Quadratzentimeter nackter Haut gekämpft, ob es da um ➱Ulla Jacobson in Sie tanzte nur einen Sommer geht oder um ➱Ingemar Bergmans Das Schweigen. Was die Freiwillige Selbstkontrolle nicht unter der Kontrolle hatte, waren die Nacktbadestrände von Sylt, wo man auch schöne Frauen sehen konnten. Ohne Kinokarte. Manche von denen (in Begleitung fetter Sugardaddys mit Goldkettchen) träumten wohl auch davon, einmal auf die Leinwand zu kommen.

Dies ist ein Nostalgie Blog, das wissen Sie schon. Ich nehme Sie mal eben mit zurück in die Vergangenheit. Nicht in das Frankreich des Jahres 1782, nein, in das Berlin des Jahres 1961. Die Filme sind noch schwarz-weiß. Ich auch. Unter meinem italienischen Trenchcoat trage ich einen dunkelgrauen Anzug aus einem ➱Tonic Stoff; ich trage ein weißes Hemd mit einem schmalen Schlips und habe schwarze ➱Apollo Schuhe an meinen Füßen. Ich sehe mindestens so gut aus wie ➱Jean-Louis Trintignant oder ➱Gérard Philipe. Das bildet man sich ein, wenn man achtzehn ist.

It was about eleven o’clock in the morning, mid October, with the sun not shining and a look of hard wet rain in the clearness of the foothills. I was wearing my powder-blue suit, with dark blue shirt, tie and display handkerchief, black brogues, black wool socks with dark blue clocks on them. I was neat, clean, shaved and sober, and I didn’t care who knew it. I was everything the well-dressed private detective ought to be. I was calling on four million dollars. So beginnt ➱Raymond Chandler seinen Roman The Big Sleep. In meiner Geschichte ist es auch Oktober, ich bin auch well-dressed, aber ich mache keinen Besuch bei einem Millionär. Es ist kurz vor acht, und ich warte vor dem  Kino auf Ingrid. Ich ahne schon, dass sie nicht kommt.

Sie besitzen und Sie verlieren, das heißt, einen Augenblick Glück mit einer Ewigkeit Sehnsucht erkaufen. Schreibt der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil. Ich weiß nicht mehr, wer wer ist, in dem Liebesgewirr und den Intrigen von Les Liaisons dangereuses. Ich könnte jetzt noch So gibt es denn überhaupt keine Frau, die nicht die Herrschaft mißbraucht, deren sie sich zu bemächtigen wußte! zitieren. Der Roman von de Laclos ist voll von Sentenzen, Aphorismen und Platitüden. Ich lasse des jetzt beiseite, ich habe angefangen, eine Geschichte zu erzählen. Und ➱Geschichten wollen zu Ende erzählt werden:

Neben den Museen ist das Schönste, was mir Berlin zu bieten hat, die Welt der Filmpaläste (und natürlich 1962 ➱Juliette Grèco). Hier werden schon Filme gezeigt, die sich erst viel später in die Bremer Kinos verirren. Die Kinos heißen noch nicht Cinemaxx oder Astor Film Lounge, der Zoo Palast heißt aber schon damals Zoo Palast. Da kann man noch nach dem Kino bei Aschinger am Zoo ein Würstchen im Stehen essen. Und so viel Brötchen, wie man will. Die heißen hier Schrippen und sind ziemlich klein, stehen aber seit 1900 immer auf den runden Stehtischen. Seit den siebziger Jahren nicht mehr, es gibt kein Aschinger mehr. In diesem Herbst sind wir in einer Jugendherberge in Zehlendorf untergebracht, das ist der Berlinaufenthalt, bei dem ich auf die ➱S-Bahn verzichte. Ich nehme nachts nach Kino oder Oper diese tollen Doppeldeckerbusse, die nachts die Clayallee herunter rauschen. Die passen in meine Inszenierung vom einsamen Stadtwolf, nachts in meinen Trenchcoat gehüllt, oben in den leeren Bussen auf der Clayallee, beschlagene Scheiben, vorbeihuschende Neonleuchten, die nächtliche Lyrik der Großstadt.

 

Ich hatte Ingrid eingeladen, mit mir Gefährliche Liebschaften im Kino zu sehen, Ku’damm, Erstaufführungstheater, wie das damals so schön heißt. Wer nicht kommt ist Ingrid. Ich habe für meinen italienischen Trenchcoat den teuersten Garderobenplatz von ganz Berlin neben mir. Passt zum Trenchcoat. War von Hans Kalich in Bremen, schweineteuer, wie alles bei Kalich. Mammi musste erst zuhause Vaddi anrufen, um zu fragen, ob sie ihn mir kaufen dürfe. Vaddi hat natürlich Ja gesagt. Ich hätte im Kino lieber diese schöne Frau mit den Sommersprossen neben der Nase neben mir gehabt statt des Trenchcoats, aber sie zickt immer rum. Das haben Frauen in den fünfziger Jahren schon gelernt, die Unnahbare zu spielen.

Aber hinter der scheinbaren Überlegenheit ist auch viel Unsicherheit, das Rouge auf ihrer Unterlippe bröckelt ab, weil sie immer mit den Zähnen darauf knabbert, wenn sie nervös ist. Fang mich auf, sagt sie in den Dünen von Langeoog, dann ist sie wieder ganz anders. Wenn irgendetwas eine amour fou ist, dann ist es meine Beziehung zu Ingrid. L’amour est un oiseau rebelle, schreibt sie mir wenig später aus Frankreich. Und l’amour est simple, il est ou il n’est pas… Aber jetzt hasse ich sie erstmal. Nachts auf dem Flur der Jugendherberge sehe ich sie im Licht der Notbeleuchtung, ich drücke ihr die zweite Karte in die Hand und sage Hier hast Du Deine Karte, es waren die besten Plätze. Aber ich kann ihr nicht böse sein, vor allem nicht, wenn sie mir am nächsten Morgen das Butterbrot schmiert. Les Liaisons dangereuses war schon der richtige Filmtitel für uns.

Jahrzehnte später werde ich Jimmy plötzlich zwingen, auf die Bremse von seinem Alfa Romeo zu treten, mitten auf dem Teltower Damm. Warte auf mich, sage ich ihm. Ich habe im Vorbeifahren diesen kleinen Park gesehen. Mit dieser Telephonzelle an der Ecke. Hier war ich mal mit ihr verabredet, sie ist natürlich nicht gekommen. Der kleine Park hat sich in einem Vierteljahrhundert nicht verändert, hier ist die Zeit stehen geblieben. Es ist Oktober wie damals, die roten und gelben Blätter auf dem Boden sehen aus, als lägen sie seit 1961 hier, ➱les feuilles mortes. Der Geruch von der Brauerei reicht noch immer bis hier. Ich drehe mich abrupt um. Fahr los, sage ich zu Jimmy. Manchmal kann man es nicht ertragen, vom Zauber eines Ortes wieder gefangen zu werden. Ich könnte Jimmy jetzt in ein philosophisches Gespräch über Kierkegaards Die Wiederholung verwickeln. Der kleine, jetzt piekende Muskel, den wir Herz nennen, würde lieber Jay Gatsbys Satz Can’t repeat the past? Of course, you can hören.

Alain Delon

 

Er war Kino-Ikone und Herzensbrecher, schön und überheblich, anziehend und egozentrisch zugleich. Alain Delon hat im Laufe seiner Karriere eine Vielzahl von Persönlichkeiten verkörpert. Er wirkte in mehr als 80 Filmen mit: Luchino Visconti, Jean-Pierre Melville, Jean-Luc Godard, Volker Schlöndorff – Delon hat mit den Großen seiner Branche gedreht.

     Arte zeigt den unnahbaren Einzelkämpfer mit stechend kühlem Blick in vier Spielfilmen: „Monsieur Klein“ von Joseph Losey, „Rette deine Haut, Killer“ – Delons Regie-Debüt, in dem er selbst die Hauptrolle spielt, „Der Schocker – Der Preis für ein Leben“ von Alain Jessua und das Eifersuchtsdrama „Der Swimmingpool“ von Jacques Deray. Begleitend dazu gibt die Dokumentation „Alain Delon, persönlich“ bisher unbekannte Einblicke in das Privatleben des französischen Stars. Steht so auf der Seite von Arte, die aus irgendeinem Grund einen Schwerpunkt Alain Delon haben.

Hätten sie ja im November des letzten Jahres zeigen können, als er achtzig wurde. Ich habe mir die Dokumentation Alain Delon, persönlich angeschaut und am Montag Rette deine Haut, Killer gesehen. Das Regiedebüt von Delon hatte ich noch nie gesehen. Ich hatte nichts verpasst. Bevor ich anfange, diesen Verriss zu schreiben, möchte ich Sie bitten, sich das Revers von diesem Anzug anzuschauen. Es ist ein sogenanntes Knize Revers, das viele Schneider in Paris bevorzugten (Sie können in dem Post ➱Waltz into Darkness mehr dazu lesen). Delon, der den Burberry Trenchcoat und den ➱Borsalino wieder belebt hat, war – wie viele seiner französischen Kollegen – in Filmen immer gut gekleidet. Deshalb wird er auch schon in den Posts ➱[‚bɜ:bərᴗi], ➱Trenchcoats, ➱Hüte, ➱Brioni und ➱Lederjacken erwähnt. Über seine rechtsradikalen Ansichten, seine Macho Attitüden und seine Gewaltphantasien schweigt des Sängers Höflichkeit. Es soll aber nicht vergessen werden, dass er sich für Tiere und Tierschutz engagiert.

Rette deine Haut, Killer ist ein Kriminalfilm. Eine ➱Gattung, die das französische Kino perfektioniert hat. Ein Gattung, die Delon kennt, er hat in genügend Filmen dieser Sorte mitgespielt. Und sogar in ➱Filmen des Meisters des Genres Jean-Pierre Melville. Diese Filme (Der eiskalte EngelVier im roten Kreis und Der Chef) gehören auch zu den besten Filmen Delons. Er hätte von Melville etwas lernen können, aber er hat nichts gelernt. Gar nichts. Delon spielt einen Privatdetektiv, der früher einmal bei der Polizei war. Das Motiv ist alt, schon als ➱Raymond Chandler es in The Big Sleep verwandte (ja, Philip Marlowe war einmal im Staatsdienst), war es nicht mehr neu.

Privatdetektive brauchen eine Sekretärin, das ist eine Gattungskonvention. Wir erinnern uns gerne an Effie Perrine, die die Sekretärin bei ➱Hammetts Detektiv Sam Spade ist. Oder an Hélène Chatelain, die die Sekretärin von Nestor Burma ist (➱Léo Malet hat zugegeben, dass er in Bezug auf Detektiv und Sekretärin seine Kollegen Chandler und Hammett ganz schön beklaut zu haben). Der Privatdetektiv Alain Delon hat eine Sekretärin namens Charlotte, die von Anne Parillaud gespielt wird. Sie war damals einundzwanzig und hatte gleich mit Delon eine Affaire.

Das bleibt bei Delon nicht aus, er hatte Affairen mit vielen Frauen. Lange mit Mireille Darc, die in Rette deine Haut, Killer einen klitzekleinen Cameo Auftritt hat (und ➱hier einen vielgelesenen Post hat), kürzer mit Romy Schneider. Und dann ist da noch die Beziehung zu ➱Nico, die einen Sohn von ihm hatte. Den Delon nie anerkannt hat. Obgleich der genau so aussieht wie er. Diese beiden jungen Menschen hatten wohl nichts miteinander, aber im Alter sind sie sich näher gekommen: Delon schwärmt wie ➱Brigitte Bardot für die Front National.

Anne Parillaud zeigt viel nackte Haut in Rette deine Haut, Killer. In dieser Szene sagt sie mit dem nettesten Lächeln ihren beiden Rettern gerade, dass das Sexuelle schon stattgefunden hat. Ach, ist das cool. Und lustig. Dies ist ein Film voller Humor. Alain Delons Humor. Ist wahrscheinlich so ähnlich wie Til Schweigers Humor.

Der größte Erfolg von Anne Parillaud war Luc Bessons Actionfilm Nikita, in dem sie eine Killerin spielt. Da brauchte sie auch nicht so viel anzuziehen. Alain Delon hat der Film wahrscheinlich gefallen. Wenn Anne Parillaud als staatliche Auftragsmörderin ein Erfolg war, als Vampir war sie das nicht. Obgleich sie ein Vampir um Anbeissen war. Ich habe den ➱Film von John Landis Bloody Marie: Eine Frau mit Biß schon in dem Post ➱Fantasy erwähnt. Falls Sie den Post noch nicht gelesen haben, sollten Sie das tun. Der ultimative Artikel zu Vampiren, Zombies, Zeitreisen, Rittern usw.

Eine verworrene Handlung, viel Gewalt und Brutalität, Bösewichte aus der Retorte (auch noch ein klein wenig Gestapo Assoziationen), dumme Polizisten, verbrecherische Polizisten und eine Autojagd (die mit ➱Steve McQueen in Bullitt ist besser) zeichnen den Film aus. Und der infantile Humor. Und schlechte, dröhnende Musik. Oscar Bentons ➱Bensonhurst Blues ist ja ganz nett, brauchte aber nicht so laut zu sein. Ich habe hier eine vierminütige Version des ➱Films, ist alles drin (eine ganze Fassung findet sich ➱hier). Der Film ist offensichtlich jahrelang in Deutschland in einer gekürzten Fassung gezeigt worden, aber das macht nichts. Diesen Film kann man beliebig kürzen. Beliebig verlängern kann man dagegen die Aufzählung der erreurs dans le film auf der französischen Wikipedia Seite.

Wenn ich jetzt bösartig wäre, dann würde ich sagen, dass das Beste in dem Film der kurze Auftritt von Brigitte Lahaie ist, der Königin des französischen Pornofilms. Die Actrice war ja immer mal in Spielfilmen des mainstream Kinos zu sehen (wie in I as in Icarus oder Diva). Oder sie verschönte Naziploitation Filme wie Bordel SS und Horrorfilme wie La Nuit des traquées (The Night of the Hunted).

Es ist ein Film, von dem ich eine DVD besitze, lag im Grabbelkasten, hat mich zwei Mark gekostet. Ich hatte einmal den Plan, über die schlechtesten (und komischsten) Filme des Fantasy Genres zu schreiben. Also Filme wie The Lair of the White Worm (hat ➱hier schon einen Post) oder The Hunger mit ➱Catherine Deneuve. Und ähnliche Filme. Man muss dabei aber ganz vorsichtig sein, ich glaube Jean Rollins La Nuit des traquées hat schon Kultstatus. Ist filmisch gesehen auf jeden Fall besser als Delons Rette deine Haut, Killer.

Arte hat in seinem Delon Schwerpunkt auch gute Delon Filme gezeigt, so etwas gibt es natürlich auch. Aber da hat Delon keine Regie geführt. Für Rette deine Haut, Killer gilt der schöne Satz Ne sutor supra crepidam!, was auf deutsch Schuster bleib bei deinen Leisten heißt. Und seien Sie unbesorgt, ich rede jetzt nicht wieder über ➱Schuhe. Aber dass Delon Kunde bei ➱Berluti war, dass darf man ja wohl noch erwähnen.

Regie zu führen ist eine Kunst, bei der man etwas von dem Handwerk verstehen muss. Davon versteht Delon überhaupt nichts, deshalb die continuity Fehler und die Löcher in der Handlung. Der Drehbuchautor heißt übrigens auch Alain Delon. Der Schriftsteller Christopher Frank hat ihm dabei geholfen. Der hatte zehn Jahre zuvor einen Roman geschrieben, der La Nuit américaine hieß. Ein Titel, den wir kennen, ➱Truffaut hat einen Film mit ➱Jacqueline Bisset daraus gemacht. Allerdings muss man sagen, dass die Dialoge von Christopher Frank in Rette deine Haut, Killer nicht auf dem Niveau von Truffaut sind.

Als der Regisseur Delon den Film Rette deine Haut, Killer dreht, ist er sechsundvierzig Jahre alt. Er möchte gerne jünger sein, er möchte auch gerne so tough sein wie sein Konkurrent Belmondo. Ist er aber bei dem ganzen violence is fun Getue nicht. Wenn er einen karierten Anzug tragen würde, wäre dies die perfekte ➱Nick Knatterton Verfilmung. Mit der Kunstform des französischen ➱Kriminalfilms hat dies nichts zu tun.

Delons Filmdebüt erregte nicht das Aufsehen renommierter Kritiker. Zwar finden sich im Internet viele Lobhudeleien, aber die berühmten Cinéasten blieben stumm. Stumm blieb auch Hans Gerhold, ein Kenner des französischen Films. In seinem souveränen Überblick Kino der Blicke: Der französische Kriminalfilm sucht man den Titel Rette deine Haut, Killer vergebens. Am besten hat mir aber gefallen, was Jean-Patrick Manchette, dessen Roman Delon verfilmte, im Gespräch mit Martin Compart zu Alain Delons Film gesagt hat: Egal was die Kritik sagt: Ich halte die Verfilmungen von Chabrol oder Bral nicht für besser als die durch Delon und Deray. Von mir wird man kein schlechtes Wort über Delon hören; er hat mir mein Appartement bezahlt.