Kate Beckinsale


Die englische Schauspielerin Kate Beckinsale hat heute Geburtstag, da wollen wir doch Glückwünsche aussprechen. Als sie jung war, fand ich sie ausgesprochen schnuckelig. Im Jahre 2009 wählte sie die Zeitschrift Esquire zur ✺Sexiest Woman Alive (das Video müssen Sie sich unbedingt ansehen). Sie sieht heute sicher immer noch gut aus, aber sie sieht so aus, wie viele Schauspielerinnen (das gucken Sie lieber nicht) heute aussehen. Sie hat angeblich einen IQ von 152, das haben nicht viele Schauspielerinnen. Sexiest Woman Alive wird sie wohl kein zweites Mal, aber in diesem Jahr hat die National Film Academy sie als beste britische Schauspielerin ausgezeichnet. 2009 machte sie, von Ellen von Unwerth photographiert, Werbung für Absolut Vodka, was etwas seltsam war, denn sie trinkt überhaupt keinen Alkohol.

Nicht alle ihrer Filme sind gute Filme. Über den Film ✺Hauntedschrieb TV SpielfilmDieser Film hätte nicht einmal eine Videopremiere verdient, wären da nicht die Schauspieler Aidan Quinn und Anthony Andrews. Und zugegeben, auch die niedliche Kate Beckinsale ist durchaus nett anzusehen. Ansonsten ist diese wirre Story von Schuld, Sühne und Inzest eher wenig geistreich. Man sollte noch hinzufügen, dass Kate Beckinsale mehrfach in diesem Film nackt ist, das reißt alles heraus. Der Schauspieler Anthony Andrews, der Haunted produziert hat, war hier schon mal im Blog, weil er einer der Hauptdarsteller von ✺Brideshead Revisited ist. Und weil er mit Georgina Simpson, der Erbin von Daks/Simpson,verheiratet ist. 

Vor dreißig Jahren hatte Kate Beckinsale eine kleine Rolle in dem melodramatischen Fernsehfilm ✺One Against the Wind, dadurch wurde sie in England ziemlich berühmt. Die nächsten Rollen spielte sie so nebenbei, da sie in Oxford Romanistik und Slavistik studierte. In Kenneth Branaghs ✺Much Ado Nothing (1993) spielte sie nur mit, weil die Dreharbeiten in die Semesterferien fielen. Aber am Ende ihres Studiums, ein Jahr vor Haunted, drehte sie einen Film, der völlig aus der Rolle fällt. Kein Kinofilm, ein Fernsehfilm für die BBC, eine Literaturverfilmung vom feinsten.

Der Roman heißt Cold Comfort Farm, er steht auf der Liste der 100 Novels That Shaped Our World der BBC; und Julie Burchill, die mal die Kodderschnauze der Subkultur war, hat in der Sunday Timesgesagt: very probably the funniest book ever written. Das könnte man natürlich auch über The Diary of a Nobody sagen, das mir Georg gerade geschenkt hat, damit ich nicht immer nur dieses highbrow Zeuch lese, aber wir lassen den Satz von Julie Burchill mal so stehen. Stella Gibbons, die den Roman 1932 schrieb, hat noch zwanzig andere Romane geschrieben, aber keiner hatte den Erfolg von Cold Comfort Farm. Bei dieser Ausgabe des Penguin Verlags hat sich der Designer sicher ein wenig an Kate Beckinsale orientiert, die im Film die Flora Poste spielt. Die gerne Schriftstellerin werden möchte: When I am 53, I hope to write a novel as good as ‚Persuasion,‘ but in a modern setting.

The education bestowed on Flora Poste by her parents had been expensive, athletic and prolonged: and when they died within a few weeks of one another during the annual epidemic of the influenza or Spanish Plague which occurred in her twentieth year, she was discovered to possess every art and grace save that of earning her own living … Flora inherited, however, from her father a strong will and from her mother a slender ankle. The one had not been impaired by always having her own way nor the other by the violent athletic sports in which she had been compelled to take part, but she realized that neither was adequate as an equipment for earning her keep. So fängt der Roman an, die neunzehnjähtige Debübantin, die alle Gesellschaftstänze beherrscht, landet bei ihren Verwandten auf dem Land. Irgendwo in Sussex. In einer anderen Welt.

Romane, die auf dem Land spielen, liebt der Engländer, wenn Sie an How Green was my Valley oder The Darling Buds of May denken. Aber schon zuvor spielte die englische Landschaft eine große Rolle im englischen Roman. Bei den Brontës, in den Wessex Novels von Thomas Hardy und selbst noch in Lady Chatterley. Doch dieser Roman ist die schönste Satire auf das Landleben, ein bisschen Brontë Sisters, ein bisschen Thomas Hardy, ein bisschen bösartig, aber hochkomisch. Die BBC verpflichtete John Schlesinger, der für das englische Fernsehen mit großem Erfolg schon Separate Tables (1983), An Englishman Abroad (1983) und A Question of Attribution gedreht hatte. Das Drehbuch schrieb Malcolm Bradbury, der hier schon in den Posts Universitätsromane und Ray Bradbury erwähnt wurde. Wenn ich damals, als ich ihn traf, gewußt hätte, dass er das Drehbuch geschrieben hätte, wäre er mir sympathischer gewesen.

Bei der Besetzung des Films hat man an nichts gespart. Kate Beckinsale ist sicherlich die ideale Flora, aber Schlesinger fand, dass sie zu jung für die Rolle sei. Doch sie wollte diese Rolle unbedingt haben: I went through the book, found all the points that supported I was the correct age, wrote what was essentially a research paper in the form of a, ‚Dear John, you’re making a terrible mistake and I’m gonna save you from it…‘ letter, and delivered it to his door. Schlesinger fand den Brief, den sie ihm mitten in der Nacht zugestellt hatte, very amusing, rief sie an und sagte ihr, dass sie die Rolle hätte. Niemand in England glaubte, dass der Film ein amerikanisches Publikum begeistern könnte, aber Schlesinger war da anderer Meinung. Und er hatte recht, der Film verkaufte sich erstaunlich gut, und die Kritiker waren von Beckinsale begeistert. 

Emanuel Levy schrieb in VarietyThe ensemble playing of the large, inspired cast is so felicitous that it’s difficult–and perhaps unfair–to single any performer for special praise. Still, in the lead, Beckinsale has the strength of a young Glenda Jackson and the charm of a young Julie Christie. Die Los Angeles Times sprach von yet another of those effortlessly skilled British beauties who light up the screen, und Janet Maslin von der New York Times schrieb, Beckinsale spiele die Rolle with the perfect snippy aplomb. In Deutschland war die Rezeption des Filmes gemischt. Susanne Weingarten, damals Kulturredakteurin des Spiegel,hielt den Film für einen bräsigen britischen Bauernschwank, Volker Weidermann, der im Herbst das Feuilleton der Zeit übernimmt, war in seiner Kritik in der TAZ sehr viel intelligenter.

Und dann sind da noch die großartige Joanna Lumley, Ian McKellen und Stephen Fry, und und und. Es ist eine völlig verschrobene Komödie, schräg und skurril, typisch englisch. Es ist ein Kostümfilm, wenn man so will, in Kostümfilmen war Beckinsale groß geworden (auch Hauntedist ja ein Kostümfilm). 

Ein Jahr nach Cold Comfort Farm drehte sie ✺Emma, es gab zwei Emmys für den Film. Und zu Jane Austen kehrte sie vor fünf Jahren mit dem Film ✺Love & Friendship zurück. Dazwischen war sie in Unmengen von Action- und Horrorfilmen zu sehen (den Film Pearl Harbor fand ich einen Tiefpunkt ihrer Karriere). Wenn Sie den Post Fantasy gelesen haben, wissen Sie, dass ich diesen Genres nichts abgewinnen kann. In den Filmen, die ✺Underworld (1 bis 5) heißen, kann sie als Vampir in schwarzem Latex alles.

Im wirklichen Leben hat sie zwar in Oxford studiert und spricht Russisch, hat aber immer noch keinen Führerschein. Und sie ist mir in Jane Austen Verfilmungen und allen period costumes (oder auch nackt wie in Haunted) lieber als in den Latexklamotten. Als Honor Blackman und ✺Diana Rigg so etwas in den Avengers trugen, war das ja noch irgendwie witzig. Die junge Flora Poste ordnete das chaotische Leben ihrer Verwandtschaft nach der Maxime: I try to bring people around to the higher common sense. Vielleicht hätte Kate Beckinsale ihr Leben auch nach dieser Maxime ausrichten sollen. Dann wären uns Vampir Hybride in schwarzen catsuits und viel anderer Zelluloidmüll erspart geblieben.


Den Film ✺Cold Comfort Farm habe ich natürlich heute am Geburtstag von Kate Beckinsale auch im Programm. 

This effing Lady


Die Dame hier auf diesem Photo von Helmut Newton ist die australische Schauspielerin Coral Edith Browne, die am 23. Juli 1913 geboren wurde. Ihren Ehemann im Vordergrund können wir nicht so richtig erkennen. Er ist wahrscheinlich berühmter als seine Gattin, es ist niemand anderer als Vincent Price, den wir aus einer Vielzahl von Horrorfilmen kennen. Es war übrigens eine sehr glückliche Ehe, hatte nichts mit Horror zu tun. Coral Browne sieht hier aus wie eine Lady, warum hat ihre Biographin Rose Collis ihr Buch nur This Effing Lady genannt? Eine wirkliche Lady würde normalerweise nicht mit einem Adjektiv wie effing bedacht werden, aber Coral Browne ist nun einmal outspoken, wie der Engländer das nennt, und gebraucht viele f-words. Bei ihrer Beerdigung hat der australische Schauspieler Barry Humphries ein kleines Gedicht vorgelesen:


She left behind an emptiness

A gap, a void, a trough

The world is quite a good deal less

Since Coral Browne fucked off.


Coral Browne hat auf der Bühne und im Film eine Vielzahl von Rollen gespielt, in John Schlesingers Film An Englishman Abroadspielt sie sich selbst. So etwas kommt in der Karriere eines Schauspielers selten vor. Sie war 1958 mit der Royal Shakespeare Company in Moskau, man gab Shakespeares Hamlet, Coral Browne spielte die Königin Gertrude. Nach der Vorstellung lernt sie einen etwas heruntergekommenen englischen Gentleman kennen, der als erstes sagt: What pleasure, in this day and age, is to hear the language so beautifully spoken! Und der sie bittet, für ihn in London einige Einkäufe zu machen. Er möchte einen neuen Anzug haben, das muss natürlich ein englischer Anzug sein. Und einen neuen Eton Schlips brauchte er auch noch. Er selbst kann nicht zurück nach London. Er heißt Guy Burgess und ist ein Spion und Vaterlandsverräter. Aber der englische Maßanzug und der Eton Schlips, die müssen sein.

Was man in Moskau an Anzügen kaufen kann, das kann ein Gentleman, der in Eton und Cambridge gewesen ist, natürlich nicht tragen: Clothes have never been the comrades‘ strong point. Besides, I don’t want to look like everybody else, do you? Früher haben ihn Anzüge nicht interessiert: I never cared tupppence for clothes before. I was kitted out in the traditional garb of my class. Aber jetzt, in der Einsamkeit von Moskau, da möchte er doch einen neuen englischen Anzug zur Identitätsgewinnung haben. Coral Browne nimmt seine Maße und geht damit in London zu seinem Schneider. Sie versucht, zuerst den Namen des Kunden geheim zuhalten, gibt ihn dann aber doch preis:
Tailor: We have two Mr Burgesses. I take this to be Mr Burgess G. How is Mr Burgess? Fatter I see. One of our more colourful customers. Too little colour in our drab lives these days. Knowing Mr Guy he’ll want a pinstripe. But a durable fabric. His suits were meant to take a good deal of punishment. I hope they have stood him in good stead.

Als Coral Browne den Schneider um Diskretion bittet, sagt der: Oh, Madam. Mum is always the word here. Moscow or Maidenhead, mum is always the word. Schneider sind offensichtlich verschwiegener als Spione. Bei einem zweiten Einkauf in einem anderen Geschäft weigert sich der Angestellte, Coral Browne die gewünschten Pyjamas zu verkaufen: The Gentleman is a traitor, Madam. Schließlich beliefere man die königliche Familie. Anzüge kann man bestellen, aber Pyjamas werden nicht an jeden verkauft. An dieser Stelle hat Alan Bennett, der aus seinem Theaterstück das Drehbuch für den Film gemacht hat, für die Australierin Browne eine kleine Hassattacke auf die Verlogenheit der Engländer in das Stück geschrieben. Obgleich die Namen der beiden Firmen nicht genannt werden, hat sich Bennett diese Szenen nicht ausgedacht. Die ganze Geschichte ist wahr, der Anzug erreicht Guy Burgess an seinem Geburtstag 1958 in Moskau.

Als ein amerikanischer Drehbuchautor gegenüber Coral Browne etwas gehässig bemerkte, dass das Drehbuch von An Englishman Abroad nicht besonders gelungen sei, erwiderte sie in ihrer typischen Art: Listen, dear, you couldn’t write ‚fuck‘ on a dusty venetian blind. Coral Browne liebte den Film, über den Pauline Kaelgesagt hatte: probably the finest hour of television I’ve ever seen. Es war auch ihr Film, es war ein Teil von ihrem Leben. Alan Bennett hätte das Drehuch nicht schreiben können, wenn sie ihm nicht das ganze Material überlassen hätte. Coral Browne hatte ihr Treffen mit Burgess im Jahre 1958 geheimgehalten, es wäre wohl nicht gut für ihre Karriere gewesen. Aber Alan Bennett hat sie die ganze Geschichte erzählt:


Some years ago a stage play of mine, ‚The Old Country‘, was running in the West End. The central character, Hilary, played by Alec Guinness, was a Foreign Office defector living in Russia. Hilary was generally identified as Philby, though that had not been my intention, the character having much more in common with a different sort of exile, W. H. Auden. However during the run of ‚The Old Country‘ friends and well-wishers would come round after the performance, often with reminiscences of Philby and his predecessors, Burgess and Maclean. One of these was Coral Browne who told me of her visit to Russia with the Shakespeare Memorial Theatre in 1958 and the particular incidents that make up ‚An Englishman Abroad‘.


The picture of the elegant actress and the seedy exile sitting in a dingy Moscow flat through a long afternoon listening again and again to Jack Buchanan singing ‚Who stole my heart away?‘ seemed to me funny and sad but it was a few years before I got round to writing it up. It was only when I sent Coral Browne the first draft of the television film that I found she had kept not merely Burgess’s letters, thanking her for running his errands, but also her original notes of his measurements and even his cheque (uncashed and for £6) to treat her and one of her fellow actors to lunch at the Caprice. The original script of the television film was quite close to the version now presented on the stage. It had no exterior shots because I knew no BBC budget would run to filming in Moscow or some foreign substitute. I introduced the exteriors only when a suitable (and a suitably economic) substitute for Moscow was found in Dundee.

I have put some of my own sentiments into Burgess’s mouth. ‘I can say I love London. I can say I love England. I can’t say I love my country, because I don’t know what that means’, is a fair statement of my own, and I imagine many people’s position. The Falklands War helped me to understand how a fastidious stepping-aside from patriotism could be an element in characters as different as Blunt and Burgess. Certainly in the spy fever that followed the unmasking of Professor Blunt I felt more sympathy with the hunted than the hunters.

Ich habe natürlich den Film ✺An Englishman Abroad hier für Sie (und auch die Hörspielfassung der ✺BBC). Die beiden Hauptdarsteller des Films, Coral Browne und Alan Bates (der Guy Burgess spielt), erhielten beide einen BAFTA Award. Der Film rangiert auf der Liste der hundert besten Fernsehproduktion des BFI auf Platz 30. Leider ist der zweite Film, der von englischen Spionen handelt, A Question of Attribution, von der BBC aus dem Netz genommen. Beide Filme von John Schlesinger sind auf DVDs einzeln nicht zu finden, sie sind aber in der 4 DVD Cassette Alan Bennett at the BBC enthalten. Neben den beiden Schlesinger Filmen über englische Spione sind da auch noch drauf: 102 Boulevard Haussmann (1990), A Day Out(1972), A Visit from Miss Protheroe (1978), A Woman of No Importance (1982), The Insurance Man (1986), Our Winnie(1982), Sunset Across the Bay (1975), Dinner at Noon (1988) und Portrait or Bust (1994).

Proust Leser haben natürlich sofort bemerkt, dass 102 Boulevard Haussmannetwas mit Proust zu tun haben muss, denn das ist seine Pariser Adresse. Und es hat etas mit Proust zu tun, und mit Céleste Albaret. Beide in dem kleinen Film von Udayan Prasad brillant verkörpert durch Alan Bates und Janet McTeer.

Les mellieurs films français

Dies ist ein kleiner Verlegenheitspost, ich schreibe an etwas Längerem, das am 10. Juli erscheinen soll, Sie ahnen schon, dass das etwas mit dem 150. Geburtstag von Marcel Proust zu tun hat. Wir bleiben aber mal eben in Frankreich. Am 7. Juli 1939 wurde in Paris Jean Renoirs Film ✺Die Spielregel aufgeführt. Da waren die Deutschen schon in Frankreich. Als der Film gedreht wurde, war noch kein Krieg, aber für Renoir war es ein Kriegsfilm. Er hat dazu gesagt: Was interessant am Film ist, vielleicht, ist sein Entstehungszeitpunkt. Es wurde zwischen München und dem Krieg gedreht, und ich machte den Film ganz beeindruckt, vollkommen eingenommen von dem Geisteszustand eines Teils der französischen Bevölkerung, eines Teils der englischen Bevölkerung, und eines Teils der Weltbevölkerung. Und ein Weg, diesen Geisteszustand zu interpretieren, hoffentlich für die ganze Welt, schien mir zu sein, nicht die Situation selbst anzusprechen, sondern eine frivole Geschichte zu erzählen. Ich suchte Inspiration bei Beaumarchais, bei Marivaux, den klassischen Autoren der Komödie. Der Film war beim Publikum ein Mißerfolg, die Franzosen waren offenbar noch nicht reif genug für diesen Klassiker. Es gab hier, genau vor sechs Jahren, schon einen langen Post, der Spielregeln heißt. Dessen Lektüre kann ich empfehlen.

Was ich auch empfehlen kann, ist die Sendung ✺Tristesse und Sehnsucht: das Kino des Marcel Carné. Gab es vorgestern bei arte, falls Sie die Doku verpasst haben, gibt es sie heute hier noch einmal. Dann haben Sie mit Renoir und Carné die Höhepunkte des französischen Films zusammen. Marcel Carné war schon häufig in diesem Blog, zuletzt in dem Post Les enfants du Paradis.

Lesen Sie auch: Les Films de ma Vie

nouvelle vague suédoise


Das ist jetzt echte Nostalgie, früher sahen alle hübschen jungen Frauen so aus. Also damals, als das Kino noch Kino war. Und in Schweden noch Linksverkehr war. Dies hier ist die Schwedin Inger Taube, die Hauptdarstellerin in Bo Widerbergs erstem Spielfilm Kinderwagen(Barnvagnen) aus dem Jahre 1963. In Widerbergs drittem Film Roulette der Liebe(Kärlek 65) war sie auch wieder zu sehen. Da hätte auch Anita Ekberg mitspielen sollen, aber die stieg aus dem Film aus: Widerberg wanted me to wear pigtails and clogs, and that is not Anita Ekberg. Das sehen wir ein, pigtails and clogs sind natürlich nichts für eine Frau, die nachts in römischen Brunnen zu baden pflegt. Die Geschichte stand schon heute vor fünf Jahren (mit einem Photovon Anita Ekberg und Bo Widerberg) in dem Post Bo Widerberg. Der schwedische Filmregisseur war schon häufig in diesem Blog. Heute, an seinem Geburtstag, gibt es nichts wirklich Neues. Aber es gibt eine Liste meiner Liebligsfilme, die alle anklickbar sind, so dass Sie sie sehen können. Sie sind hier chronologisch geordnet.


Und da fangen wir doch gleich mit ✺Barnvagnen an, einem sozialkritischen Film, der formalästhetisch aufregend modern ist. Und der mit Thommy Berggren einen Schauspieler hat, der fortan in vielen Widerberg Filmen zu sehen ist, er wird der Leutnant Sparre in Elvira Madigan sein und Joe Hill in Joe Hill. Wir können ihn auch in ✺Kärlek 65 sehen (Inger Taube auch), aber das war ein Film, in dem man wenig von Widerberg spürte. Das war ein bisschen Fellini, ein bisschen Michelangelo Antonioni, aber kein bisschen Widerberg. Ich plaziere ihn trotzdem mal auf der Liste. Widerberg, der Ingmar Bergman sehr kritisch gesehen hat, ist jetzt der Vertreter der nouvelle vague von Schweden. Nur, dass ausserhalb von Schweden noch nie jemand von ihm gehört hat. Was nicht ganz stimmt. Immerhin war sein Film Das Rabenviertel (✺Kvarteret Korpen) 1963 für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert gewesen.

Die nächste Zusammenarbeit von Widerberg und Thommy Berggren wurde ein Welterfolg. Was auch etwas an der blonden siebzehnjährigen Pia Degermark und an dem kantablen zweiten Satz von Mozarts Klavierkonzert No 21lag. John Updike schrieb den Film ✺Elvira Madigan in ein Gedicht, und Schallplattenfirmen etikettierten ihre CDs um. Mozarts Klavierkonzert hieß jetzt Elvira Madigan. Der erste Farbfilm von Bo Widerberg hat hier schon zwei Posts, die Elvira Madigan und Liebestod heißen.


Der weltweite Erfolg zog Widerberg nach Amerika. Er war im Gespräch, die Regie bei der Neuverfilmung von The Great Gatsby zu übernehmen, er tat das nicht. Er drehte dort ✺Joe Hill, die Geschichte des Arbeiterführers und Volkssängers, den wir auch aus dem Song von ✺Joan Baez kennnen. Aber das war kein Thema für das amerikanische Publikum, der Film gewann zwar in Cannes einen Preis, wurde aber kaum gezeigt. Seit dem Jahr 2015 gibt es eine restaurierte Fassung der schwedischen Nationalbibliothek, die Sie hier sehen können.

Mein nächster Titel heißt ✺Fimpen (deutsch: Fimpen, der Knirps), es ist eine Komödie, ein Kinderfilm. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der sehr gut Fußball spielen kann. Wenn Werder Bremen einen Fimpen gehabt hätte, wären sie nicht abgestiegen. Es stehen viele unbekannte Namen auf der Darstellerliste, wie zum Beispiel: Claes Cronqvist, Ralf Edström, Ove Grahn, Georg ‚Åby‘ Ericson, Ronnie Hellström, Kent Karlsson, Ove Kindvall, Krister Kristensson, Bosse Larsson, Benno Magnusson, Roger Magnusson, Björn Nordqvist, Kenta Ohlsson, Janne Olsson, Örjan Persson, Roland Sandberg, Tom Turesson und Mats Werner. Das sind aber keine Schauspieler, das ist die schwedische Nationalmannschaft, die auch mitspielt. An Ronnie Hellström können Sie sich vielleicht noch erinnern, weil der für Kaiserslautern gespielt hat. Und die schwedische Jazzsängerin Monica Zetterlund (die hier schon einen Post hat) spielte auch mit. Der Film wurde im Sommer 1974 während der Fußballweltmeisterschaft gezeigt, die Schweden allerdings nicht gewinnen konnte.

Mein letzten Film heute ist ✺Schön ist die Jugendzeit(Originaltitel: Lust och fägring stor), auch unter den Verleihtiteln Verführung im Klassenzimmer oder Lehrstunden der Liebe bekannt, ist ein schwedisch-dänischer Spielfilm aus dem Jahr 1995. Mit Marika Lagercrantz in der Hauptrolle. Was soll ich mehr dazu sagen? Bo Widerberg hatte auch das Drehbuch geschrieben, es ist sein letzter Film gewesen. Der Film gewann auf der Berlinale 1996 den Silbernen Bären, Widerberg erhielt in Schweden seinen zweiten Guldbagge. Der Film war auch für den Oscar nominiert, hat ihn aber nicht bekommen. Ich hätte es Widerberg gegönnt. 

Billabonne du so süß, Banjo

Von magischer, unwirklicher Schönheit war diese Delphine Seyrig, die Alain Resnais in einem Off-Broadway Theater in New York entdeckt hatte. Unvergesslich ihr erster Auftritt am Drehort von ‚Letztes Jahr in Marienbad‘: in einen Burberry gehüllt, einen Schal über der dreißiger Jahre Frisur, tauchte sie hinter einer der Marmorsäulen in der Halle des Schlosses Schleißheim auf und begrüßte uns mit einem geistesabwesendem Lächeln. Ein Wesen von einem anderen Stern – auf der Leinwand wie im Leben. Das schreibt Volker Schlöndorff auf seiner Internetseite. Dem kann ich nur beipflichten, wegen Delphine Seyrig habe ich ✺Letztes Jahr in Marienbad damals zweimal gesehen.

In Truffauts Film ✺Geraubte Küsse wird Antoine Doinel über sie sagen: Ce n’est pas une femme, c’est une apparition. Und das ist sie gewesen, zu einer apparition haben Resnais und Truffaut sie stilisiert. Sie war aber auch in ganz anderen Filmen zu sehen: in Joseph Loseys  ✺Accident an der Seite von Dirk Bogarde oder in dem Spionagethriller ✺The Black Windmill mit Michael Caine, wo sie für eine Minute nackt zu sehen ist.

In dem Glas, das sie hier zu ihren Lippen führt, ist wahrscheinlich Blut. Wir sind hier in einem Vampirfilm. Nicht nur in einem Vampirfilm, sondern auch noch in einem lesbischen Vampirfilm. So etwas war im Fantasy Genre in den siebziger Jahren schick. Der Film heißt ✺Daughters of Darkness (der deutsche Titel war Blut an den Lippen). Die Professorin Camille Paglia, die in engen Lederklamotten mit dem Motorrad zu ihren Vorlesungen kam, fand den Film interessant: A classy genre of vampire film follows a style I call psychological high Gothic. It begins in Coleridge’s medieval ‚Christabel‘ and its descendants, Poe’s ‚Ligeia‘ and James‘ ‚The Turn of the Screw‘. A good example is‘ Daughters of Darkness‘, starring Delphine Seyrig as an elegant lesbian vampire. High gothic is abstract and ceremonious. Evil has become world-weary, hierarchical glamour. There is no bestiality. The theme is eroticized western power, the burden of history. 

Sie können alle erwähnten Filme anklicken und zumLaufen bringen. Ich habe aber auch noch eine kleine filmische Sensation. Denn die junge Delphine Seyrig ist 1959 in einem schrägen kleinen ✺Film von Robert Frankzu sehen, zusammen mit der halben Beat Generation. Wie Jack KerouacAllen GinsbergGregory Corso und den Künstlern Larry Rivers und Alice Neel. Das brave Hausmütterchen in Pull My Daisywar ihre erste Filmrolle. Als ich gesehen hatte, dass heute der Geburtstag von Dephine Seyrig ist, suchte ich im Internet nach einem Gedicht. Warum hat noch niemand von den Franzosen über diese apparition ein Gedicht geschrieben? Aber dann sah ich, dass sie Je vous écris d’un pays lointain von Henri Michaux im Radio gelesen hatte, und ich dachte mir: warum nicht Michaux?

Ich nehme jetzt nicht Je vous écris d’un pays lointain, ich nehme das Gedicht Amours. Das habe ich hier auch in deutscher Sprache, übersetzt von niemand anderem als Paul Celan. Das Gedicht stammt aus dem ersten Gedichtband Les rêves et la jambe, 1923 in Antwerpen in einer Auflage von vierhundert nummerierten Exemplaren erschienen. Die Frau, die er in diesem Liebesgedicht bedichtet, war Gabrielle Friedrich, die Chefin des kleinen avantgardistischen Verlags Editions Kra. Er nennt sie hier Banjo, manchmal auch Banjo By. Als er berühmt war, wollte er nicht, dass seine frühen Dichtungen erwähnt wurden. Paul Celan, der ihn übersetzt hat, war mit ihm befreundet, er hatte Mühe ihn zu überreden, dass er Amours übersetzen durfte. Michaux scheute die Öffentlichkeit, nur Gisèle Freund hat ihn einmal photographieren dürfen.

Amouren
Du, die ich nirgendwo zu erreichen weiß und die du
dieses Buch
hier nicht lesen wirst,
die du stets ins Gericht gegangen bist mit den
Schriftstellern,
den kleinen, kleinlichen, unwahren, eitlen Gesellen,
du, der Henri Michaux zu einem Eigennamen
worden ist,
in allem vielleicht wie die, die man in den Vermischten Notizen
liest, mit Alters- und Berufsangabe daneben,
du, die du in andrer Gesellschaft lebst, auf andern Flächen und
Feldern, anders umhaucht und umweht,
derenthalben ich mich jedoch überworfen hatte mit einer ganzen
Stadt, der Hauptstadt eines dichtbesiedelten Landes.
Und die du mir auch nicht ein einziges Haar zurückgelassen hast
beim Weggehn, sondern bloß die Empfehlung, deine Briefe
auch ja zu verbrennen –: bist nicht auch du jetzt zwischen vier
Wänden und ganz in Gedanken?
Sag, machts dir noch immer soviel Spaß, dir die schüchternen
jungen Männer zu angeln mit deinem samtenen Krankenhausblick?

Ich, ich habe noch immer denselben starren, verrückten Blick,
der irgend etwas Persönliches sucht,
irgendwas mir inmitten dieser unendlichen unsichtbar-
aaaaakompakten Materie Hinzuzufügendes,
das den Zwischenraum bildet zwischen den Körpern der als solcher
bezeichneten Materie.
Unterdessen habe ich mich aber einem neuen „Wir“ überantwortet.
Sie hat Lampenlicht-Augen wie du, sehr sanft, nur größer als die
deinen; eine dichtere, tiefere Stimme; und ein Schicksal, so
ziemlich dem deinen ähnlich in seinem Beginn und seinem Verlauf.
Sie hat… Sie hat-te!
Hab sie morgen nicht mehr, meine Freundin Banjo;
Banjo,
Banjo,
Bibolabange du so bang,
Bilabonne du so süß, Banjo,
Banjo,
Banjo so allein-allein, Banjelein,
Banjeby,
so lauter Liebe, Lie-,
hab deine kleinen Brüste verloren,
-loren,
und deine unsägliche Nähe.

Sie haben alle gelogen, meine Briefe, Banjo … und jetzt, jetzt geh
ich.
Hab eine Fahrkarte in der Hand: 17.084.
Königlich-Niederländische Schiffahrtsgesellschaft.
Man braucht nur der Fahrkarte zu folgen und kommt nach
Ecuador.
Fahrkarte und ich, morgen machen wir zwei uns auf den Weg,
den Weg nach Quito – der Stadt mit dem Reim auf „couteau“.
Mir wird ganz eng, sobald ich daran denk.
Und doch wird man mir sagen:
„Schön, dann soll sie eben mitfahren mit Ihnen.“
Ja gewiß doch, wir wollten ja nur ein kleines Wunder von euch da
da droben: ihr Haufen Müßiggänger, Götter, Erzengel, Erwählte,
Feen, Philosophen, und ihr, meine genialen Kumpane, die ich
so geliebt habe:
du, Ruysbroek, und du, Lautréamont,
der du dich nicht für dreimal Null hieltst; ein ganz kleines
Wunder, ja das wars, was wir von euch haben wollten, für Banjo
und für mich.

Tiger im Regen

Vor drei Tagen ist die Schauspielerin Angelica Domröse achtzig Jahre alt geworden, sie war neben Jutta Hoffmann (die hier vor Wochen schon einen Post hatte) die berühmteste Schauspielerin der DDR. 1970 war sie in Wolfgang Luderers ✺Effi Briest die Effi, aber noch berühmter wurde sie drei Jahre später als Paula in dem Kultfilm Die Legende von Paul und Paula. Den hat der MDR als kleines Geburtstagsgeschenk am Sonntag gezeigt. Er ist noch vier Wochen hier in der ✺Mediathek (ansonsten können Sie ihn ✺hier sehen). Ihrer Autobiographie Ich fang mich selbst ein hat Angelica Domröse das Gedicht Trauriger Tag von Sarah Kirsch aus deren erstem Lyrikband Landaufenthalt vorangestellt; und das soll heute mein Gedicht des Tages sein:

Ich bin ein Tiger im Regen
Wasser scheitelt mir das Fell
Tropfen tropfen in die Augen

Ich schlurfe langsam, schleudre die Pfoten
Die Friedrichstraße entlang
Und bin im Regen abgebrannt

Ich hau mich durch Autos bei Rot
Geh ins Café um Magenbitter
Freß die Kapelle und schaukle fort

Ich brülle am Alex den Regen scharf
Das Hochhaus wird nass, verliert seinen Gürtel
(ich knurre: man tut was man kann)

Aber es regnet den siebten Tag
Da bin ich bös bis in die Wimpern

Ich fauche mir die Straße leer
Und setz mich unter ehrliche Möwen

Die sehen alle nach links in die Spree

Und wenn ich gewaltiger Tiger heule
Verstehn sie: ich meine es müsste hier
Noch andere Tiger geben.

deux histoires d’amour

Ein Franzose liebt eine Amerikanerin, eine Französin liebt einen Deutschen. Der Franzose und die Französin, die gleich alt sind und beide aus dem banlieu Courbevoie kommen, haben sich irgendwann kennengelernt. Er ist Schriftsteller, sie ist Schauspielerin. Er wird früh sterben, sie wird ihn um dreißig Jahre überleben. Als sie eines Tages seine Biographie liest, wird sie enttäuscht sagen: C’est une toute petite vie! Wir lassen die Amerikanerin und den Deutschen mal einen Augenblick weg und bleiben bei diesen beiden Personen auf dem Photo, es sind Louis Ferdinand Céline und Arletty. Sie haben beide schon einen Post in diesem Blog.

Auf diesem Photo sehen wir Arletty mit dem Schauspieler Michel Simon, mit dem sie viele Filme drehte, Céline ist im Hintergrund. Das Photo ist bei den Aufnahmen für eine Schallplatte entstanden, auf der Simon und Arletty aus den Werken von Céline lesen. Die Tonaufnahme gibt es immer noch auf CD (Sie können etwas davon ✺hier hören). Nicht auf dem Bild ist der dritte Rezitator Pierre Brasseur, der neben Arletty die Hauptrolle in ✺Les enfants du Paradis spielte. 


Als ich den Post Les enfants du Paradis schrieb, hatte ich gerade das Buch Arletty: Si mon coeur est français von David Alliot gelesen, und da kam Céline wieder vor. Was kein Wunder ist, denn der Schriftsteller David Alliot ist wahrscheinlich einer der wichtigsten französischen Céline Spezialisten. Ich merkte, dass ich zu wenig über das Leben von Céline wusste; ich hatte Voyage au bout de la nuit gelesen, einmal im Original und einmal in der neuen Übersetzung von Hinrich Schmidt-HenkelVon einem Schloss zum andern habe ich auch gelesen. Und ich wusste, was Ernst Jünger in Strahlungen über ihn gesagt hat, ich hatte ja mal eine Ernst Jünger Phase. Da schreibt Jünger über den Judenhasser Céline: Es war mir lehrreich ihn derart zwei Stunden wüten zu hören, weil die ungeheure Stärke des Nihilismus mir an ihm einleuchtete. Solche Menschen hören nur eine Melodie, doch diese ungemein eindringlich. Sie gleichen eisernen Maschinen, die ihren Weg verfolgen, bis man sie zerbricht. Merkwürdig, wenn solche Geister von der Wissenschaft, etwa von der Biologie, sprechen. Sie wenden sie wie die Menschen der Steinzeit an; es wird ihnen ein reines Mittel, andere zu töten, daraus.

Ich kaufte mir bei ebay für wenig Geld den Band der rowohlts monographien von Ulf Geyersbach über Céline. Auf die Reihe schwöre ich, ich habe in Jahrzehnten mehr als einen Regalmeter der Rowohlt Bände gesammelt. Aber dies ist ein seltsames Buch. Das fängt damit an, dass der Verfasser den rotzfrechen Stil von Céline zu imitieren versucht, das wird mit der Zeit bei der Lektüre ein wenig lästig. Ein Rezensent schrieb bei Amazon: Wollen Sie eine Biographie lesen, in der Sätze stehen wie: ‚An einen Gott zu glauben, wird sich der Katholik bald abgewöhnen.‘ Oder ‚Kurze Zeit später ist der Teilinvalide wieder obenauf‘; eine Biographie, die die zahlreichen Affären des Schriftstellers damit begründet, er sei ein ‚Frauenvernascher‘ gewesen, der einen ‚durchtrainierten *rsch‘ bevorzugt? Dennoch findet sich in dieser einzigen deutschen Biographie zu Céline Substantielles zum Leben des Autors (Photos inklusive), es wäre allerdings wahrscheinlich besser gewesen, wenn ich die englische Biographie von Nicholas Hewitt gekauft hätte. 

Über die Freundschaft von Arletty und Céline steht bei Ulf Geyersbach, der sich jetzt von der Literaturwissenschaft verabschiedet hat und Dielenmöbelherstellt, überhaupt nichts. Die Schauspielerin wird nur ein einziges Mal erwähnt. Dabei hatte sie durchaus etwas zu Céline zu sagen, wie man diesem Interview auf der intereessanten Seite Le Petit Célinien entnehmen kann. Hier sehen wir Arletty und Céline 1954 mit Célines Papagei Toto, dem er Sprechen und Singen beigebracht hat. Er hätte ihn auch Flaubert nennen können. Henri Godard (der zweite wichtige französische Céline Spezialist) hat gesagt, dass es bei Célines Aufwand, seine Manuskripte zu bearbeiten, nur einen Autor geben könne, mit dem man ihn vergleichen könne. Und das sei Gustave Flaubert.

Man findet in dem Buch von Geyersbach auch leider keine klare Haltung zu Célines krankhaftem Antisemitismus. Nicolas Sarkozy, der Céline als seinen Lieblingsdichter bezeichnet hat, soll einmal gesagt haben: Man kann Céline lieben, ohne Antisemit zu sein, so wie man Proust lesen kann, ohne homosexuell zu werden. Aber den kleinen Sarkozylassen wir mal weg, der sitzt gerade seine Strafe ab. Strafe absitzen musste auch Céline, fünf Jahre lang in Dänemark, wohin er bei Kriegsende geflohen war. Als das Todesurteil in Frankreich gegen ihn aufgehoben wurde, kehrte er nach Paris zurück. Geyersbach wäre gut beraten gewesen, wenn er in seine Biographie etwas mehr von dem aufgenommen hätte, was in dem Buch Auf der richtigen Seite stehenvon Hanns Grössel steht.

Wenn Ulf Geyersbach die Arletty schon auslässt, diese junge Dame muss er natürlich erwähnen. Es ist die amerikanische Tänzerin Elizabeth Craig, und damit bin ich bei der ersten der beiden Liebesgeschichten, die der Titel heute verspricht. Sie hat sieben Jahre mit Céline zusammengelebt, sie war seine Muse, ihr hat er Voyage au bout de la nuit gewidmet. Er liebte die Frauen, aber so war er eben! Er dachte, die Frauen besäßen etwas Spirituelles; er dachte, die weibliche Sensibilität könne dem Mann etwas Erhabenes vermitteln, hat Elizabeth Craig später über Céline gesagt. Und der hat später über sie gesagt: Es ist ein Phantom, aber ein Phantom, dem ich viel verdanke. – Was für ein Genius in dieser Frau! Ich wäre nichts gewesen, ohne sie. Was für ein Geist! Was für eine Finesse! Was für ein Pantheismus, – schmerzvoll und heiter zugleich. Was für eine Poesie! Was für ein Geheimnis! Sie begriff alles, bevor man nur ein Wort sagte. – Es gibt ja kaum Frauen, die nicht von Natur aus böse oder töricht sind, – dann aber sind sie Zauberinnen oder Feen… Die Zauberin wird den Schriftsteller 1933 verlassen, nach Amerika zurückkehren und heiraten. Und wird nichts von dem wissen, was später aus ihm geworden ist. Céline hatte sich mittlerweile mit der dänischen Tänzerin Karen Marie Jensen getröstet.

Hier sind der Schriftsteller und die amerikanische Tänzerinbeim Skilaufen in Chamonix, da war die Welt noch heil. Als sie ihn verlassen hat, hauste sie in einer Wolke von Alkohol, Tabak, Polizei und schäbigem Gangstertum, Céline muss immer übertreiben. In beinahe allem, was er über sich und sein Leben sagt, ist er wie Donald Trump: nichts davon ist wahr. Er war natürlich auch nie ein Nazi Kollaborateur. Wir wissen inzwischen eine ganze Menge über Elizabeth Craig, die 1989 im Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben ist, weil Jean Monnier, der Vorlesungen über französische Literatur an der Berkeley Universität hielt, sie in ganz Amerika gesucht hat. Und sie in der Gegend von Los Angeles in einem kleinen Kaff gefunden hat. Er wird sie interviewen und das Interview (von dem ein Teil bei ✺YouTube zu sehen ist) als Buch veröffentlichen: Armer Geliebter: Elizabeth Craig erzählt von Louis-Ferdinand Céline. Hier lernen wir einen ganze anderen Céline kennen, den Céline, bevor er das Ekel wurde. Es ist eine erstaunliche Geschichte. Immens lesenswert.

Man merkt diesem Photo nicht an, dass gerade Krieg ist. Die schöne Frau hier ist zehn Jahre älter als der Mann, dem sie immer wieder sagt, dass er ein schöner Mann sei: Ce jeune homme singulièrement beau et d’une parfaite indifférence devait bouleverser ma vie. Und jetzt sind wir bei Arletty und ihrem deutschen Oberstleutnant, der zweiten Liebesgeschichte des Titels dieses Posts. Er wollte sie heiraten, aber sie sagte, sie sei nicht für die Ehe geschaffen. Es wäre jetzt schön, wenn es ein wunderbares Buch über diese Liebe gibt. Es gibt eins, aber das kann man nicht empfehlen, es ist von Klaus Harpprecht, dem Journalissten, der einmal die Reden von Willy Brandt geschrieben hat. 

Der Fischer Verlag bewirbt das Buch Arletty und ihr deutscher Offizier mit den Sätzen Eine glamouröse deutsch-französische Geschichte von Liebe und Krieg, die Klaus Harpprecht mit großer Leidenschaft und Eleganz zu erzählen weiß. Dafür hat ein Rezensent bei Amazon nur die Sätze übrig: Schmonzes. Mir war lange nicht klar was dieser Ausdruck bedeutet? Jetzt weiß ich es. Genau, was dieses Buch ist. Ich gebe einmal eine Stilprobe, hier redet der Autor davon, dass er zum erstenmal sein Idol auf der Leinwand sieht: 

Die großen dunklen Augen, die am liebsten lachten und sich dennoch in Traurigkeiten verlieren konnten, die schimmernde Haut der Schultern und der Décolletés, das amüsierte Spiel ihrer Mundwinkel, wenn sie aus ihrer Loge die Freunde und Flirts aus den eigenen Jahren im Gewerbe der Schausteller beobachtete, die kleinen Gesten der Kameraderie, die gelassene Anmut, die natürliche Noblesse der Bewegungen dieser Courtisane hohen Ranges. Wenn das große Eleganz ist, dann ist es die Eleganz eines Lore-Romans. Harpprecht redet hier über die Garance in Les enfants du Paradis, was hätte er nur gesagt, wenn er diesen Film gesehen hätte?


Céline stirbt mit einundsechzig Jahren an einem Gehirnschlag in seiner Villa in Meudon, es gibt kein großes Presseecho, da gerade ein berühmterer Autor gestorben ist: Ernest Hemingway. Der ehemalige Oberstleutnant Hans-Jürgen Soehring, inzwischen deutscher Botschafter im Kongo, ertrinkt mit zweiundfünfzig Jahren beim Baden im Kongo. Arletty wird seine Frau und seine Kinder noch in Bad Godesberg besuchen und Brieffreundin der Witwe bleiben. Die Korrespondenz der beiden Liebenden, die sich Faune und Bichenennen, ist unter dem Titel Arletty Soehring: Hélas ! Je t’aime gerade herausgegeben worden. Elizabeth Craig wird siebenundachtzig Jahre alt werden, Arletty stirbt mit vierundneunzig Jahren, die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens war sie erblindet. Beide Frauen sind im Alter verarmt, aber sie nehmen das Leben mit Gleichmut. Niemand kann über ihr Leben sagen C‘ est une toute petite vie!

zwei Pferde

Also, so gut wie Mads Mikkelsen hat der Hans Kohlhase, der am 22. März 1540 in Berlin hingerichtet wurde, bestimmt nicht ausgesehen. Wir wissen auch nicht wirklich, wie er ausgesehen hat. In unseren Köpfen heißt er auch nicht Hans Kohlhase, sondern Michael Kohlhaas. Weil wir die Novelle von Heinrich von Kleist gelesen haben, in deren Verfllmung Mads Mikkelsen die Hauptrolle spielt. Es liegen einige hundert Jahre zwischen dem wirklichen Rebellen und Kleists Erzählung, und es liegen hunderte von Jahren zwischen Kleist und dem Film des französischen Regisseurs Arnaud des Pallières. Der Kohlhaas, dem man zwei Pferde gestohlen hat, und der daraufhin einen Krieg gegen die Obrigkeit anfängt, ist immer ein anderer:


An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.


Es gibt hier heute nicht viel. Es gibt einen Link zu dem ganzen Text, einen Link zu dem Post Kleist. Und den Film ✺Michael Kohlhaas habe ich auch. Von dem irritierend komischen Film ✺Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel habe ich leider nur den Trailer. Wäre schön, wenn es mehr wäre, denn die blonde ✺Rosalie Thomass sieht man immer wieder gerne.

An der Saale hellem Strande

Die Schauspielerin Jutta Hoffmann ist in diesem Monat achtzig Jahre alt geworden, wozu ich ihr, wenn auch mit Verspätung, herzlich gratulieren möchte. Wir konnten im Westen nicht so viel von ihr sehen. Aber dieses Bild, das aus dem Film ✺Karla stammt, das konnte man in der DDR auch nicht sehen. Weil der Film in seiner originalen Fassung erst 1990 ins Kino kam. Wenn Sie den Filmtitel anklicken, können Sie den Film noch einige Wochen in der Mediathek sehen. Der Film nach einem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf (der auch das Drehbuch für ✺Die Legende von Paul und Paula geschrieben hat) wurde 1965 gedreht, man ist heute beinahe erschrocken, wie gut und modern damals der deutsche Film sein konnte. Er wurde natürlich nicht wegen seiner künstlerischen Modernität verboten, sondern wegen des Inhalts. Denn es ist schon gefährlich, wenn die junge idealistische Lehrerin Karla ihren Schülern sagt: Vorausgesetzt, es hat einer eine eigene Ansicht und plappert nicht nur nach, dann ist es hier und heute geradezu verwerflich, mit der Wahrheit hinterm Berg zu halten. Alles andere ist feige, wenn nicht Heuchelei. Die Schüler in Storkow, die als ganze Abiturklasse 1957 in den Westen gingen, haben vielleicht auch solch eine Lehrerin gehabt.

Vor fünf Jahren ist Jutta Hoffmann von Studenten in Rostock zu dem Film interviewt worden. Sie können dieses ✺Filmgespräch hier sehen. Jutta Hoffmann hatte als Schauspielerin ihre große Zeit in den Filmen der DEFA. Lilli Palmer hat im Trailer zum DEFA Film ✺Lotte in Weimar 1975 gesagt: … denn ich hab ja schon einige DDR-Filme gesehen im westdeutschen Fernsehen – auch einen von Egon Günther – ich wusste also, dass in der DDR genauso gute Schauspieler sind wie drüben in Westdeutschland. Weiß nicht, wen ich da herausheben sollte – ich kann mir im Augenblick niemanden denken drüben, den ich mit der Jutta Hoffmann vergleichen könnte – in Können, Technik und der Jugend, die sie doch noch hat.

Als Jutta Hoffmann in den Westen kam, wurde sie mit Zadek im Theater berühmt. Aber auf der Leinwand waren die Rollen nicht mehr so gut. Bei uns bekommen Schauspielerinnen nur noch Rollen als Kommissarinnen, wenn sie über vierzig sind. Jutta Hoffmann war vier Jahre lang die Kommissarin Wanda Rosenbaum im ✺Polizeiruf 110, eine Rolle, die sie für sich selbst erfand, die, wie sie sagte, alle Tugenden und Schwächen hatte, die meine alten Figuren hatten

Der MDR hat zu ihrem Geburtstag den schönen Film von Lutz Pehnert ✺Die Fahrradfahrerin von Sanssouci: Jutta Hoffmann gezeigt, und ich dachte mir: mon dieu, was für eine Schauspielerin. Habe mir gleich den DVD Jubiläumspackbestellt, bei dem Klara auch dabei ist. Wie auch der Film ✺Das Versteck (nach einem Drehbuch von Jurek Becker), den rbb gerade ins Netz gestellt hat. In der MDR Dokumentation gibt es eine Stelle (die Szene stammt aus der Serie ✺Motzki), in der Jutta Hoffmann die erste Strophe von An der Saale hellem Strande singt. 


An der Saale hellem Strande
Stehen Burgen stolz und kühn.
Ihre Dächer sind gefallen,
Und der Wind streicht durch die Hallen,
Wolken ziehen drüber hin.


Wie lange hatte ich das nicht mehr gehört? Die erste Strophe kann ich immer noch. Als ich klein war, wurden deutsche Lieder in der Schule gesungen. Und bei uns in unserem ersten Auto, der blaue Opel Olympia hatte noch kein Radio.
Ich hatte das immer für ein Volkslied gehalten, aber das ist es nicht, es ist das wohl bekannteste Gedicht, das der Student Franz Theodor Kugler (der am 18. März 1858 starb) schrieb, bevor er seinen Doktortitel bekam und Professor für Kunstgeschichte wurde. Was er nicht blieb, er ging ins preußische Kultusminsterium: Er hatte sehr früh Karriere gemacht und war zu der Zeit, von der ich hier spreche, schon Vortragender Rat im Kultusministerium, wenn ich nicht irre als Nachfolger von Eichendorff. Immer artig, immer maßvoll, immer die Tragweite seiner Worte wägend, kam in seinem Wesen etwas spezifisch Geheimrätliches, etwas altfränkisches Goethisches zum Ausdruck, das dem Tunnel-Ton widersprach, schreibt Theodor Fontane in von Zwanzig bis DreißigDass Kugler Nachfolger von Eichendorff wurde (den er auch gezeichnet hat), ist natürlich interessant, denn viele Gedichte, auch An der Saale hellem Strande,haben ein wenig von Eichendorff an sich. Zum Beispiel dieses Ständchen aus dem Jahre 1827:


Der Mond steht über dem Berge,
So recht für verliebte Leut‘;
Im Garten rieselt ein Brunnen,
Sonst Stille weit und breit.

Neben der Mauer, im Schatten,
Da stehn der Studenten drei
Mit Flöt‘ und Geig‘ und Zither,
Und singen und spielen dabei.

Die Klänge schleichen der Schönsten
Sacht in den Traum hinein,
Sie schaut den blonden Geliebten
Und lispelt: Vergiß nicht mein.


Wenn man das mit Eichendorffs Gedicht Sehnsucht vergleicht, zu dem es hier einen langen Post gibt, dann muss man sagen: das ist Eichendorff für Arme. Nein, ein großer Dichter war Kugler nicht. Aber das Lied, das er nach einer Saale Wanderung in der Rudelsburg geschrieben hat, fand Eingang in alle Liederbücher. Es ist auch bei Ludwig Erk drin, der auf meinem Klavier liegt. Die Rudelsburg ist damals noch nicht der Treffpunkt der Verbindungsstudenten geworden, das kommt Jahre später. Dann wird der Marschendichter Hermann Almers schreiben:


Dort Saaleck, hier die Rudelsburg, 
und unten tief im Tale 
da rauschet zwischen Felsen durch 
die alte liebe Saale; 
und Berge hier und Berge dort 
zur Rechten und zur Linken – 
die Rudelsburg, das ist ein Ort 
zum Schwärmen und zum Trinken, 

Das wissen die Studenten auch 
in Jena und in Halle 
und trinken dort nach altem Brauch 
im Hof und auf dem Walle. 
Umringt von moosigem Gestein, 
wie klingen da die Lieder! 
Die Saale rauscht so freudig drein, 
die Berge hallen wider.

Kuglers Lied verbreitete sich sehr schnell in ganz Deutschland, man dichtete Strophen dazu, das Lied wurde variiert und parodiert. Schon 1840 war Kugler der Meinung, sein Lied sei schon gar sehr zersungen (lesen Sie mehr zur Rezeption auf der sehr guten Seite vom Liederlexikon). Das Lied wird immer noch gesungen. Von ✺Chören, von ✺Heino und von der Folkloregruppe ✺Bube Dame König, die einen Koloratursopran in ihrer Mitte hat. Auch wenn das Lied in beinahe zweihundert Jahren schon ein bisschen zersungen istt, irgendwie ist es ein Teil von unserer Geschichte:


An der Saale hellem StrandeStehen Burgen stolz und kühn.
Ihre Dächer sind gefallen,
Und der Wind streicht durch die Hallen,
Wolken ziehen drüber hin.

Zwar die Ritter sind verschwunden,
Nimmer klingen Speer und Schild;
Doch dem Wandersmann erscheinen
In den altbemoosten Steinen
Oft Gestalten zart und mild.

Droben winken holde Augen, 
Freundlich lacht manch rother Mund. 
Wandrer schauet in die Ferne,
Schaut in holder Augen Sterne,
Herz ist heiter und gesund.

Und der Wandrer zieht von dannen,
Denn die Trennungsstunde ruft;
Und er singet Abschiedslieder,
Lebewohl tönt ihm hernieder, 
Tücher wehen in der Luft.

Les Enfants du Paradis

Am 9. März 1945 wurde Marcel Carnés Film ✺Les Enfants du Paradis (Kinder des Olymp) zum erstenmal aufgeführt. Der dreistündige Film war unter größten Schwierigkeiten während der Besatzungszeit gedreht worden, jetzt nach der Befreiung konnte er aufgeführt werden. Die Hauptdarstellerin konnte allerdings nicht zur Premiere kommen, sie saß wegen des Verdachts der Kollaboration im Gefängnis. Sie mochte die Deutschen nicht, aber sie liebte diesen einen deutschen Offizier. Als sie vor Gericht erscheinen muss, bringt sie diesen unsterblichen Satz: Mon cœur est français – mon cul est international.

Die Schauspielerin heißt Arletty, sie hat hier schon lange einen Post. Auch wenn es mit ihrem Oberstleutnant, der zu den Gründern der Gruppe 47 gehörte, zuende war, sie blieb bis zu seinem Tod mit ihm befreundet. Die Liebesgeschichte ist schon auf die Leinwand gewandert. 2015 konnten die Franzosen den Film ✺Arletty, une passion coupable mit Laetita Casta als Arletty sehen. Sie jetzt auch, wenn Sie den Filmtitel anklicken.

Das Drehbuch von Les Enfants du Paradis stammte von Jacques Prévert, der für den Regisseur Marcel Carné auch schon die Drehbücher für die Filme ✺Quai des Brumes und ✺Le Jour se Lève geschrieben hatte, zwei Filme, denen Jean Gabin seine Karriere verdankt. Man hat für diese Filme den Begriff poetischer Realismus gefunden, und wenn Sie wissen wollen, was das genau ist, dann gehen Sie doch einmal zu dieser schönen Seite. Die Musik des Filmes ist von Joseph Kosma, der für Carnés ✺Les Portes De La Nuitauch das Chanson ✺Les feuilles mortes geschrieben hat. Gibt es hier heute nicht von Juliette Gréco, sondern von Cora Vaucaire, die es als erste gesungen hat. 
Les Enfants du Paradis ist ein Klassiker des französischen Kinos. Cinéasten wissen nicht, ob sie diesem Film oder ✺La Régle du Jeu (der hier schon einen ausführlichen Post hat) den höchsten Platz im Olymp zuweisen sollen. Und mit Olymp meine ich nicht die billigen Plätze auf der Galerie, auf die der deutsche Titel des Films anspielt, sondern den wirklichen Olymp.