Zur Sache, Schätzchen

Heute vor fünfundfünfzig Jahren hatte der Film Zur Sache, Schätzchen Premiere. Das Publikum liebte den Film, die Kritik auch. Die sprach vom Neuen Deutschen Film, das Pamphlet dazu hatte Joe Hembus mit seinem Buch Der deutsche Film kann gar nicht besser seingeliefert. Das war 1961 in Bremen bei Schünemann erschienen, einem Verlag, der die konservativen Bremer Nachrichten herausgab und nicht für revolutionäre Neuerungen bekannt war. Der sich aber in den sechziger Jahren eine Reihe namens City Buch leistete, in der ganz erstaunliche Bücher erschienen. Wie zum Beispiel das erste Buch über den Western, Jean-Louis Rieupeyrouts Le Western, Ou le cinéma américain par excellence, in deutscher Übersetzung. Oder der Co­mic Bar­ba­rella von Jean-Claude Fo­rest. Und Karl Mickinns Altweibersommer mit einer nackten Schönheit von Paul Wunderlich auf dem Schutzumschlag. Da war Joe Hembus bei Walther H. Schünemann schon richtig aufgehoben. Zwanzig Jahre später schrieb er zusammen mit dem Truffaut Spezialisten Robert Fischer das Buch Der Neue Deutsche Film. Das bei Goldmann erschienene Buch hatte ein Vorwort von Douglas Sirk.

Drei Tage nach Beginn der Dreharbeiten schrieben May Spils und ihr Hauptdarsteller Werner Enke das Drehbuch um. Der Film sollte wie Godards Außer Atem, mit dem er viele Ähnlichkeiten hat, mit dem Tod des Hauptdarstellers enden, aber jetzt war gerade in Berlin der Student Benno Ohnesorg erschossen worden. Soviel Realität wollte man dann doch nicht haben. Denn mit der Realität und den beginnenden Revolutionen auf der Straße hatte der Film wenig zu tun. Es sollte nicht böse enden. May Spils drehte 1968, als alles politisch wurde, einen unpolitischen Film über das Nichtstun

Wenn man sich die Top Ten der erfolgreichsten Filme in Deutschland anschaut, dann muss man sagen, dass die wenig mit dem zu tun haben, was wir 1968 nennen, nichts von Vietnam, dem Prager Frühling oder den Bremer Straßenbahnunruhen. Die deutsche Filmwelt sah an der Kinokasse so aus: 

1.  Das Dschungelbuch (27.394.000)
2.  Zur Sache, Schätzchen (6.500.000)
3.  Oswalt Kolle: Das Wunder der Liebe (6.000.000
4.  Zum Teufel mit der Penne (6.000.000)
5.  Die Nichten der Frau Oberst (5.000.000)
6.  Zur Hölle mit den Paukern (4.000.000)
7.  Immer Ärger mit den Paukern (4.000.000)
8.  Oswalt Kolle: Das Wunder der Liebe II – Sexuelle Partnerschaft (3.500.000)
9.  Die Wirtin von der Lahn (3.000.000)
10 Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung (3.000.000)

Von diesen Filmen habe ich nur Zur Sache, Schätzchen gesehen. Es gab andere Filme in den Kinos. Wie zum Beispiel Baisers volés und La mariée était en noir von Truffaut oder Les Biches von Chabrol, das war eine ganz andere Welt. Werner Enke und Uschi Glas machten den Film zum Kultfilm. Uschi Glas, die einen Nackauftritt verweigert hatte, war gleich in drei Filmen der Top Ten des Jahres 1968, neben Zur Sache, Schätzchen war sie auch in Zur Hölle mit den Paukern und Immer Ärger mit den Paukern zu sehen. Und in dem Edgar Wallace Film Der Gorilla von Soho. Die beinahe gleichaltrige Catherine Deneuve hatte da schon Die Regenschirme von CherbourgEkelLeben im Schloß und Belle de Jour gedreht.

Die deutsche Komödie aus dem Jahre 1968, die mit https://zursacheschaetzchen.de eine eigene Internetseite hat, hat sich gehalten. May Spils und Werner Enke versuchten mit mehreren Filmen an diesen Erfolg anzuknüpfen, das hätten sie lassen sollen. Diese Schwabinger Leichtigkeit konnte man nicht wiederholen. Wenn Sie wollen, können Sie den Film ✺hier sehen. Und wenn Sie noch mehr über den Film wissen wollen, dann klicken Sie den Post Uschi Glas an, den ich zum siebzigsten Geburtstag von Apanatschi geschrieben habe.

Pierre Brasseur

Der französische Filmschauspieler Pierre Brasseur wurde am 22. Dezember 1905 in Paris geboren. Er ist hier im Blog schon in den Posts La vie de château und deux histoires d’amour erwähnt worden. Er war in vielen Filmen zu sehen, auch in solchen Filmen, die Klassiker des französischen Kinos geworden sind. Wie in Hafen im Nebel (Le quai des brumes) mit Jean Gabin oder in Kinder des Olymp (Les enfants du paradis) an der Seite von Arletty. Hier sind die beiden auf einem Szenenphoto zu sehen.

Brausseur war allerdings auch in dem bescheuertsten Film, den ich je gesehen habe: Vögel sterben in Peru (Les oiseaux vont mourir au Pérou). Als wir damals aus dem Kino kamen, fragte mich die Gila: War da irgendein Sinn drin? Ich konnte die Frage nicht beantworten. Irgendjemand hatte uns erzählt, dass der Film ganz toll sei, weil da Jean Seberg drin war, die wir aus A bout de souffle kannten. Und Maurice, der Hauptdarsteller von Fahrstuhl zum Schafott. Und eben Pierre Brasseur, der in ✺Die großen Familien (Les grandes familles) und ✺La vie de château so großartig gewesen war. Und Danielle Darrieux, die kurz zuvor als Lady Chatterley zu sehen gewesen war.

In diesem Film spielt Brasseur den Ehemann von Jean Seberg, einer jungen Nymphomanin, die den Tod sucht. Junge Nymphomaninnen, die den Tod suchen sind ein schönes Thema für Pornofilme, und die merikanische Zensur reihte ihn auch in diese Kategorie ein. Es war der erste Film, dem die amerikanische Motion Picture Association das Prädikatat X gab. Obgleich das kein richtiger Porno war, aber Szenen wie diese mit der halbnackten Jean Seberg am Strand reichten offenbar für die Beurteilung aus.

Pierre Brasseur (dessen deutsche Stimme in dem Film Siegfried Schürenbergwar) spielt in diesem Film den sadomasochistischen Ehemann der sexsüchtigen Seberg, mit der er auf einer Weltreise in Peru gelandet ist. Er hat einen schönen Rolls Royce, aber das ist das auch das einzig Schöne an diesem Film, der Rolls Royce und die halbnackte Jean Seberg. Der Spiegel hatte 1968 kein nettes Wort für den Film übrig: Vögel sterben in Peru (Frankreich; Farbe) ist kein tierfreundliches Werk von Grzimek, mögen auch zur Kulturfilm-Musik noch so viele Möwenschwärme über Strand und Meer rauschen. Romain Gary, 54, französischer Diplomat und Erfolgsautor, hat die Vögel-Tragödie nach einer eigenen Erzählung inszeniert — mit der eigenen Ehefrau Jean Seberg im höchst tragischen Hauptpart. 

     Denn sie wälzt und wälzt sich als blonde Nymphe Adriane im nächtlichen Sand und im klapprigen Lusthaus, unter peruanischem Jungvolk und am Herzen der Bordeildame Fernande (Danielle Darrieux), und keiner, keine kann ihr helfen — auch der gestrandete Dichter mit den traurigen Augen (Maurice Ronet) nicht, der sie in letzter Sekunde aus dem Ozean fischt. Sie liebt bis zum Zerbrechen und wird nimmer satt: Die Dienste ihrer Liebhaber im heißen Klima bei Lima sind wie Garys Regie — unbefriedigend.

Gary, der sich seit langem zum Retter alteuropäischer Fabulierkunst berufen fühlt, schätzt selbst als Regie-Debütant noch die klassische Metapher. Er filmt Adrianas wabbeligen Ehemann (Pierre Brasseur) im Rolls-Royce als welken Othello und gibt ihm einen rüden Chauffeur. vormals Fremdenlegion. mit auf die Suche nach der streunenden Gattin — der stopft als Kaugummi kauender Todesengel á la Cocteau sandauf, sandab durch die Dünen.

       Doch statt ihrer sinkt der Chauffeur dahin, und wo er anhielt, fährt der Dichter fort — Othello nimmt ihn in seinen Sold, bedeutungsschwanger lächelt Adrians. Sie blickt zum Horizont und denkt: Helft den armen Vögeln. Da strahlt auch das ganze Parkett: Paloma, ohé.

Der Regisseur des Films war Romain Gary, der ein wenig so aussieht, als sei er der Zwillingsbruder von Pierre Brasseur. Es war sein erster Film, eigentlich war er Schriftsteller. Das Drehbuch hatte er auch geschrieben. Und mit der nymphomanen Hauptdarstellerin war er verheiratet. Die hatte noch ein Jahr zuvor gesagt, sie würde nie in einem Film auftreten, bei dem ihr Ehemann Regie führte. Nun tat sie es. Es war ein Fehler. Die Kritiker verrissen den Film.

Beinahe fünfzig Jahre hat Pierre Brasseur vor der Kamera gestanden. Hier sehen wir ihn mit einem weißen Anzug neben Danielle Darrieux, die eine Bordellwirtin spielt. Den Ehemann einer Nymphomanin zu spielen, war nicht seine größte Rolle. In vielen Filmographien von Brasseur wird der Film gar nicht erwähnt, als ob es ihn nie gegeben hätte. Im Internet gibt es eine wirklich schlechte Kopie des ✺Films, aber arte hat etwas ganz Wunderbares. In der Reihe ✺Blow Up gibt es hier in zehn Minuten alles über den Film, bösartig und komisch. Als wir damals das Studio am Dreiecksplatz verließen, sagte Gila: Sowas gucken wir uns nie wieder an. Nen, dies war kein Film, den man ein zweites Mal sehen wollte. Auf die Liste der films de ma vie kommt er jedenfalls nicht. Hätten wir an der Kasse das Eintrittsgeld zurückverlangen sollen?

Sommertanz

Heute vor einundsiebzig Jahren wurde in Schweden der Film Hon dansade en sommar (Sie tanzte nur einen Sommer) gezeigt. Es war eine Literaturverfilmung nach dem Roman Sommardansen von Per Olof Ekström. Der Film machte den unbekannten jungen Romanautor bekannt und machte die junge Schauspielerin Ulla Jacobsson mit einem Schlag berühmt.

1952 bei der zweiten Berlinale redete jeder über sie. Weil die Zweiundzwanzigjährige für einige Sekunden in Sie tanzte nur einen Sommer nackt gewesen war. Die junge Bundesrepublik war entrüstet. Vor allem kirchliche Kreise sahen hier die Geburtsstunde des Schwedenpornos. Die Moral ist bei der Kirche ja immer gut aufgehoben, das wird uns heute immer wieder vor Augen geführt, wenn wir an die schleppende Aufarbeitung der Mißbrauchsskandale denken. Die kirchlichen Blätter hatten damals aber auch durchaus bemerkt, dass der Filme antiklerikale Tendenzen hatte, der verknöcherte, puritanische Dorfpfarrer im Film ist ein bösartiger Mann. Heute schreibt das Internationale FilmlexikonDas mit poetischen Bildern und maßvoller Freizügigkeit für die freie Liebe eintretende Filmdrama erregte durch eine für seine Zeit unübliche Nacktszene moralische Entrüstung und wurde dadurch zum Publikumserfolg. Das Internationale Filmlexikon steht der katholischen Kirche nahe. 1951 sagte die etwas anderes. Wenn Sie alles über die Rezeption des Films wissen wollen, lesen Sie hier den Aufsatz von Claudia Beindorf ‚Sie tanzte nur einen Sommer‘: Konstruktion und Rezeption von Stereotypen.

Eigentlich war das ja ein schöner kleiner trauriger Film, furchtbar sentimental. Aber er bedeutete für unsere junge Republik viel mehr. Er prägte Stereotypen wie die Schönheiten der schwedischen Landschaft, die ewige Mittsommernacht und schöne Schwedinnen, sonnentrunken und liebebedürftigWie ein frischer, reiner Sommerwind weht dieser Film über die Leinwand schrieb ein Rezensent, und ein Ostberliner Kritiker urteilte, dass selbst die delikatesten Szenen… sauber, gesund und schön seien. Sauber, gesund, rein, diese Beschreibungen des Nordlichts von unvergleichbarer Schönheit schmecken immer noch ein wenig nach einem arischen Germanenkult, den man doch überwunden glaubte. Und von nun an träumten deutsche Männer von nackten Schwedinnen. 

Ulla Jacobsson hat dann noch in Bergmans Das Lächeln einer Sommernacht mitgespielt. Der Film war auch ein großer Erfolg, vor allem für Ingmar Bergman. Die weitere Filmkarriere der hübschen Schwedin ist nicht so bemerkenswert. Sie ist aus Schweden weggezogen, um nicht immer die stereotypischen hübschen Schwedinnen spielen zu müssen, aber die wirklich großen Filme blieben aus. Filmtitel Sie tanzte nur einen Sommer und Lächeln einer Sommernacht sind auch ein wenig symbolisch für ihre Karriere. Ulla Jacobsson ist früh an Krebs gestorben. Bei ihrem Tod erinnerten die Nachrufe an ihre Filmrolle vor dreißig Jahren. Als der Koreakrieg tobte, Adenauer sich der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft anschloss und Ulbricht die Sowjetisierung der DDR einleitete, da ließ die zweiundzwanzigjährige Schwedin für einen kurzen Augenblick die eskapistischen Träume von der Mittsommernacht wahr werden. Weil sie sechs Sekunden lang nackt gewesen war.

Ein Jahrzehnt später kam Das Schweigen von Ingmar Berman in die deutschen Kinos. Marcel Reich-Ranicki wetterte gegen den Film und gegen die Bergmanie, die angeblich Deutschland beherrschte. Es wurde eine Aktion saubere Leinwand gegründet, um gegen das Werk zu protestieren. Erstaunlicherweise ließ die Freiwillige Selbstkontrolle den Film passieren und gab ihn ohne Schnitte ab 18 Jahren frei, weil sie ihn als Kunstwerk einstufte. Zwanzig Jahre nach Ingmar Bergmans Film Das Schweigen kamen wieder massenhaft Schwedinnen auf die mehr oder weniger sauberen Leinwände. Aber die hießen jetzt nicht Ulla Jacobsson, Mai Zetterling, Harriet Anderson oder Gunnel Lindblom, sondern Marianne Aubert, Jane Baker und Brigitte Lahaie. Das waren blonde Pornodarstellerinnen für Opas Schwedenphantasien, aber aus Schweden kamen sie nicht. Die spielten in Filmen, die 6 Schwedinnen von der Tankstelle6 Schwedinnen auf Ibiza6 Schwedinnen hinter Gittern und 6 Schwedinnen auf der Almhießen. Produziert von einem Schweizer namens Erwin C. Dittrich. Keine Filmkunstwerke, nur Softpornos. Regten sich Reich-Ranicki und die katholische Kirche jetzt wieder auf? Keine Spur, wir waren jetzt eine permissive society, die sexuelle Revolution hatte stattgefunden. Zu deren Vorreiter Ingmar Bergmans Film wohl ungewollt geworden war, obgleich er ansonsten nichts damit zu tun hatte. Es hatte sich übrigens schon im Jahre 1971 niemand mehr über den Film aufgeregt, als er zum ersten Mal im deutschen Fernsehen gezeigt wurde.

Den Film ✺Hon dansade en sommar habe ich hier im Original für Sie.Können Sie sich anschauen, falls das Spiel um den dritten Platz bei der FIFA WM zu langweilig wird.

Noch mehr Schweden und Schwedinnen in diesem Blog: Ingmar BergmanTransformationenSkandalSchwedinnenSchweigenSexuelle RevolutionDésiréeElvira MadiganLiebestodNationalstolzMonica ZetterlundMireille DarcVera MilesAnn-MargretMein DänemarkTalsperrenJugendkulturAnders ZornZornCharles Frederick WorthMichael AncherZeitlosJohn Peter RussellLieutenant LindhövelFindorffSeeschlachtKieler FriedenGiuseppe VerdiBriefwechselSjöwall WahlööMaj SjöwallHenning MankellDie MädchenGeorges DesmaréesDie Frau ohne Gesichtskandinavische ModeBibi AnderssonSigrid CombüchenDamenromanBo WiderbergNiels BohrLandstreicher, Schwarze Erntenouvelle vague suédoiseNordic NoirBierbrauerDer TorstenssonkriegViveca LindforsKögebuchtArnold DuckwitzWeltkulturerbeNicoDänische KunstNordlichter

Lucky

Gestern Nacht gab es bei 3sat den Film Lucky, den letzten Film von Harry Dean Stanton. Zu spät für viele von uns, und in der Mediathek ist er natürlich auch nicht. Aber bei der russischen Wundertüte OK kann man den ✺Film sehen. Eine Szene aus dem Film gab es vor vier Jahren hier schon in dem Post Volver, Volver, den Text stelle ich heute noch einmal ein. Sie müssen unbedingt Harry Dean Stanton Volver, volver singen hören.

In dem Post über den Whisky konnten Sie Harry Dean Stanton (der in diesem Blog schon einmal in Two-Lane Blacktop vorkommt) anklicken, wie er den ✺Tennessee Whiskey besingt. Der Film ✺Partly Fiction von Sophie Huber, den arte 2018 im Anschluss an Paris, Texas sendete, ist leider nicht mehr im Netz (aber klicken Sie ✺hier, die Russen haben ihn). Mit dem Film von Wim Wenders wurde Harry Dean Stanton, der jahrzehntelang nur Nebenrollen gespielt hatte, weltberühmt. Berühmt war er eigentlich schon immer, denn was er aus den Nebenrollen machte, das war schon einzigartig. Selbst den Steven Seagal Film Fire Down Below konnte er durch seinen Auftritt herausreißen.

Er war nicht nur Schauspieler, er war auch Musiker. Hatte jahrelang eine eigene Band und stand mit berühmten Leuten (hier 1969 mit seinem Freund Kris Kristofferson) auf der Bühne. In Sophie Hubers Film darf er viel singen, und er kann auch mit 85 Jahren noch gut singen. Mit 90 auch noch, wie er in seinem letzten Film ✺Lucky zeigt. Da singt er Volver, volver, einen mexikanischen Schmachtfetzen.

Das Lied wurde von dem mexikanischen Komponisten Fernando Z. Maldonado geschrieben und 1972 zum ersten Mal von ✺Vicente Fernàndez gesungen. Eher geschmettert als gesungen, es gibt viele ✺Cover Versionen, die besser sind. Das spanische volver heißt zurückkommen, und von dem Wunsch, zu der Geliebten zurückzukommen (volver a tus brazos), handelt das Lied. Wie so viele Lieder, von den Tageliedern und den albas der Troubadure (die ja auch eine Trennung bedeuten) bis zu Harry Belafontes ✺Come back Liza.

Este amor apasionado, anda todo alborotado
Por volver
Voy camino a la locura y aunque todo me tortura
Sé querer
Nos dejamos hace tiempo pero me llegó el momento de perder
Tú tenías mucha razón, le hago caso al corazón y me muero
Por volver
‚Y volver volver, volver a tus brazos otra vez
Llegaré hasta donde estés
Yo sé perder, yo sé perder, quiero volver, volver
Volver‘
Nos dejamos hace tiempo pero me llegó el momento
De perder
Tú tenías mucha razón, le hago caso al corazón
Y me muero por volver
‚Y volver volver, volver a tus brazos otra vez
Llegaré hasta donde estés
Yo sé perder, yo sé perder, quiero volver, volver

Je stiller es gesungen wird, desto schöner ist es. Ich finde die Art, wie der neunzigjährige Harry Dean Stanton es in seinem letzten Film singt, ganz wunderbar. Klicken Sie ✺hier, Sie werden das nicht bereuen. Harry Dean Stanton hat den Film Lucky nicht gesehen. Er wollte ihn nicht auf seinem Fernseher sehen, er wollte ihn auf der ganz großen Leinwand sehen, aber irgendwie ist es dazu nicht gekommen.

Ach, was war sie schnuckelig damals. Damals heißt: vor einem halben Jahrhundert. Ich habe hier noch ein neueres Video von Michelle Phillips, der letzten Überlebenden von ✺The Mamas & the Papas. Da sitzt sie mit Harry Dean Stanton auf dem Sofa und sie singen ✺Volver, volver. Lassen Sie uns den Tag mit Musik begrüßen, ich habe noch einmal Harry Dean Stanton. Diesmal singt er zusammen mit Quincy Coleman Johnny Cashs ✺I Walk The Line. Ich weiß nicht, was Johnny Cash dazu gesagt hätte, aber ich glaube, es hätte ihm gefallen.

Kino

Ich muss bis halb zwei in der Nacht im Kino wachbleiben, dann kann ich zum ersten Mal in meinem Leben meinen Namen auf der Kinoleinwand lesen. Im Abspann von Gabis Film über den englischen Maler Francis Bacon. Irgendwie hatte die Festspielleitung diesen Film wohl als einen loser eingestuft, so dass er als letzter bei dem Lübecker Festival gezeigt wurde. Das war mir jetzt egal, mein Name flackerte für einen Augenblick auf der Leinwand. Gabi hatte mir einen Dank ausgesprochen, weil ich ihr erklärt hatte, dass man einen Film schneiden muss. Sie hatte ihren Kurzfilm, für den sie Mittel der Frauenförderung erhalten hatte, penibel Szene für Szene nacheinander gedreht. Vom editing hatte sie noch nie etwas gehört. Und so lagen wir dann einen halben Tag auf dem Teppich vor meinem Fernseher, beide mit viel Papier und mehrfarbigen Kugelschreibern ausgestattet. Wir stoppen die Längen von Szenen und markieren auf unserem Fahrplan, wie und was geschnitten werden muss. Danach holt sich Gabi bei der AG Film der Uni einen von Kurt Denzers jungen Leuten, der ihr den Schnitt macht. Ich bin kein Regisseur, kein Praktiker, so wie Kurt Denzer das ist. Aber ich verstehe viel von Filmen, weil ich einen großen Teil meines Lebens im Kino verbracht habe. Und mein Name mittlerweile auf zahlreichen Büchern oder in Artikeln steht, die das Wort Film im Titel haben. Und meine Filmbibliothek mehrere Meter in den Bücherregalen einnimmt. Und ich besitze sogar einen Kinoschlips, den Heike mir mal geschenkt hat. Der ist aus durchsichtigem Kunststoff, innen drin kann man kleine Filmstreifen und Popcorn sehen. So was muss man als Cineast unbedingt haben.

Als ich noch klein bin, gibt es noch keine Fernsehgeräte. Aber es gibt überall Kinos. Bei uns im Ort allein drei. Eins in der Breiten Straße, wo ich auf dem Weg zur Schule immer alle Filmphotos angucke. Eins in der Gerhard Rohlfs Straße neben dem Schreibwarengeschäft Six, und dann das Roxy unten in der Hafenstraße. Und natürlich gibt es ein Kino in Grohn. Und in Blumenthal oben am Berg, wo Tante Tilla und Hannelore nach dem Tod von Onkel Gustav wohnen. Und Vati mal fünfzig Meter weiter seine Praxis hatte, als wir noch nicht in unser Haus konnten, weil da die Amerikaner drin waren. Und dann gibt es noch die vielen Kinos in Bremen. Da gibt es auch ein AKi, ein Aktualitätenkino, in dem kann man stundenlang (oder auch tagelang) drin bleiben, Kino als Endlosschleife. Normalerweise sind diese Akis in Deutschland ja am Bahnhof, um den Reisenden die Zeit zwischen zwei Zügen zu vertreiben, aber in Bremen ist es in der Sögestraße. Die Akis zeigen keine guten Filme, allerdings habe ich 1965 im AKi in der Sögestraße Francesco Rosis Augenblick der Wahrheit gesehen. Das Kino hatte sich zwar gerade in UFA Sögestraße umgetauft, ist aber eigentlich das alte AKi geblieben. Ich bin auch drin sitzengeblieben, um den Anfang des Filmes noch einmal zu sehen. Die guten Filme sind eigentlich den Erstaufführungskinos und den Lichtspieltheatern vorbehalten, in den sechziger Jahren zeigen die AKis nur noch drittklassige Western und Schmuddelfilme. Aber da sind auch andere Bremer Kinos in der Krise, zwischen 1961 und 1965 schließen neunzehn Häuser in ganz Bremen. 

Das Puschenkino zeigt seine Auswirkungen. Hollywood reagiert auf die neue Konkurrenz mit Filmen von epischer Länge und dem Breitwandformat. Günther Köpp lädt uns zu Porgy und Bess in ein neues Kino in Walle ein. Für den Film kriegt man angeblich schon keine Karten mehr, weil er solch eine Sensation ist, ein Breitwandsuperformat, Todd AO, oder wie das heißt. Und Lautsprecherbeschallung von allen Seiten. Unglücklicherweise hat Doktor Köpp nur Karten für die erste Reihe gekriegt. Rasiersitz, wie man so schön sagt. Gab es keine anderen Karten mehr, oder war er zu knickerig? Mit dem 360 Grad Rundumkrach und der riesigen flackernden Leinwand sehnte ich mich nach unserer Aula und den harten Klappstühlen zurück, die die Lürssen Werft unserer Schule spendiert hatte. Da hörte man zwar das Rattern und Schnurren des Filmprojektors im Mittelgang, und die Lautsprecher waren auch nie richtig ausgesteuert, aber dies hier war nichts für angehende Cineasten. Kurz nachdem Diahann Carroll Summertime, and the living is easy gesungen hatte, habe ich das Kino verlassen. Bin mit dem Bus in die Innenstadt gefahren und bin im studio für filmkunst in die zweite Nachmittagsvorstellung gegangen. Günther Köpp war mir hinterher wochenlang böse.

Wenn man noch klein ist und allein ins Kino darf, dann sind das Jugendvorstellungen am Sonntagmittag, die können bei Kindern offenbar keinen Schaden anrichten. Unglücklicherweise laufen in der Scala in der Breiten Straße immer nur Western mit Fuzzy. Wenn man einen davon gesehen hat, braucht man keinen zweiten zu sehen. Dann lieber Kalle Blomquist, der Meisterdetektiv im Radio hören. Einmal war ich alleine in Grohn im Kino, da war es schon dunkel, als ich nach Hause ging. Das war ein bisschen unheimlich, weil die Straßenbeleuchtung in Grohn 1950 nicht so toll war, und ich mich in dem Ort auch nicht wirklich auskannte. Außerdem regnete es in Strömen. Ich war sieben, und ich war traurig, irgendwie hatte ich für einen Augenblick dieses Gefühl der Einsamkeit, das ich im Kinderheim in Norderney gehabt hatte. Bambis Mutter war gerade gestorben.

Wenn man mit den Eltern ins Kino geht, dann gibt es immer Heimatfilme. Also das, was heute ARD und ZDF jeden Sonntag in der Mittagszeit wieder hervorholen. Das sind für mich heute, wie wahrscheinlich für viele meiner Generation, Nostalgieveranstaltungen. Nicht dass meine Eltern diese Filme besonders liebten, aber man geht damals ja auch wegen der Wochenschau ins Kino. Das ist immer aufregend, das Geschehen der ganzen Welt in Schwarzweiß, mit dramatischer Musik untermalt. Und dann gibt es noch einen bildenden Kulturfilm, bevor der Hauptfilm anfängt. Die Kulturfilme sind immer das Schlimmste, so etwas Ähnliches gibt es auch im Schulunterricht. Da flackern auf den Filmen immer die Buchstaben FWU, und da weiß man schon, dass das jetzt wieder ein Lehrfilm aus Göttingen ist. Die sind noch schlimmer als Fuzzy Western. 

Jahrzehnte später werde ich einen schlimmen déjà vu Augenblick haben, wenn Kurt Denzer uns Filmwissenschaftlern von der Uni vormacht, wie ein Filmemacher einen Dokumentarfilm analysiert. Er nahm dafür den Film Glas, der sicherlich unter ästhetischen Gesichtspunkten dafür hervorragend geeignet ist, mich aber an die schlimmen Zeiten der Kulturfilme erinnerte. Denn das will man ja nicht sehen, wenn man jetzt in der Pubertät ist, man will endlich richtige Filme sehen. Sicherlich würde man gerne unbekleidete junge Frauen im Kino sehen, aber diese Sorte Kino gibt es noch nicht. In Vegesack erst recht nicht. Und Ruth Leuwerik und Sonja Ziemann würden sich auch nie nackt auf der Leinwand zeigen. Wer wollte die auch nackt sehen?

Im Kunstfilm der Zeit erregt der Busen von Ulla Jacobsen in Sie tanzte nur einen Sommer die Nation. Es ist ein anderer Film als Ich denke of an Piroschka, aber eigentlich genau so harmlos. Ulla Jacobsen war bekleidet (oder für wenige Sekunden nackt) aber viel hübscher als Lieselotte Pulver oder Hannerl Matz. Aber als ich endlich alt genug bin (oder so aussehe, als ob ich alt genug wäre), um den Film zu sehen, muss ich sagen, dass ich nicht weiß, was hier skandalös sein soll. Als wir alt genug sind, um schöne Schwedinnen im Film zu sehen (Ingmar Bergman hatte immer die schönsten Frauen), da interessierte uns das nicht mehr so sehr, weil wir da längst schöne Schwedinnen in Schweden oder Dänemark am Strand gesehen hatten. 

Diese traurige Liebesgeschichte mit dem schwedischen Sommer war aber hervorragend photographiert, mit viel Gelbfilter, was die Wolken und das Flirren der Sonne auf dem Wasser hervorragend herausbrachte. Auf solche Dinge achten wir jetzt nämlich, wir haben alle mindestens einen Photoapparat, wenn nicht sogar zwei, und wir lesen alles, was man über die Photographie bekommen kann. Wir würden ja auch alles über Filme lesen, aber damals gibt es (wenn man von Magazinen wie Film und Frau absieht) noch nicht die Literatur, die es heute zu beinahe jedem Film im überreichen Maße gibt. Wahrscheinlich gibt es bei der Explosion des Filmbuchmarktes inzwischen auch schon Dissertationen über Fuzzy. Was es gibt, ist die Illustrierte Film-Bühne, jene schlechtgedruckten braunen oder grünen Heftchen, die man an der Kasse kaufen kann. Dramatische Szenenphotos und eine kurze Inhaltangabe, aber für das Geld kann man schon bei Chiamulera gegenüber von der Scala hinterher ein Eis kaufen. Vielleicht hätte man sie doch kaufen und sammeln sollen. Die bringen auf Flohmärkten schon richtiges Geld. 

Glücklicherweise gibt es aber Reprints, die Joe Hembus herausgegeben hat. Wenn ich die Illustrierte Film-Bühne auch nicht kaufe oder aufbewahre, die Drehbücher von L’Avant-Scène, die ich in Paris gekauft habe (oder jene, die Peter mir geschenkt hat), die habe ich immer noch. Film und Frau mit den frühen Modephotos von F. C. Gundlach (hier sein Portrait von Ruth Leuwerik) hat nicht zu meiner Welt gehört, da es nicht in den Lesemappen enthalten war, die Vati für das Wartezimmer abonniert hatte, und die am ersten Tag immer von der Familie gelesen wurden. Außerdem waren es die falschen Frauen und die falschen Filme. Alles nur Glamour und high key Ausleuchtung. Heute kosten Einzelhefte auch schon leicht zehn Euro, aber das zahlen Sammler auf dem Flohmarkt auch für Familienphotos von Unbekannten aus den dreißiger Jahren. Ich frage mich immer, was sie damit wollen. Wollen sie sich eine imaginäre Vergangenheit zurechtlegen? Die Dokumentation eines Lebens in Filmen kann ich ja verstehen, denn diese Filme sind mein Leben gewesen. Aber was soll ich mit falschen Bildern?

Unser Gymnasium hat einen Schülerfilmclub, das hat jetzt wahrscheinlich jedes Bremer Gymnasium. Wenn man im Vorstand ist, darf man in Bremen bei der Landesbildstelle den Filmvorführerschein machen. Wuddel hat den natürlich. Die Filme werden vom Vorstand des Filmclubs ausgewählt, der Direktor und der Vertrauenslehrer Dr Friedrich Freese sind aber dabei. Manchmal gibt es erregte Diskussionen, wie bei dem Schimmelreiter von 1934 mit Marianne Hoppe. Es gibt Einwände, dass dies eigentlich ein Nazifilm ist, in dem Hauke Haien zu einer übermächtigen Führerfigur wird. Aber es ist auch eine Literaturverfilmung, das adelt einen Film beinahe immer. Denn im Unterricht wird ja auch gerade Der Schimmelreiter gelesen (ich lese daneben noch Aquis submersus in einer alten Reclamausgabe von Opa). Der Film ist aber hervorragend photographiert, also siegt die Filmkunst über die Ideologie. 

Das Angebot der Filme ist begrenzt, denn die wirklich guten Filme sind den Filmkunsttheatern vorbehalten, wie dem neu gegründeten studio für filmkunst am Herdentorsteinweg in Bremen oder dem Atlantis Filmtheater in der Böttcherstraße. Das wendet sich an Cineasten, also das, was wir gerade werden. Obgleich wir das Wort Cineasten noch gar nicht kennen. Der einzige cineastische Film, den wir damals sehen, ist Bardems Tod eines Radfahrers mit der wunderschönen Lucia Bosé. Und Männern in tollen Trenchcoats(von dem Sportwagen ganz zu schweigen). Schöne Frauen und tolle Trenchcoats möchte damals jeder haben, einen Führerschein haben wir noch nicht. Und der einzig tolle Sportwagen, den man in Bremen sehen kann, ist der Facel Vega kurz vorm Weserstadion. In einem Facel Vega ist Albert Camus umgekommen, das wissen wir, weil wir jetzt Exis sind, Camus und Sartre lesen und Juliette Gréco hören.

Während ich damals über alle gelesenen Bücher sorgfältig Buch führe, habe ich das mit Filmen nicht getan. Häufig steht in meinen Tagebüchern aus den frühen sechziger Jahren einfach nur Film. Aber für das Jahr 1962 findet sich an einer Stelle eine unvollständige Liste für ein dreiviertel Jahr: NinotschkaJakubowsky und der OberstLetztes Jahr in MarienbadHamletDas siebte SiegelFrühstück bei TiffanyFanfan der HusarSaat der GewaltBoccaccio ’70Sie küssten und sie schlugen ihnWilde ErdbeerenPrivatlebenFaust, Mondo CaneAimez-vous Brahms?Ein Amerikaner in ParisMondo Cane habe ich in Hannover gesehen, als ich da drei Tage zur Aufnahmeprüfung für Reserveoffizieranwärter war. Da hatte mich jemand überredet, mit ihm da reinzugehen, alle Welt redete von dem Dokumentarfilm. Der Film war grässlich, aber ein Vorgeschmack auf das, was noch an Grässlichem auf Zelluloid serviert werden würde. Letztes Jahr in Marienbad habe ich dreimal gesehen, aber bis heute noch nicht verstanden. Privatleben von Louise Malle mit Brigitte Bardot würde ich jederzeit wieder anschauen (obgleich Fahrstuhl zum Schafott natürlich viel besser ist). Ich dachte, dass ich Aimez-vous Brahms in Berlin gesehen hätte. Die haben tolle Kinos damals in Berlin, den Zoo Palast, das Delphi nicht weit davon und das Astor am Kurfürstendamm. Aber hier im Tagebuch steht Roxy dabei, das ist in Vegesack in der Hafenstraße. Wahrscheinlich war ich im Herbst noch einmal mit Traute in Berlin in dem Film. Damals sah ich auch ein wenig so aus wie Anthony Perkins, trug auch solche Sachen, wie er sie in den Film trägt.

Und das ist natürlich damals ein zusätzlicher Reiz des Kinos: die Mode. Denn Michelangelo Antonioni offeriert nicht nur eine exzellente Kameratechnik und schöne Frauen (wie Lucia Bosé, Alida Valli, Dorian Gray, Lea Massari und Monica Vitti), sondern auch die ganze italienische Schneiderkunst. Je trister die eigene Zeit ist, desto mehr möchte man in der auf der Leinwand präsentierten Welt leben. Hätte ich doch nur ein Tweedjackett wie Steve Cochran in Il Grido gehabt! Von den vielen Glencheckanzügen und Kamelhaarmänteln in Antonionis Filmen ganz zu schweigen. Marcello Mastroianni wird für mich zu einer modischen Leitfigur werden.

Es gibt damals noch andere Filme außer denen, die in den Lichtspieltheatern (welch schönes, ausgestorbenes Wort!) gezeigt werden. Da wo es Vorhänge und Zwischenvorhänge gibt, und die Platzanweiserinnen uniformähnliche Kostüme und kleine Häuschen tragen. Und das sind Filme, die nicht im Kino gezeigt werden. Filme in Worten. Filme, die man gesehen hat und die man jetzt seinen Freunden erzählt. Die Filmerzählung wird zu einer Kunst, in der Handlung und Kameraeinstellungen sorgfältig beschrieben werden, bis jeder die Szene vor Augen hat. Ekke, der als einziger irgendwo Arsen und Spitzenhäubchen gesehen hat, erzählt mir den Film, wenn wir nach James Tröbs kräftezehrenden Sportunterricht unten auf dem Sportplatz den Berg der Poststraße zurück zur Schule schlurfen. Als ich Frank Capras Film endlich eines Tages sehe, kenne ich jede Szene. Das ist die Macht einer guten Filmerzählung.

Eine Stufe höher als unsere Filmerzählungen wird der Film eines Tages in die Literatur wandern. Wenn ich Guillermo Cabrera Infante lese, habe ich das Gefühl, ich hätte einen Zwilling auf Kuba in den fünfziger Jahren gehabt. Seine filmversessenen Romanfiguren sind uns so ähnlich. Autoren werden anfangen, filmisch zu denken und zu schreiben. Obgleich gute Autoren das schon immer getan haben, und Joseph Conrad im Vorwort zu The Nigger of the Narcissus davon gesprochen hat, dass es sein Ziel sei to make you see. Und Fitzgerald (der Conrad bewunderte) beinahe statt Romanen Filme schreibt, sein Great Gatsby ist ja schon ein halbes Drehbuch. Und John Fowles hat gesagt, dass er den Anfang von The French Lieutenant’s Woman wie ein Kinobild im Kopf gehabt hat. Und dann kommt Rolf Dieter Brinkmann aus dem traurigen katholischen Kaff Vechta, wo außer der Strafanstalt nichts los ist und redet von dem Film in Worten. Und schreibt Filme in seine Gedichte hinein. Kopfkino. Von nun an wird man Autoren nicht mehr danach beurteilen, was sie schreiben, sondern ob die Filme, die sie in ihre Werk hineinschreiben, auch unsere Filme sind.

Natürlich geht man damals auch wegen der Frauen ins Kino, nicht nur der Frauen auf der Leinwand wie Lucia Bosé, von der ich irgendwann auch Cronacra di une amore und La signora senza camelie sehen werde. Nein, man geht wegen der wirklichen Frauen ins Kino, die jetzt, wo wir sechzehn, siebzehn oder achtzehn sind, zunehmend interessant werden, und mit denen man in der Dunkelheit des Kinos Körperkontakt haben kann. Und die man hinterher in der Dunkelheit der Nacht nach Hause begleiten kann. Einmal habe ich nach einem Film in unserer Aula, als ich mit Ute die Bismarckstraße hinunter zum Bahnhof ging, einen riesigen Mond unten über Grohn gesehen. Den Film an diesem Abend habe ich völlig vergessen, Ute natürlich nicht, aber dieser riesige gelbe Mond unten über dem Bahnhof war besser als jeder Film. Es war, als ob man den Berg hinuntergehen und direkt in ihn hineinspazieren könnte. 

Frauen haben damals aber häufig einen ganz anderen Filmgeschmack als wir. Ich werde nie vergessen, dass Renate mich in Die Kraniche ziehen geschleppt hat, der in einem Kino hinten in der Hammersbeker Straße gespielt wurde. Sie fand den Film toll, ich fand ihn nur russisch patriotischen Kitsch, gut photographiert, aber sentimental. Durfte ich damals aber nicht sagen. Unsere Eltern würden es ja begrüßen, wenn wir Die Mädels vom Immenhof gut finden würden, aber darüber sind wir längst hinaus. Für uns zählen jetzt nur noch der italienische Neorealismus und französische Filme (aber auf keinen Fall das Tagebuch eines Landpfarrers, das es im Schülerfilmclub gab). Bei der jetzt beginnenden nouvelle vague sind wir von Anfang an dabei. Obgleich Georg das etwas abschätzig französisches Sabbelkino nennt. Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn gab es sogar in unserem Filmclub. Für den stimmte der Direktor aber nur, weil der Film etwas mit Schule und Pädagogik zu tun hat. Deshalb wurde im gleichen Schuljahr wahrscheinlich auch Die Saat der Gewalt gezeigt. Natürlich gehen wir in dieser Zeit auch, zum Missfallen der Eltern, in amerikanische Western. Richtige Western, die nichts mehr mit Fuzzy gemein haben. Der einzige Western, den unsere Eltern akzeptieren, ist Zwölf Uhr Mittags mit Gary Cooper und Grace Kelly, den die deutsche Presse einen Edelwestern nennt. Aber richtige Western müssen Western von John Ford sein, oder John Wayne muß darin mitspielen, etwas anderes geht gar nicht. 

Für den richtigen französischen Cineasten fehlt uns noch der filmtheoretische Überbau, wir haben zwar in dieser Phase, wo wir Exis sind und Tweedjacketts und schwarze Rollkragenpullover tragen, den rive gauche Look, aber noch nicht die richtigen Götter der Filmtheorie. Wir wissen noch nicht, dass André Bazin den amerikanischen Western filmtheoretisch als le cinéma américain par exellence geadelt hat. Und wir haben auch verpasst (was mir heute noch unerklärlich ist), dass das erste Buch über den Western, Jean-Louis Rieupeyrouts Le Western, Ou le cinéma américain par excellence, in deutscher Übersetzung 1963 bei Schünemann in Bremen erschienen ist. In einer Reihe, die Ein City-Buch hieß, mit einem Klappentext von Walter H. Schünemann, aber einwandfrei die deutsche Übersetzung des Originals, sogar noch vom Autor für diese Ausgabe erweitert. Und natürlich von Joe Hembus herausgegeben, dessen Western-Lexikon wir wenig später auswendig lernten. Der deutsche Rieupeyrout ist heute nicht mehr zu bekommen, mein Exemplar hat mich vor Jahrzehnten im Antiquariat zehn Mark gekostet. Es zählt heute zu meinen seltensten Bremensien.

Wenn ich mir anschaue, was in den fünfziger und sechziger Jahren in den Cahiers du Cinéma diskutiert wird, dann ist unser Filmprogramm gar nicht so verschieden von dem der französischen Cineasten. Mein Leben mit dem Film ist nicht so verschieden von Truffauts alter ego Antoine Doinel. Ich kann auch von Glück sagen, dass Michelangelo Antonioni, die nouvelle vague und polnische Filme wie Das Messer im Wasser und Asche und Diamant in meine kinobegeisterte Jugend fallen. Wenn man heute jung wäre und mit dem ganzen Hollywood Schrott aufwachsen müsste, könnte man dann ein Filmliebhaber werden? Interessant ist der Zugewinn an Status beim Filmkritiker, der dank der Intellektualisierung dieser Spielart der Literaturkritik durch die Franzosen plötzlich immer wichtiger wird. Man hat damals das Gefühl, dass der ganze intellektuelle Diskurs nicht mehr in philosophischen oder philologischen Fachzeitschriften geführt wird, sondern in den Cahiers oder dem deutschen Ableger Filmkritik

Kein Intellektueller (oder jemand, der sich so geriert) in den sechziger Jahren, der nicht auch Filmkritiker ist. Selbst wenn man nur für kleine hektographierte Blättchen schreibt, wenn man Filmkritiker ist, ist man jetzt ganz oben. Und die deutschen Filmkritiker sind schon gut, obgleich sie sich meiner Meinung nach zu stark an den Franzosen orientieren. Während ich, weil ich jede Woche den Observer oder die Sunday Times (manchmal auch beide) lese, eher für Dilys Powell schwärme. Selbst wenn man den sogenannten Neuen Deutschen Film nicht so mag (kein Vergleich zur nouvelle vague), bei dem alle Jungregisseure auch Filmkritiker sind, ist das Niveau bei den Leuten, die jetzt die blaue Reihe Film bei Hanser machen, schon sehr hoch. Also Leute wie Wolfram Schütte. Oder Uwe Nettelbeck bei der Zeit. Oder Blumenberg, Syberberg, Bitomsky und wie sie alle heißen. Oder Enno Patalas und Frieda Grafe nach einem gemeinsamen Kinobesuch (wie können Frauen und Männer die gleiche Meinung über einen Film haben?). Wir haben einen Höhepunkt der Filmkritik, den wir nie wieder bekommen werden. Selbst in Schüler- und Studentenzeitungen kann man einen Abglanz davon sehen. Natürlich leider nicht in den Bremer Nachrichten oder der Norddeutschen Volkszeitung.

Bernhard Wickis Antikriegsfilm Die Brücke hat es in unserem Schülerfilmklub auch gegeben. Der Film hebt sich ja ab von den vielen deutschen Filmen, die den Zweiten Weltkrieg zum Thema haben. Die sind damals ein Teil der Kultur der jungen Republik, und sie werden von unseren Eltern mit gemischten Gefühlen betrachtet. Also Filme wie Haie und kleine FischeHunde, wollt ihr ewig leben oder Des Teufels General. Etwas anderes als Leisers beklemmendes Mein Kampf. So hervorragende DDR Filme wie Konrad Wolfs Ich war Neunzehn haben damals nicht den Weg zu uns gefunden (gab es erst 1971 im Fernsehen). Jedes Deutschland bewältigt jetzt seine Vergangenheit selbst, ob mit dem schneidigen Joachim Hansen in Stern von Afrika oder Joachim Fuchsberger (den ich von Peters Erzählungen kenne, weil er mal als kleiner Junge in einem Heimatfilm bei Blacky auf dem Schoß gesessen hat) in Die grünen Teufel von Monte Cassino

Wenn auch manche dieser Filme durchaus kritisch sind, die Vielzahl ist es nicht. Und als Drehbuchautoren und Regisseure wirken da noch viele, die auch bei den Nazis im Filmgeschäft waren. Und nicht nur bei diesen Kriegsfilmen, die sitzen auch noch im Establishment des Fernsehens. In diesen Filmen kann man sich ein paar schöne Stunden mit der unbewältigten Vergangenheit machen (wie Joe Hembus das in Der deutsche Film kann gar nicht besser seinformuliert hat), Geiselgasteig wird jetzt zum Geschichtslehrer Deutschlands. Und die Charakterköpfe des deutschen Schwarzweißfilms schlüpfen jetzt in die Uniformen des Nazireiches und tragen meistens ein Ritterkreuz über dem Schlips. Wie Curd Jürgens als General Harras, Wolfgang Preiß in Haie und kleine Fischeoder als Graf Stauffenberg, O.E. Hasse als General in 08/15 oder als Admiral in Canaris. Wobei dieser Film von Alfred Weidenmann gedreht wurde, einem Nazi der ersten Stunde. Der uns später noch Derrick bescheren sollte.

Auf der anderen Seite der Zonengrenze entstehen wirkliche antifaschistische Filme wie Ich war NeunzehnLissyNackt unter Wölfen und Jakob der Lügner. Wir haben 08/15Kinder, Mütter und ein General und Fabrik der Offiziere. Aber diese Sorte Film hat immer ihre Liebhaber, Kriegsteilnehmer, die hinterher endlos darüber diskutieren, ob die SS Uniformen im Film korrekt waren. Als ich Franklin J. Shaffners Patton, der hier als Panzer nach vorn angekündigt wurde, im Kino sah, war das Kino voller Rentner. Die alle den Saal während des Filmes verließen, ein solch kritisches psychologisches Portrait eines Generals gefiel ihnen nicht (und ihr Held Rommel kam da auch nicht drin vor), die Schauspielkunst von George C. Scott wurde von ihnen nicht gewürdigt.

Erstaunlicherweise treffe ich auch bei der Bundeswehr auf eine Vielzahl von Filmfreaks. Einen davon sehe ich auch in Kiel an der Uni wieder, wir fahren am Wochenende gemeinsam nach Bremen. Also, ich fahre, und er zahlt Benzingeld. Und die ganze Fahrt lang diskutieren wir über Filme. Er wird eines Tages eine Frau vom unteren Ende der Weserstraße heiraten (so nennt man euphemistisch snobistisch diesen Teil der Straße, wenn man im richtigen Teil wohnt), aber davor diskutieren wir bei den Wochenendfahrten jahrelang über Film. Es gibt zwar keine Bücher über Filme, aber es gibt ständig Gespräche über Filme. In den Filmclubs an der Uni redet man sich die Köpfe heiß. Wir zeigen das, was die kommerziellen Kinos nicht zeigen. Wir bereiten das auch wissenschaftlich auf, schreiben hochintellektuelle Beiträge, wird alles auf Wachsmatrizen getippt und dann an der Gstetner Umnüdelmaschine abgezogen. Liest hinterher keiner, liegt am nächsten Tag noch in der Mensa rum. Man kann das ja verstehen, ich habe die Chronik der Anna Magdalena Bach von Jean-Marie Straub auch todlangweilig gefunden. Hinterher waren wir dann noch mit dem ganzen Filmclub in der Mitternachtsvorstellung vom Regina, wo es Eddie Constantine zum Mitschießen gab. Da hockte schon der ganze linke Asta. Ich glaube, die Eddie Constantine Filme im Regina wurden nur für die Frustbewältigung von gescheiterten politischen und kulturellen Hoffnungen gezeigt.

1976 mache ich an der Uni das erste Seminar zum amerikanischen Film, ein Proseminar über John Fords Stagecoach. Es ist auch das erste Seminar zum Thema Film an dieser Uni. Wenig später überreden Götz und ich unseren Professor, dass wir ein Kolloquium zum Thema englischer und amerikanischer Film machen sollten. Der Professor findet (wie immer) auch gleich einen einprägsamen Namen: Filmphilologie. Damit können wir leben, man kann die Sprache von Filmen lesen, wie man Bücher lesen kann. Der Prof möchte sich auf Literaturverfilmungen konzentrieren, ich möchte lieber auf Filme im kulturellen Kontext hinaus. Abgesehen von Alfred Weber in Tübingen sind wir die ersten in Deutschland, die film studies machen. In Amerika gibt es dafür an jeder größeren Universität schon einen Professor. Was mir Professor James Naremore aus Bloomington erzählt, wenn er bei mir im Wohnzimmer auf dem großen Sofa sitzt, das kann einen schon neidisch machen. Inken hat den Spezialisten für den Film Noir angeschleppt, sie hat drüben bei ihm ihre Magisterarbeit geschrieben. Aber wenn wir auch nicht solche Mittel haben, genauso genommen haben wir überhaupt keine Mittel, schaffen wir es doch, das Ganze ins Laufen zu bringen. Wenn ich an Alfred Webers Projekt zur Erforschung des amerikanischen Dokumentarfilms mitarbeite (damals das gößte Projekt der deutschen Amerikanistik) und meinen Artikel zu The Plow that Broke the Plains schreibe, spüre ich zum erstenmal, was es bedeutet, Teil eines solide finanzierten Projekts zu sein.

Ich baue in unserer Bibliothek eine Filmbibliothek auf, ohne einen Pfennig staatlicher Förderung, alles aus dem regulären Bücheretat abgeknapst. Die Buchhandlung Cinemabilia in New York schenkt mir, mit rotem Stempel complimentary copy, ihren Catalogue Seven. Die wissen, dass ich von nun an bei ihnen kaufen werde. Ich kaufe aber auch beim Strand Books Store, dem größten Antiquariat der Welt. Und unser amerikanischer Buchhändler Nolan Smith besorgt uns (in völlig un-amerikanischer Manier) seltene, vergriffene Titel. Als unser Professor 1986 stirbt, haben wir eine Filmbibliothek, die sich überall sehen lassen kann. Publikationen noch und noch. Dissertationen, wie die von Volker Behrens über The French Lieutenant’s Woman, Sammelbände, Workbooks (die in einzelnen Bundesländern auf der Liste der empfohlenen Literatur stehen), Aufsätze, Rezensionen. Die Uni streicht die Professur und das ganze Projekt Filmphilologie (Götz und ich bieten aber aus Trotz noch zwanzig Jahre lang Filmseminare an). Als Kurt Denzer pensioniert wird, wird auch die Dokumentarfilmarbeit der Uni eingestellt, alles wird abgewickelt. Vulgo weggeschmissen. Ulli Ehlers, der ein halbes Leben lang die Landesarbeitsgemeinschaft Film in Schleswig Holstein geleitet hat, erzählt mir auf der Party zu Kurts siebzigstem Geburtstag, dass er einen Film vor der Mülltonne bewahrt hat. Den Dokumentarfilm Glas. Ausgerechnet den. Ich verschütte vor Lachen mein Mineralwasser. Aber eigentlich ist es zum Heulen. 

Im Vernichten von Kultur ist diese Universität, die einmal eine Nazi Vorzeigeuniversität war, ganz groß. Ich weiß schon, weshalb sie in dieser Selbstlebensbeschreibung keine Rolle spielt. Heute gibt es einen Professor für cultural studies und Medienwissenschaft, der vor seiner Berufung niemals unterrichtet hat und sich mit einem Vortrag über Hip Hop qualifiziert hat. Seine Doktorandin erforscht chinesisches Essen in New Yorks Chinatown. Der zweite Doktorand promoviert über die Ford Fernsehwerbung zwischen 1959 und 1967. Und das Forschungsprojekt hat hunderttausende von Euro zur Verfügung. Man weiß nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll.

Mein Leben verläuft glücklicherweise über lange Strecken fernsehlos. Ein Fernsehgerät kaufen meine Eltern erst sehr spät (immer das Teuerste, was der Laden unten an der Grenze zu Aumund und später Barlage um die Ecke ihnen andreht). Aber keine Fernsehtruhe, es genügt, dass wir eine Musiktruhe haben. Und außer den Nachrichten (die jetzt die Wochenschau im Kino ersetzen), der Aktuellen Schaubude aus dem gläsernen Studio in Hamburg mit Werner Baecker (was am Anfang der Verkaufsraum eines Opelhändlers neben der Staatsoper ist, wir waren mal an einem Sonnabendabend dabei) und dem Sport will ich nichts sehen. Das Fernsehen ist etwas für Erwachsene. Unser wirkliches Leben ist draußen, oder im Kino (oder im Keller in der Dunkelkammer). Als ich bei der Bundeswehr bin, habe ich jahrelang keinen Fernseher gesehen. Allerdings konnten unsere Funkgeräte im HS 30 auf der gleichen Frequenz wie das deutsche Fernsehen laufen, wenn man dann auf Senden drückte (was natürlich streng verboten war), konnte im Umkreis von 1,6 Kilometer niemand mehr fernsehen. Ich nehme mal an, dass sich die Einwohner von Munster und Bergen-Hohne daran gewöhnt hatten. Und während des Studiums gab es auch kein Fernsehen für mich. Wenn es mal etwas Wichtiges im Fernsehen gab (wie zum Beispiel eine Fußballweltmeisterschaft), musste man sich bei Noli einladen, der hatte ein Fernsehgerät.

Dennoch bin ich dem Fernsehen dankbar für einige große Augenblicke, die ich nicht vergessen habe. Also als wir mit zwanzig Mann nach dem Cricket im Schlafzimmer von Bärbel und Georg lagen, um Mönchengladbach siegen zu sehen, das Spiel, in dem Netzer sich selbst eingewechselt hat. Und es war auch ein schöner Augenblick als der Intendant der Pariser Oper Rolf Liebermann vor laufender Kamera den Herrn Norbert Walter (Chefvolkswirt der Deutschen Bank, nachdem er am Kieler Weltwirtschaftsinstitut rausgeflogen war) wegen seiner Nazisprüche fertigmachte. Bis der geweint hat. Das sind die Augenblicke, wo ich für einen Fernseher dankbar bin. Aber neben alle Folgen von Chereaus Ring des Nibelungen (auf einem winzig kleinen Farbfernseher, den mir mein Bruder billig besorgt hatte) und den köstlichen Hamburger Mozart Aufnahmen der London Theatre Company (vor allem Cosi fan Tutte mit der schnuckeligen Jacinta Mulcahy), sind die großen Augenblicke des Fernsehens für mich nur der Kinoersatz von Filmen, die ich vorher noch nicht gesehen hatte. Ich bin N3 wirklich dafür dankbar, dass ich Alexei Germans Moi drug Ivan Lapshin sehen konnte. Und natürlich Bondartschuks Krieg und Frieden. Wenn ich schon keinen Videorecorder habe, diese Filme habe ich im Kopf.

A Tale of Two Cities mit Dirk Bogarde habe ich auf Uwes Jollenkreuzer mit einem Portable gesehen, dessen Bildfläche so groß wie eine Postkarte war. Zehn Zentimeter vor dem Bildschirm. Drinnen in der Kajüte Sidney Carton, wie er zur Guillotine schreitet und draußen das glucksende Wasser des Weser-Ems-Kanals. Jahrzehnte später sehe ich beim meinem Bruder, der eine Satelliten Schüssel hat, als Turner TV ins Netz geht und noch unverschlüsselt ist, alle englischen Klassiker aus den Pinewood und Elstree Studios, die mir bisher entgangen sind. Alle Filme mit Dirk Bogarde habe ich inzwischen gesehen (und alle seine Bücher gelesen), ich habe auch A Tale of Two Cities auf einem größeren Bildschirm gesehen. Das war aber nicht so intensiv, wie damals auf Uwes Boot.

Als unser Fernseher ganz neu war, habe ich zusammen mit Vati eine eindrucksvolle Produktion von Der Richter und sein Henker mit Karl Georg Saebisch (viel besser als der Film mit Jon Voigt und Jacqueline Bisset Jahre später) gesehen. Die bleibt unvergessen, ebenso wie Das Haus an der Stör aus der Reihe Stahlnetz, zu der Wolfgang Menge das Drehbuch geschrieben hat. Und natürlich habe ich wie alle Deutschen den Tatort verfolgt, vor allem die Folgen mit Sieghard Rupp als Zollfahnder Kressin oder die mit Walter Richter als Trimmel. Kressin stoppt den Nordexpress (wiederum Drehbuch von Wolfgang Menge) und Taxi nach Leipzig habe ich auf DVD, das ist heute reine Nostalgie. Und um so vieles besser, als das, was die Degeto heute kauft oder produziert, dieser unerträgliche Schmonzetteneinheitsbrei.

Die Kinos meiner Jugend, die für meine Eltern manchmal noch eine blasse Erinnerung an die Filmpaläste waren, die sie in ihrer Jugend noch kennen gelernt hatten (mein Vater schwärmte von den Berliner Kinos, in denen er während seines Studiums an der Charité gewesen war), gibt es heute nicht mehr. Keine Kartenverkäuferinnen in modernistischen Glas- und Chromkapseln. Kein Foyer, bei dem die Wände mit grellbunten Plakaten und Filmphotos hinter Glas bedeckt waren. Keine langsam verglühenden Lichter mehr, nicht die kleinen punktförmigen Seitenlichter, die den Seitengang an der roten Stoffwand des Vorführungssaals hinunterliefen. Keine Samtvorhänge mehr, die mit den Jahren immer dunkler und schwerer wurden. Keine Platzanweiserinnen mehr. Wenn Edward Hopper nicht einmal eine einsame Platzanweiserin gemalt hätte, dann wüsste man wahrscheinlich gar nicht mehr, dass es die einmal gegeben hat.

Dies ist das Kapitel 32 aus meiner beiseite gelegten Autobiographie Bremensien. Ich habe das vor zwölf Jahren geschrieben. Vieles aus dem Text ist in den Blog gewandert, ich habe das mit fett gesetzten Links markiert.

Verliebt in scharfe Kurven

Wir wollen lieber nicht darüber reden, wie schlecht das Fernsehen geworden ist, das ist ein unerschöpfliches Thema. Im völligen Gegensatz zu der Qualität des Fernsehens stehen die Gehälter der Direktoren der Rundfunkanstalten, Tom Buhrow vom WDR bekommt mehr als 400.000 Euro im Jahr. Da wissen wir, wo unsere Fernsehgebühren landen. Vor zehn Jahren schrieb ich in dem Post Axel Eggebrecht:

Man kann überall nachlesen, dass Eggebrecht eine Radio Legende ist. Den NWDR hatte er als Hauptabteilungsleiter schon 1949 wegen parteipolitischer Querelen verlassen, blieb dem Sender aber als Freier Mitarbeiter erhalten. Und er war eine Institution, die nicht wegzudenken war. Eine Woche, ohne Axel Eggebrecht mit seiner unnachahmlichen Stimme gehört zu haben, war keine Woche. Irgendwie verkörperte er den letzten Rest des Geistes der deutschen Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Er brachte Bildung und Vernunft in seine Sendungen. Das alles ist verloren gegangen. Der NDR ist vor wenigen Tagen in einer Medienanalyse als bester Sender im Norden herausgestellt worden, wie der Intendant Lutz Marmor stolz vor der Presse bekannt gab. Lutz Marmor verdient 286.000 Euro im Jahr, und das Niveau seines Senders ist flach wie das Land. Ich weiß nicht, ob Axel Eggebrecht für seine Radioarbeit in seinem ganzen Leben soviel Geld bekommen hat wie es Lutz Marmor in einem Jahr kriegt.

Das lassen wir mal so stehen, Lutz Marmor ist im Ruhestand, und er bekommt bestimmt eine schöne Rente. Vor der Rente hatte er noch Til Schweiger in den Tatort geholt und war bannig stolz darauf. Die Qualität der Fernsehgeräte ist immer besser geworden, die Qualität des Programms nicht. Das ist so flach wie ein Flachbildschirm. Fernsehen heute – so schlecht war es noch nie, titelte die FAZ. Das war im Jahre 2001. 

Der Stern hatte früher eine erstklassige Programmzeitschrift als Beilage. Haben sie schon seit Jahren nicht mehr, legten da ein kümmerliches Heftchen von RTL ins Heft. Und jetzt? Seit dem 1. Januar gehört der Stern zur RTL Group. Wo soll das noch hinführen? Man braucht auch überhaupt kein Programmheft, es gibt ja sowieso nur noch Horst LichterTalkshow und Tatort. Aber wo bleiben Information, Bildung, Beratung, Kultur und Unterhaltung, die einen Beitrag zur Sicherung der Meinungsvielfalt und somit zur öffentlichen Meinungsbildung leisten sollen? Vor allem Kultur. Warum sendeten arte, 3Sat oder N3 nach dem Tod von Peter Bogdanovich nicht The Last Picture Show? Warum gab es nach dem Tod von Jean-Jacques Beineix nicht Diva im TV? Immerhin zeigt arte für vier Wochen ✺Betty Blue.

Manchmal aber, da gibt es spät in der Nacht doch was richtig Gutes. Vor fünf Tagen gab es bei arte Verliebt in scharfe Kurven (Il Sorpasso), ein italienisches Road Movie von 1962 mit Vittorio Gassman und Jean-Louis Trintignant. Ich kenne den Film, ich habe ihn damals im Kino gesehen, also in dem damals, in dem ich noch so aussah wie Jean-Louis Trintignant. Ich habe auch eine DVD, italienischer Originalton. Ich habe zwar ein paar Italienischkurse an der Uni belegt, weil Professor Tintelnot der Meinung war, man könne kein Kunsthistoriker sein, wenn man kein Italienisch könne, aber doll ist mein Italienisch nicht. Es gibt neben Gassman und Trintignant auch eine Menge schöner Frauen in dem Film. Diese hier erscheint nicht auf der Liste der Darsteller bei dem ansonsten guten Wikipedia Artikel, aber ich glaube, es ist Edda Ferronao

Auch nicht im Wikipedia Artikel erwähnt wird Annette Stroyberg, deretwegen sich Roger Vadim von Brigitte Bardot scheiden ließ. Als Annette Vadim war sie in Les Liaisons Dangereuses zu sehen gewesen. Sie hat im Film nur eine kleine Rolle als deutsche Touristin. Aber wir haben im Film auch noch Luciana AngiolilloCatherine Spaak und Mila Stanic

Der schüchterne Jurastudent Roberto (Trintignant) wird keine abbekommen, auch sie hier (Mila Stanic) nicht. Der Lebemann und Prahlhans Bruno (Gassman) mit seinem Lancia Aurelia bekommt auch keine, obgleich er in seinen Erzählungen einer zweiter Don Juan ist. Der Film, zu dem Fellinis Freund Ettore Scola das Drehbuch schrieb, ist eine hektische Fahrt auf der Überholspur vom menschenleeren ✺Rom in die Toscana, durch ein Italien des Wirtschaftswunders. Der Film hat manches mit den Filmen von Fellini und Antonioni gemein. Über Antonioni sagt Bruno im Film großspurig: Antonioni? Bei L’éclisse bin ich sanft eingeschlummert. Ein großartiger Regisseur!

Il Sorpasso gilt als ein Meisterwerk Dino Risis. Martin Scorsese hat den Film, der den englischen Verleihtitel The Easy Lifehatte, auf die Liste der ihm wichtigsten italienischen Filme gesetzt: Perhaps the least famous movie on the list, ‚The Easy Life‘ is carried to classic status by the chemistry of its two male leads, Jean-Louis Trintignant and Vittorio Gassman. Trintignant plays Roberto, a young and painfully shy law student, studying for an important exam. Looking out his window he notices Bruno (played by Gassman) and his stylish Lancia. Bruno needs to make a phone-call and Roberto offers him to come up. Soon after, Bruno offers Roberto to come for a drink. However, there’s nowhere in the city to drink, because everyone is away on holiday. Not to be put off by this, Bruno decides to take Roberto on a road trip into the country.side. So begins a messy odd-couple friendship. 

As usual with this form of comedy, the plot is driven by the polar opposition of the two characters, and elicits sympathy at those brief moments when their common humanity is revealed. While the movie is often seen as a commentary on Italy’s ‚economic miracle‘, it is not an overtly satirical film. Both characters are treated with tenderness, and both actors were already known for their abilities to charm audiences. But the film does display a suspicion, especially considering it’s final scene, towards Italians’ increasing individualism and consumerism.

Wenn Ihnen das Fernsehprogramm heute und morgen nicht gefällt, dann habe ich hier ✺Verliebt in scharfe Kurven für Sie. 

Peter Bogdanovich ✝


Am Anfang des Films The Searchers von John Ford wird eine Tür geöffnet, die Dunkelheit des ✺Rahmens weicht der Helligkeit. Eine Pioniersfrau blickt in die Landschaft, aus deren Mittelgrund ein Reiter auf das Haus zureitet. Drei Jahre nach Ende des Bürgerkriegs kommt Ethan Edwards (in der Uniform eines Kavalleristen der Südstaaten) zum Haus seines Bruders zurück. Seinen Säbel hat er immer noch, Symbol dafür, dass er sich nie ergeben hat. Drei Jahre hat er sich herumgetrieben, vielleicht war er auf der Seite Maximilians in Mexiko (so wie Gary Cooper in Vera Cruz). Jetzt ist er wieder zuhause, aber es ist nicht sein Zuhause: he was just a plain loner – could never really be a part of the family, hat John Ford über die Rolle von Ethan Edwards, den John Wayne spielt, gesagt. Zwischen dem Anfang des Films und dem Ende liegen viele Jahre einer geradezu epischen Suche nach der Nichte Debbie (die junge Debbie am Anfang des Films wird von der kleinen Schwester von Natalie Wood gespielt).

Ethan Edwards Schwägerin liebt ihn, wir sehen das in einer rührenden Szene, wenn sie zärtlich über seinen angelegten Mantel streicht. Wieder ist das als Bild im Bild gerahmt, im Hintergrund, beinahe wie ein Vermeer Bild. Es sind keine zehn Sekunden, aber wir haben es alle verstanden. Und zur Verdeutlichung erklingt die gleiche Musik wie am Anfang des Films: ✺Lorena, das beliebteste Lied des amerikanischen Bürgerkriegs. Als Peter Bogdanovich John Ford in seinem berühmten Interview die etwas überflüssige Frage stellte, ob diese Szene bedeutete, dass Martha Edwards in ihren Schwager verliebt sei, bekam er die patzige Antwort: Well, I thought it was pretty obvious – that his brother’s wife was in love with Wayne; you couldn’t hit it on the nose, but I think it’s very plain to anyone with intelligence. Manches bleibt eben besser ungesagt. 

Wie diese scheue Liebe. Alles in einer Minute ✺Bildsprache. In einem Interview hat Peter Bogdanovich später gesagt: Einer der interessantesten Aspekte von ‚The Searchers‘ ist die Beziehung zwischen Ethan und seiner Schwägerin. Dass die beiden unerfüllte Gefühle füreinander hegen, wird nur mit Blicken vermittelt. Es gibt keinen einzigen Dialogsatz. Heutzutage würde man das zu Tode quatschen. Denn die jetzige Generation von Filmemachern weiß nicht, wie sie eine Geschichte visuell erzählen soll. Das ist etwas, was wir heute in jedem neuen Film sehen können. Denn sie wissen es heute nicht, weil sie jede Sekunde hin- und her schneiden. Aber das bedeutet ja nicht, dass sie ihre Geschichte visuell erzählen. Sie wissen bloß nicht, was sie wollen. Hier zeigt sich der unselige Einfluss von MTV und Werbung, wo Schnitte rein um ihrer selbst willen erfolgen. Das ist pure Dekadenz. Dadurch wirken die meisten Filme wie ohne jeglichen Orientierungssinn. Nahaufnahmen werden wahllos eingesetzt. Und bräuchte man eine, gibt es keine.

Peter Bogdanovich, der am 6. Januar 2022 starb, war nicht nur Regisseur. Er schrieb auch Drehbücher, schrieb über Filme und interviewte Kollegen. Niemand als er hat mehr Interviews mit den bedeutenden Regisseuren und Schauspielern aus Hollywoods großer Zeit geführt. Ein großer Teil seiner Interviews ist im Jahr 2000 im Haffmanns Verlag unter dem Titel Wer hat denn den gedreht? auf deutsch erschienen. In gewisser Weise war er der François Truffaut oder der Jean-Luc Godard von Amerika; was die Franzosen in den Cahiers du cinéma schrieben, das hatte er alles gelesen. Über den schwierigen Interviewpartner Ford hat das Wunderkind des New Hollywood natürlich ein Buch geschrieben und einen ✺Dokumentarfilm gedreht. Aber die Frage nach Martha Edwards hätte er im Interview wohl besser nicht gestellt. 

Am Ende von The Searchers haben wir wieder den ✺Rahmen der Tür. Einsam bleibt John Wayne in diesem Rahmen stehen und entfernt sich dann immer weiter vom Haus. Ein einsamer alter Mann, der seinen Hass auf die Rothäute überwunden hat, der seine Nichte Debbie nicht getötet hat. Und dann erklingt die Titelmelodie von The SearchersA man will search his heart and soul go searching way out there. His peace of mind he knows he’ll find. But where, o Lord, Lord, where. Ride away. Ride away. Ride away. Und dann ist der Film zu Ende. Als Peter Bogdanovich John Ford die Frage stellte: What was the meaning of the door opening on him at the start and closing at the end? hat Ford geantwortet: Mmhmm. Das war wahrscheinlich das bedeutungsvollste Mmhmm der Filmgeschichte. John Ford hat nach dem Interview Bogdanovich seine liebste Schmeißfliege genannt.

Bogdanovichs erster Film war ✺Targets (Bewegliche Ziele), ein Film über ein Thema, das Amerika jede Woche bewegt, ein Film über einen jungen Mann, der sinnlos Menschen erschiesst. Und der am Schluss durch den Grand Old Man des Horrorfilms Boris Karloff überwältigt wird, hier kommen Fiktion und Wirklichkeit, Horrorfilm und Amerikas alltäglicher Schrecken, zusammen. Der Film war der eine Auftragsarbeit für Roger Corman, der damals eine Kaderschmiede für die Regisseure des New Hollywood war, auch der Two-Lane Blacktop Regisseur Monte Hellman und viele Regisseure des New Hollywood hatten bei Corman gelernt. Targets wurde gedreht, bevor Martin Luther King und Bobby Kennedy erschossen wurden. Paramount hatte den Film gekauft, weil er gute Kritiken bekommen hatte, aber nach dem Tod von Martin Luther King und Bobby Kennedy wussten sie nicht, ob sie den Film wirklich ins Kino bringen sollten.

Aus den Filmresten, die ihm Roger Corman überlassen hatte, hatte Bogdanovich mit Hilfe von Samuel Fuller (der eines Tages den Tatort ✺Tote Taube in der Beethovenstraße drehte) das beste gemacht. Nun konnte sich der Assistent Cormans an seinen wirklich ersten eigenen Film wagen: die Verfllmung des Romans The Last Picture Show von Larry McMurtry. Das Drehbuch (hier das Script als Volltext) schrieben Bogdanovich und McMurtry zusammen, sie erhielten auch zusammen die Oscar Nominierung für das beste Drehbuch. Cybill Shepherd, mit der Bogdanovich die nächsten Jahre zusammenlebte, war seine Entdeckung für diesen Film, der acht Oscar Nominierungen und zwei Oscars bekam. Sie war genau die Richtige für diesen Film, und ich will nichts Böses über Cybill Shepherd sagen (die hier schon einen Post hat), aber Bogdanovich glaubte, dass er sie zu einem ganz großen Star aufbauen konnte.

Und drehte ✺Daisy Miller, die Verfilmung eines Henry James Romans, mit ihr. So groß der Erfolg von The Last Picture Show gewesen war, so groß war jetzt der Niedergang. Dies war der größte Flop in Bogdanovichs Karriere, die immer einer Achterbahnfahrt glich. Er hatte sich mit dem Drehbuchautor überworfen (lesen Sie mehr dazu in dem Post Frederic Raphael), und er hat später bereut, diesen Film gedreht zu haben. Cybill Shepherd drehte mit ihm zwanzig Jahre später noch ✺Texasville, ein Sequel zu The Last Picture Show, aber sie ging ihren eigenen Weg. Wir kennen sie aus siebenundachtzig Folgen ihrer Sendung ✺Cybill und als ✺Sängerin

Vierzig Jahre nach den Dreharbeiten von The Last Picture Show trafen sich Regisseur und Darsteller wieder, das Treffen können sie hier sehen. Und ✺The Last Picture Show können Sie hier natürlich auch sehen. Der letzte Film, der in The Last Picture Show in dem Kino der kleinen texanischen Stadt gespielt wird, bevor es geschlossen wird, ist Red River mit John Wayne. Bogdanovichs Film ist eine Verbeugung vor den Meistern des Westernfilms wie Howard Hawks und John Ford, und so haben das die Kritiker auch gesehen: I was moved by the reviews. The picture seems to have brought a melancholy poetry out of the critics by which I feel quite flattered. All the reviews were strangely personal. I suspect most of the critics are of an age to have grown up at the time of the movie.

Bogdanovich hatte große Talente, aber manchmal wollte er zuviel. In den achtziger und neunziger Jahren musste er zweimal Privatinsolvenz anmelden. Großen Erfolgen wie Is‘ was Doc? mit Barbra Streisand folgten große Flops wie They all laughed. Der Film war eine Tragödie für Bogdanovich, weil seine neue Liebe Dorothy Stratten kurz nach Ende der Dreharbeiten umgebracht wurde: It was a nightmare. Dorothy was murdered and I went crazy. I decided I would buy the film back from Fox and I lost my shirt distributing it myself which was insanity. Unfortunately, nobody stopped me. So it didn’t get great distribution because you can’t self-distribute. It’s impossible. Acht Jahre nach Dorothys Tod hat er ihre jüngere Schwester Louise geheiratet, die er angeblich schon als Dreizehnjährige verführt hatte. Die Ehe hat zwölf Jahre gehalten.

1920 hatte der Filmregisseur Allan Dwan, den Bogdanovich durch sein Buch The Last Pioneer vor dem Vergessen bewahrte, gesagt: And I say it’s the doggone most fascinating game there is — directing motion pictures. It’s a sense of power and a sense of creation in one. It’s a gamble. Even if you know something about it, you’re not sure you know anything about it at all. Es ist ein Satz, der sicher auch für Bogdanovich gegolten hat. May he sleep in bliss for eternity, enjoying the thrill of our applause forever, hat Francis Ford Coppola gerade geschrieben.

Peter Bogdanovich war schon häufig in diesem Blog. Sie finden ihn in den Posts Larry McMurtryCybill ShepherdFrederic RaphaelNatalie WoodSpätwestern und Hal Ashby.

Into the night

Letztens konnte man bei arte den Film ✺Fahr zur Hölle, Liebling sehen. Eine späte Verfilmung eines Romans von Raymond Chandler mit Robert Mitchum als Philip Marlowe, durchaus ein akzeptabler Film. Mit den Remakes von Klassikern ist das so eine Sache, die Zauberformel funktioniert beim zweiten Mal sehr selten. So gut wie Mitchum in Out of the Past war, war er nie wieder. In dem Post Nina van Pallandt, der über die Neuverfilmung von The Long Goodbye geht, habe ich damals geschrieben: Robert Mitchum als alternder Marlowe in Farewell My Lovely war nicht schlecht (Charlotte Rampling auch nicht), er hätte es dabei belassen sollen. Denn in dem Remake von ✺The Big Sleep (nicht mehr im L.A. von 1939, sondern im London der 70er Jahre) von Michael Winner hat er seinen guten Ruf aufs Spiel gesetzt. Michael Winner ist einfach nicht intelligent genug für einen richtigen neo-noir Film. Und London ist nicht L.A.

Man sollte viel mehr von den guten Filmen aus der Zeit des Film Noir senden und uns nicht mit Tatort, Polizeiruf 110, Wilsberg und Kroaten-Barcelona-Usedom-Erzgebirge-Stralsund-Krimis vollmüllen. Als ich las, dass Cornell Woolrich, der auch unter den Pseudonymen George Hopley und William Irish schrieb, am 26. September 1968 gestorben war, dachte ich mir, ich müsste unbedingt über ihn schreiben. Denn seine Romane und Kurzgeschichten sind die Basis von vierzig Filmen und TV-Serien Hollywoods. 

Und nicht nur Hollywood hat ihn verfilmt, François Truffaut liebte Cornell Woolrich (hier ein Bild aus ✺The Bride Wore Black). Die Romane von Cornell Woolrich handeln immer von Liebe, Sehnsucht und Tod, deshalb mochte Truffaut, der sich immer wieder in seine Hauptdarstellerinen verliebte, sie wahrscheinlich: Il y a beaucoup, beaucoup trop de morts autour de moi, que j’ai aimés, et j’ai pris la décision, après la disparition de Françoise Dorléac, de ne plus assister à aucun enterrement, ce qui, vous le pensez bien, n‘ empêche pas la tristesse d‘ être là, de tout obscurcir pendant un temps et de ne jamais estomper complètement, même avec les années, car on ne vit pas seulement avec les vivants, mais aussi avec tous ceux qui ont compté dans notre vie.

Truffaut hat Woolrichs Roman Waltz into Darkness unter dem Titel ✺La Sirène du Mississipi verfilmt, dazu gibt es hier einen ganz langen Post. Als Truffaut an die Verfilmung von The Bride Wore Blackheranging, lebte Cornell Woolrich noch. Er hatte allerdings noch nie etwas von François Truffaut gehört, ließ ihm aber durch Truffauts amerikanische Agentin ausrichten, dass er durchaus in der Lage sei, einen Brief in französischer Sprache zu lesen, falls Truffaut ihm schreiben wolle. Er hat den Erfolg von  La Mariée était en noir und La Sirène du Mississipi nicht mehr erlebt. Woolrich konnte nicht nur Französisch, er hatte an der Uni auch Deutsch studiert.

Als seine ersten Geschichten gedruckt wurden, verließ er die Columbia Universität. Seiner Schreibmaschine hat er in seiner fragmentarischen Autobiographie Blues of a Lifetime ein Denkmal gesetzt, das erste Kapitel heißt Remington Portable NC69411. Seine ersten Geschichten haben noch nichts mit dem hardboiled Genre zu tun, er ist schwer unter den Einfluss von F. Scott Fitzgerald gekommen und schreibt in Magazinen wie College Humor und McClures über das Jazz Age: I was a true son of the Twenties, carrying them with me through the long after-years. I made the Twenties last for forty years. This was the only possible answer, the only there could be: after me the downpour. Auf einem Blatt Papier, das man nach seinem Tod unter seinen Manuskripten fand, wird die Schreibmaschine wieder erwähnt: I was trying to cheat death. I was only trying to surmount for a little while the darkness that all my life I surely knew was going to come rolling in on me some day and obliterate me. I was only to stay alive a little brief while longer, after I was already gone. To stay in the light, to be with the living, a little while past my time. I loved them both so. A fool and his machine. Yes, a fool and his machine.

Auch wenn er sein Studium vorzeitig beendete und nicht wie sein Studienfreund Jacques Barzun als Wissenschaftler berühmt wurde, hielt er doch immer noch Kontakt zur Columbia Universiät. Als ihm Mark van Doren, der einmal sein Professor gewesen war, schrieb, dass er sich gerade den Film Black Angel angeschaut hatte, ging auch Woolrich ins Kino. Und schrieb Mark van Doren: I was so ashamed when I came out of there. All I could keep thinking of in the dark was: Is that what I wasted my whole life at? Woolrich hat diesen Film gehasst, er hasste beinahe alle Verfilmungen seiner Werke. Und er hasste Hitchcock, der ihn nicht zur Premiere von Rear Window eingeladen hatte: Hitchcock wouldn’t even send me a ticket to the premiere in New York. He knew where I lived. Woolrich hat gut an den Filmen verdient. Bei seinem Tod hinterließ er der Columbia University beinahe eine Million Dollar. Und all seine Manuskripte. Und das Copyright für all seine Werke. Wie auch solch unveröffentlichte Texte: I turned away from him and went on my way, up the street and about my business. The past was dead. The future was resignation, fatality, and could only end one way now. The present was numbness, that could feel nothing. Like Novocaine needled into your heart. What was there in all the dimensions of time for me? 

I have led a completely uneventful life, as far as outward incident is concerned. Fortunately I am a writer of the imagination, hat er geschrieben. Wir wissen wenig über sein Leben. Es gibt zwar seit 1988 mit Cornell Woolrich: First You Dream, Then You Die eine voluminöse Biographie von Francis M. Nevins, aber die ist mit großer Vorsicht zu genießen. Viele Spekulationen, wenig harte Fakten. Ich liebe Sätze wie I can’t prove it, but I know it. Die 613 Seiten bieten eine Bibliographie aller Werke von Woolrich und aller Verfilmungen, besprechen alle Werke, aber der wirkliche Cornell Woolrich bleibt in der Dunkelheit. Bei Amazon schrieb ein enttäuschter Leser: No. The book was supposed to be a biography of Cornnell Woolrich and it isn’t. The whole book gives a summary of the crime writer’s short novels and that’s all. Not a biography. Nevins war Juraprofessor an der Saint Louis University, kein Philologe. Mit dem Krimiautor Woolrich verbindet den Professor, dass er zahlreiche Krimis geschrieben und Anthologien von Detektivliteratur herausgegeben hat. 

Cornell Woolrich, in dessen Werk die Frauen einen so großen Platz einnehmen, hat über sich gesagt: I was born to be solitary, and I liked it that way. Er war einmal verheiratet: I never loved women much, I guess. Only three times, that I’m fully aware of. And each time I got more or less of a kick in the jaw, so there wasn’t much incentive to go ahead trying more frequently. The first time it was just puppy love, but it ended disastrously for at least one of us, through no fault of mine. The second time, somebody else married her, and it was only after it happended that I realized I wished it hadn’t. The third time, I married her, and it was only after it happened that I realized I wished it hadn’t. Er hat seine erste Liebe Vera Gaffney in das Kapitel The Poor Girl in Blues of a Lifetime hineingeschrieben.

Und Szenen aus seiner Ehe hat er auch in einem Fragment beschrieben: 1 woke up about two o’clock in the morning, everything dead still. 1 wanted a drink of water, or told myself 1 did anyway. She was sound asleep, or seemed to be; never moved as 1 got up. 1 shucked on a robe, went to the tap, and ran a little water into a glass. But then 1 didn’t drink it after all. 1 carried it over to the window with me and stood there holding it in my hand, looking down into the street. The street was empty, and gun-metal-gloom in color. No one on it, nobody, nothing that moved. Not an eddy of dust, not a cat on the prowl. 1 don’t know why, but that made it less quieting than if there had been. The switch in the traffic-light control box up on the corner gave a click in the stillness that was as loud as the fall of a loose handcuff. Still holding the water, 1 turned around and came back to the bed. Without moving, without changing position at all, she asked through closed eyes and all: „Anyone there?“ „No,“ 1 answered tersely, and got back to bed. There was this tiny fist-sized cloud on the horizon now, no more than that. But a tiny fist-sized cloud can mean a storm is coming, looming and monstrous. Das Bild hier ist von Edward Hopper. There is a lot of Edward Hopper in Woolrich’s word paintings of the Thirties and Forties hat Ed Gormangesagt.

Ich möchte Tom Milne, dem wahrscheinlich bedeutendsten englischen Filmkritiker des letzten Jahrhunderts, das letzte Wort lassen. Er beginnt seinen Essay mit der Aufzählung von ✺Romantiteln von Woolrich: Story to be whispered. Night has a thousand eyes. Walls that hear you. Dark melody of madness. Everyone has to die alone. If I should die before I wake. You’ll never see me again. The living lie down with the dead. Das klingt beinahe wie ein Gedicht aus der dunklen Welt des Autors, die viel mit der Gothic Novel gemein hat. Und Milne fährt fort: The very titles of Cornell Woolrich’s novels and stories say all that needs to be said about the dark terrors, the unrelenting nightmares and the sinister presences that haunt his work (apart from the early novels) from beginning to end. More than any other writer since Edgar Allan Poe, Woolrich used archetypal fears and phobias, seemingly spun out of some recurring personal trauma, to orchestrate a world entirely his own in which the characters stalked by death and self-destruction through dark alleyways and endless nights of their own making – predators and victims alike – are always hopefully protected by a sort of despairing tenderness on the part of their creator. Since Woolrich was a pulp writer, you won’t find his name in any of the literary histories, biographies or who’s whos. But for my money, he wrote better than Chandler, Hammett and Cain, all of whom could (and sometimes did) provide lessons for ‘serious‘ novelists.

Cornell Woolrich ist schon einige Male in diesem Blog erwähnt worden, zum Beispiel in den Posts Waltz into DarknessElmore Leonardwhere life and movies overlapJeanne Moreau und Jacques Tourneur.

Happy Birthday, Prunella Scales

Hier steht die englische Königin neben dem Direktor der königlichen Gemäldesammlung Sir Anthony Blunt. Sie diskutieren über die Echtheit eines Gemäldes. Blunt sagt gerade: Because something is not what it is said to be, Ma’am, does not mean it is a fake. It may just have been wrongly attributed. Sie wissen natürlich, dass das hier nicht die englische Königin ist, das ist die Schauspielerin Prunella Scales, die Queen Elizabeth in dem Theaterstück A Question of Attribution von Alan Bennett spielt. James Fox, den Sie schon in dem Post The Go-Between an der Seite von Dirk Bogarde sehen können, spielt den Kunsthistoriker Sir Anthony Blunt. Zu dem Theaterstück gab es hier schon vor Jahren den Post (Sir) Anthony Blunt, in dem man auch den wunderbaren Film ✺A Question of Attribution anklicken konnte. Es geht in dem Film nicht nur um die Echtheit eines Tizian Gemäldes, es geht auch um Sir Anthony. Denn es ist langsam ans Licht gekommen, dass der Direktor der königlichen Gemäldesammlungen und des Courtauld Institutes in Wirklichkeit seit den dreißiger Jahren ein sowjetischer Spion ist. Der Verrat an England ist ein Theme, das bei Alan Bennett gut aufgeehoben ist, er behandelt es in An Englishman Abroad und anderen Theaterstücken.

Prunella Scales wird heute (22.6.2022) neunzig Jahre alt. Dazu möchte ich ganz herzlich gratulieren. Sie hat viele Rollen in ihrem Leben gespielt, aber ewig in Erinnerung bleibt sie als die englische Königin in A Question of Attribution und als Sybil Fawlty. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an die schreiend komische Sitcom Fawlty Towers erinnern. Da ist sie die Ehefrau von Basil Fawlty, den wir besser als John Cleese kennen: I feel very grateful for Sybil. ‚Fawlty Towers‘ was very hard to make, but it was very stimulating. Es hat zwölf Folgen gegeben, sie sind zu Klassikern des englischen Humors geworden: It’s strange how ‚Fawlty‘ has become a perennial. I keep meeting new generations of schoolboys who know the lines better than I did when I said them. The program has sensational sales in video. I’m mercifully on a small percentage, hat sie einmal gesagt. Und sie hat auch gesagt, dass die Drehbücher von John Cleese schon Klassiker seien: I shouldn’t be surprised if John Cleese’s scripts don’t become set texts for examinations-they’re classics. And I can’t tell you how service in English hotels has improved since ‚Fawlty Towers.‘ Was den Service in englischen Hotels betrifft, so hat es einen Chaoten wie Basil Fawlty wirklich gegeben. Cleese war mit der Monty Python Truppe in seinem Hotel untergebracht. Er sei der unflätigste Mensch, der mir je über den Weg gelaufen ist, hat John Cleese gesagt. Und ihn in die Serie geschrieben.

Diva

Heute vor hundertdreißig Jahren (20. Januar 2022) ist in Mailand die Oper La Wally von Alfredo Catalani aufgeführt worden. Die Oper basiert auf dem zwanzig Jahre zuvor erschienenen Roman Die Geier-Wally: Eine Geschichte aus den Tyroler Alpen (Volltext) von Wilhelmine von Hillern, einem literarischen Dauerbrenner, der schon in ein halbes Dutzend Sprachen übersetzt worden war. Ich gebe mal eben eine kleine Leseprobe: Oben in Adlershöhe … am schwindelnden Abhang stand eine Mädchengestalt, von der Tiefe heraufgesehen nicht größer als eine Alpenrose, aber doch scharf sich abzeichnend vom lichtblauen Himmel und den leuchtenden Eisspitzen der Ferner. Fest und ruhig stand sie da, wie auch der Höhenwind an ihr riss und zerrte, und schaute nieder schwindellos in die Tiefe … Schrankenlos war ihr Mut und ihre Kraft, als hätte sie Adlersfittige, schroff und unzugänglich ihr Sinn, wie die scharfkantigen Felsspitzen, an denen die Geier nisten und die Wolken des Himmels zerreißen… 

Die Autorin schrieb den Roman 1880 zu einem Theaterstück um, das an zahlreichen deutschen Bühnen aufgeführt wurde. Theodor Fontane sah das Stück 1881 in Berlin und war ergriffen: Ich wurde drei Stunden nicht nur gefesselt, sondern abwechselnd erschüttert und erhoben. Die Macht der Poesie war stärker als das immer wieder sich regende kritische Bedenken. Er lobte in seiner Besprechung, dass hier richtige Menschen das Richtige sagen und das Richtige tun, und dies Richtige tun zu richtiger Zeit und am richtigen Ort. Er war aber auch als Theaterkritiker versiert genug, um zu betonen, dass das Stück seiner glänzenden Eigenschaften unerachtet, mehr in die Reihe der Kometen als in die der Dauer-Sterne gestellt werden sollte.

Die Geier-Wally hat hier schon seit Jahren einen Post (natürlich auch an einem 20. Januar), aber ich komme heute noch einmal auf das Thema, weil der französische Regisseur Jean-Jacques Beineix vor einer Woche im Alter von fünfundsiebzig Jahren gestorben ist. Und weil in seinem berühmtesten Film Diva eine Arie aus Catalanis Wally die Hauptrolle spielt: ‚Diva‘ must be the only pop movie inspired by a love of opera, schrieb David Denby vom New Yorker damals. Die Arie, die die Handlung des Films strukturiert, ist von jeder Operndiva gesungen worden ist, von der ✺Callas bis zu ✺Anna Netrebko. Es gibt auch eine Version von ✺Donij van Doorn und André Rieu, ist aber weit weg von der Callas:

Ebben? Ne andrò lontana,
Come va l’eco della pia campana,
Là, fra la neve bianca;
Là, fra le nubi d’ôr;
Laddóve la speranza, la speranza
È rimpianto, è rimpianto, è dolor

In dem Film von Beineix wird die ✺Arie von der schwarzen Schönheit Wilhelmenia Wiggins Fernandez in einem silberweißen Seidenkleid gesungen. Die Sängerin aus Philadelphia hatte gerade einen Zweijahresvertrag an der Pariser Oper bekommen, als Beineix sie in La Bohème entdeckte, wo sie die Musetta sang: He came backstage and asked for my autograph, then just stood there and gaped. I asked, ‚Is there anything else?‘ ‚Yes,‘ he said, ‚I have a proposition for a film.‘ I was amazed. Als er mit dem Drehbuch wiederkam, lehnte sie die Rolle ab: I was reading murder, prostitution and drugs, and I wanted nothing to do with it. Aber Beineix ließ nicht locker: Jean-Jacques forced me to read it with him. Then I realised it was actually light, like a Disney treatment of a Hitchcock film. Sie kommt für zwölf Drehtage, geht dann wieder in die USA zurück und glaubt, sie würde nie wieder etwas von dem Film hören.

Niemand in den USA würde diesen Film sehen, der mit einem relativ kleinen Budget und größtenteils unbekannten Schauspielern gedreht worden war, dachte sie. Solche Filme kommen nicht in die USA. Da hat sie sich getäuscht, die Kritiken des New Yorker und der New York Times überschlugen sich geradezu. Der Film und Catalanis Arie machen Wilhelmenia Fernandez weltberühmt. Das silberweiße Seidenkleid spielt in dem Film noch eine Rolle. Die Arie auch. Die Sängerin, die im Film Cynthia Hawkins heißt, erlaubt keine Tonaufnahmen von ihrem Gesang, aber alle Welt will ihre Stimme hören. Sie selbst hat ihre Stimme noch nie auf einem Tonträger gehört. Sie wird sie in diesem Film zum erstenmal hören, wenn ein junger Pariser Postbote namens Jules sie ihr vorspielt. Jules: It’s the only recording. Cynthia Hawkins: It was you? Jules: It’s yours. It’s my gift to you. Forgive me. Cynthia Hawkins: But… I’ve never heard myself sing! Jules: Listen...

Der junge Postbote Jules (Frédéric Andréi) verehrt die Sängerin. Er ist einmal mit seinem Moped von Paris nach München gefahren, um sie singen zu hören. Da sang sie Wagner und die Wesendonck Lieder. Jules besitzt ein professionelles Aufnahmegerät der Firma Nagra und schneidet heimlich während eines Konzerts in der Opéra Garnier die Arie mit. Er nimmt nicht nur ihre Stimme mit, wenn er die Oper verlässt, er wird auch das silberweiße Seidenkleid stehlen. Von nun an wird er verfolgt, nicht von der GEMA, sondern von richtigen taiwanesischen Gangstern. Und wie es der Zufall so will, hat er plötzlich noch ein zweites Tonband in der Satteltasche seines Mobylette, das eine orientierungslose Frau mit bloßen Füßen in die Tasche hat gleiten lassen. Kurz bevor sie umgebracht wird.

Auf dem Band hört der Postbote nicht die Stimme von Cynthia Hawkins, er erfährt, dass der Pariser Polizeichef Jean Saporta hochkriminell ist, eine Größe im Rauschgift- und Mädchenhandel ist. Jetzt wird Jules nicht nur von den Taiwanesen, sondern auch noch von den Killern Saportas verfolgt. Wir sind in einem Thriller. Und allem, was einen Thriller ausmacht. Mit rasanten ✺Mopedfahrten durch die Métro mit seinem gelben Mobylette (das eine kleine Rolls Royce Kühlerfigur am Lenker hat). Und wenn es keine Chance mehr für unseren Postboten zu geben scheint, dann kommt als eine Art deus ex machina dieser geheimnisvolle Herr namens Serge Gorodish (gespielt von Richard Bohringer, der schon mit Catherine Deneuvein Die letzte Métro zu sehen war), der eine Wohnung in einem Leuchtturm und einen weißen Citroen Traction Avant besitzt. Etwas, das man früher das Gangsterauto nannte, wir kennen den Wagen aus unzähligen französischen Kriminalfilmen. Alles, was in diesem Film ist, kennen wir aus Kriminalfilmen, nur die Arie Ebben? Ne andrò lontana ist neu.

Beineix hatte ein blue movie machen wollen, und blau und dunkel ist vieles in diesem Film, es ist ein Farbspektakel, das seine eigene Ästhetik hat. Dafür hat sein Kameramann Philippe Rousselot gesorgt. It’s a glittering toy of a movie, schrieb Pauline Kael in ihrer Rezension im New Yorker, sie sah in dem jungen Franzosen einen neuen Orson Welles. Ihr Kollege Roger Ebert äußerte sich ähnlich: ‚Diva‘ is one of the best thrillers of recent years but, more than that, it is a brilliant film, a visual extravaganza that announces the considerable gifts of its young director, Jean-Jacques Beineix. He has made a film that is about many things, but I think the real subject of ‚Diva‘ is the director’s joy in making it. The movie is filled with so many small character touches, so many perfectly observed intimacies, so many visual inventions from the sly to the grand that the thriller plot is just a bonus. In a way, it doesn’t really matter what this movie is about; Pauline Kael has compared Beineix to Orson Welles and, as Welles so often did, he has made a movie that is a feast to look at, regardless of its subject.

Auch die Diva des französischen Pornofilms Brigitte Lahaie hat unter dem Namen Brigitte Simonin eine kleine Rolle in diesem Film; Sie können ✺hier fünf Sekunden lang die Beine von Brigitte sehen, weil ihr Rock durch die Luft aus der Métro hochgewirbelt wird. Eine Szene, die wir mit ✺Marilyn Monroe kennen. Die Szene mit Brigitte Lahaie ist ein filmisches Zitat, so wie so vieles in dem Film nur Zitat ist: der Citroen Traction Avant, die Rolls Royce Emily, glatzköpfige Gangster mit schwarzen Sonnenbrillen und die rasanten Mobylette Fahrt durch die U-Bahn, die die Kritiker an ✺Bullitt erinnerte. Zitate sind ein Merkmal der Postmoderne, Kritiker wie Fredric Jameson haben gesagt, dass Diva der erste Film der Postmoderne ist.

Die Postmoderne ist schnell gealtert, niemand redet heute noch über sie. Die Zeilen aus Uli Beckers Gedicht Kunst sagen uns schon alles: Gott ja, die Postmoderne, sagt der Minirock / zum Existenzialistenrolli, anything goes / und alles kommt wieder, für 15 Minuten. Für Vincent Canby von der New York Times war es an empty though frightfully chic-looking film from France, eine anthology of affectations. Und ähnlich äußerte sich 1983 der SpiegelDer Film von 1981, der in Frankreich und den USA fast kultische Verehrung genießt, läuft jetzt in der Bundesrepublik an. Er ist ein fulminantes Nichts, photographiert im Stil teurer Werbung – immer schön hohl und chic. Die Franzosen fanden schnell einen Namen für dies neue Kino: Cinéma du look.

Es ist ein postmodernes Märchen, das Beineix uns präsentiert. Vielleicht ein fulminantes Nichts, aber technisch brillant. Dafür stand Philippe Rousselot, der als Assistent von Néstor Almendros Rohmers Ma Nuit Chez Maud photographierte. Er bekam 1982 den französischen Filmpreis César (Beineix auch für das beste Erstlingswerk) und erhielt nach zwei Oscar Nominierungen (Hope and Glory und Henry & June) 1992 den Oscar für A River Runs Through It

Theodor Fontane war bei dem Theaterstück über die Geier-Wally ein wenig skeptisch und sagte, dass das Stück seiner glänzenden Eigenschaften unerachtet, mehr in die Reihe der Kometen als in die der Dauer-Sterne gestellt werden sollte. Was ist mit Beineix‘ Diva? Komet oder Dauer-Stern? Diva ist ein Kultfilm geworden, es gab in den achtziger Jahren Kinos, in denen der Film jahrelang einmal am Tag gezeigt wurde, zum Beispiel im Broadway in Hamburg. Man kann den Film nach vierzig Jahren immer noch sehen, das Disney treatment of a Hitchcock film, wie Wilhelmenia Fernandez es formulierte, ist nach vierzig Jahren immer noch von einer erstaunlichen Modernität. Sie können den Film natürlich hier sehen, klicken Sie einfach auf ✺DIVA.