John Wayne

Heute vor 110 Jahren wurde Marion Robert Morrison in Winterset (Iowa) geboren. Wir kennen ihn besser unter seinem Künstlernamen John Wayne. Oder als The Duke. Er konnte reiten, sprach fließend Spanisch, trug ein Toupet und war Kunde bei ➱Brioni. Dem jungen Michael Caine gab er den Ratschlag: Talk low, talk slow and don’t say too f—— much. Er empfahl im auch, keine Wildlederschuhe zu tragen. Als Michael Caine ihn fragte Why, sagte John Wayne: Because one day a guy in the next stall recognised me and turned towards me and said ‚John Wayne you’re my favourite actor! And p—-d all over my suede shoes. So don’t wear them when you’re famous, kid. Die Geschichte steht schon in dem Post ➱Michael Caine. Und alle anderen John Wayne Geschichten stehen auch schon in diesem Blog, ich liste die wichtigsten Posts einmal unten auf. Natürlich sind ➱Stagecoach und mein Lieblingsfilm ➱She Wore a Yellow Ribbon dabei, aber er wird auch in Posts wie ➱Alain Resnais und ➱Two-Lane Blacktop erwähnt.

Wenn ich ein Buch zu John Wayne empfehlen sollte, dann wäre das Garry Wills‘ John Wayne’s America: The Politics of Celebrity wo er den Schauspieler so beschreibt: John Wayne is the most obvious recent embodiment of that American Adam—untrammeled, unspoiled, free to roam, breathing a larger air than the cramped men behind desks, the pygmy clerks and technicians. He is the avatar hero in that genre that best combines all these mythic ideas about American exceptionalism—contact with nature, distrust of government, dignity achieved by performance, skepticism toward the claims of experts. Gary Wills, der einen Pulitzer Prize für ➱Lincoln at Gettysburg bekommen hat, ist immer der Lektüre wert, ganz besonders in seinem John Wayne Buch.

Es gab einen John Wayne auf der Leinwand, der das tat, was John Ford ihm sagte. Aber es gab auch immer einen ganz anderen John Wayne, davon kann man einen Eindruck bekommen, wenn man ➱John Wayne: A Love Song von Joan Didion liest. Der andere John Wayne liebte Charles Dickens, schummelte beim Schachspiel und hatte viel Humor. Als er den Oscar für seine Rolle in ➱True Grit bekam, flüsterte er Barbra Streisand ins Ohr: Beginner’s luck. Der Anfänger war 63, dies war sein erster Oscar.

True Grit war ein ➱Spätwestern. Bei der Geburt dieser neuen Gattung war Wayne dabei gewesen, Rio Bravo und The Man Who Shot Liberty Valance gehören mit zu den ersten Western des Genres. Leslie Fiedler, der ansonsten für John Wayne nichts übrig hatte, hat über den Film gesagt: Aber der Film von John Wayne, dieser schöne komische Film, wo er mit dem jungen Mädchen spielt, ‚True Grit‘, das ist wirklich ein wunderbarer Film, denn erstens sehen wir hier nicht einen jungen Gunfighter oder jungen Cowboy, sondern einen alten Mann in dieser Periode seines Lebens, wo er nicht sicher ist, ob er mit einem Pferd über einen Zaun springen kann, und zweitens wird diese Rolle ausgerechnet von John Wayne gespielt, und der Film wird zu einer Parabel des Lebens von John Wayne, dieser elenden reaktionären Kanaille, die das Image des Westens auf die Leinwand projiziert hat und der nun zum ersten mal seine Rolle mit Humor spielt, als Selbstparodie, als Travestie seiner eigenen Figur. Das ist sehr zart, sehr schön, sehr komisch. Dieser Film hat mich tief gerührt.

John Wayne, diese elende reaktionäre Kanaille, war immer wieder in diesem Blog, Sie könnten (wenn Sie wollen) auch noch diese Posts lesen: The Duke, Technicolor, Stagecoach, Schnellboote, Joan Didion, Maureen O’Hara, Spätwestern, Natalie Wood, Vera Miles, The Big Trail, Victoria, My Darling Clementine Angie Dickinson, Somewhere West of Laramie, Alamo, Don Siegel, Laurence Harvey, James Stewart, Westernheld, William S. Hart, Clark Gable, Michael Caine, Clint Eastwood, Wilder Westen, Larry McMurtry, Two-Lane Blacktop, Stephen Decatur, Sam Elliott, Cormac McCarthy, Cowpens, Brioni, Jugendkultur, Alain Resnais, Donald Trump

Sir Roger Moore ✝

Die neunzig hat er knapp verfehlt. Er ist in Crans-Montana in der Schweiz gestorben, er hatte dort einen Wohnsitz, in Monaco auch. Keinen in England. I come back to England often enough not to miss it, hat er gesagt. Es hat etwas mit der Steuer zu tun. Darf ich Sie daran erinnern, dass der 31. Mai der Termin für die Einkommensteuererklärungen ist? Als die Königin ihn zum Ritter schlagen wollte, ist er natürlich nach England gekommen. Er hat den Titel übrigens nicht für seine schauspielerischen Leistungen bekommen, sondern wegen seiner Verdienste für die UNESCO. Moore empfand das nicht als Schmähung, er war auf seine Tätigkeit für die UNESCO sehr stolz. Und das konnte er sein.

Seine Tätigkeit als Geheimagent wurde in der Zeremonie auch nicht erwähnt, die Queen hatte längst eine neue 007 an ihrer Seite, einen Mann, der sich auch mit den ➱Corgies versteht. Bevor er James Bond war, war Roger Moore Simon Templar und einer der beiden Persuaders. In The Man with the Golden Gun findet sich die Dialogstelle: James Bond: I mean sir, who would pay a million dollars to have me killed? M: Jealous husbands! Outraged chefs! Humiliated tailors! The list is endless! Nein, er hat seine Schneider nicht beleidigt, er war beim selben ➱Schneider wie ➱Michael Caine.

Unglücklicherweise fiel seine Tätigkeit als Geheimagent in die siebziger Jahre, das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks und der scheußlichen Digitaluhren. Und in der Decade That Style Forgot kann auch der beste Schneider nichts machen, wenn der Zeitgeschmack etwas anderes will.

Ich mochte die James Bond Filme mit Sean Connery, die Filme mit Roger Moore waren nicht mein Ding. Obgleich viele der Bond Girls O.K. waren, wie zum Beispiel Britt Ekland. Der Post für Britt war mein erster ➱Post als Blogger, der mehr als 10.000 Leser hatte. Hier auf dem Photo hält Moore nicht nur Britt Ekland sondern auch die schöne Maude Adams im Arm. Blonde ➱Schwedinnen ziehen im Film ja immer. Die Schwedinnen in englischen Filmen haben bestimmt etwas mit der Wirtschaftsverbindung zwischen England und Schweden zu tun, denn damals kauften die Engländer wie verrückt Volvos oder Saabs.

Also diese Automarke, die ➱Kurt Vonnegut einmal verkaufte: I used to be the owner and manager of an automobile dealership in West Barnstable, Massachusetts, called ‚Saab Cape Cod.‘ It and I went out of business 33 years ago. The Saab then as now was a Swedish car, and I now believe my failure as a dealer so long ago explains what would otherwise remain a deep mystery: Why the Swedes have never given me a Nobel Prize for Literature. Old Norwegian proverb: “Swedes have short dicks but long memories“.

Roger Moore wurde auch durch ein schwedisches Auto berühmt, keinen Saab, sondern diesen Volvo P1800. Was der Aston Martin für Bond war, war der Volvo P1800 für Simon Templar, den man auch The Saint nannte. Allerdings sollte man auch sagen, dass The Saint auch einen englischen Wagen fuhr, einen Jensen Interceptor, ein Auto, das auch den Beinamen ➱Schneewittchensarg hatte. Die Damen auf der Kühlerhaube fallen etwas mickrig aus.

Nicht bei der englischen Firma TVR, die 1971 bei der Earls Court Motor Show nur nackte Mädel am Verkaufsstand, oder auf ihren Sportwagen sitzend, präsentierte (das war lange bevor sie halbbekleidet bei Ferrari herumlungerten und Boxenluder hießen). Mein Bruder hatte mal einen TVR, der kam allerdings ohne ➱nackte Beigaben. Ich bringe diese Beispiele, die sich am Rande des guten Geschmacks bewegen, um zu zeigen, dass sich England in den siebziger Jahren verändert.

Den Satz No sex please, we’re British hört man seit der ➱Christine Keeler Affäre nicht mehr so häufig, London ist gerade zu ➱Swinging London geworden. Roger Moore hat den ganzen Rummel um James Bond glücklicherweise mit viel Selbstironie genommen. Wie er die Rolle bekam, hat er folgendermaßen beschrieben: When I was a young actor at RADA, Noël Coward was in the audience one night. He said to me after the play, „Young man, with your devastating good looks and your disastrous lack of talent, you should take any job ever offered you. In the event that you’re offered two jobs simultaneously, take the one that offers the most money.“ Here I am. Später sagte er: I like Bond. But it’s silly to take it seriously. It’s just a great big comic strip.

Über sein Ende als James Bond hatte er zwei Sätze parat: Sadly, I had to retire from the Bond films. The girls were getting younger, or I was just getting too old und I left the role when I realized that my female co-stars had mothers who were younger than I was. Was danach kam, mochte er meistens nicht: I didn’t like the last Bond film, it was like a long, disjointed commercial. Wo er recht hat, hat er recht.

Noch mehr James Bond in dem langen Post ➱Spectre, wo sich auch Links zu allen James Bond Posts finden.

Cinecittà

Heute vor achtzig Jahren hat Benito Mussolini in Rom die Filmstadt Cinecittà eingeweiht, auf diesem Photo ist er bei der Grundsteinlegung zu sehen. Mussolini wusste, was das Kino bedeutete: Il cinema è l’arma più forte, hat er gesagt. Dies ist Italiens Antwort auf Hollywood. Auf den Tag genau acht Jahre nach der Einweihung von Cinecittà haben italienische Partisanen Benito Mussolini und seine Geliebte erschossen. Aus der Filmstadt wurde ein Gefangenenlager.

Das alles hat man aber schnell vergessen, als Cinecittà in den fünfziger Jahren aufblühte und zum Hollywood on the Tiber wurde. Weil die Amerikaner Rom als Drehort entdeckt hatten. Wenn Sie alles dazu wissen wollen, dann müssten Sie jetzt den Post ➱Cinecittà und die Mode lesen. Mussolinis Cinecittà hatte auch etwas mit dem ➱Architekturprogramm des Duce zu tun. Manches von den Bauwerken des Razionalismo steht ja immer noch.

Manches kann man in den Filmen von Fellini und ➱Antonioni sehen, eine irritierende und verstörende Kulisse. Antonioni benutzt die Bauwerke der Esposizione 1942 als Background für seine Liebesgeschichte in ➱L’Eclisse. Manchmal gehen neoklassizistische Architektur und schwedische Sexbomben auch eine nicht zu übertreffende Symbiose ein. ➱Anita Ekberg im ➱Trevi Brunnen badend ist ja schön und gut, ist aber gar nichts gegen dieses Bild. Kalte Architektur und kalte Blondinen. Wow.

Ein Gedicht zum Kino zu finden, ist nicht schwer. In vielen Filmen gibt es Gedichte, ich erinnere da nur an ➱In Her Shoes oder an das Gedicht, das Michael Caine Barbara Hershey in ➱Hannah and Herr Sisters zu lesen empfiehlt (lesen Sie ➱hier mehr). Oder Whitmans ➱O Captain! My Captain! in dem Film Dead Poet’s Society, ganze Generationen haben da freiwillig Whitman gelesen. Ich hätte da noch William Blakes ➱America, A Prophecy in dem Film ➱Blade Runner:

Fiery the Angels rose, & as they rose deep thunder roll’d
Around their shores: indignant burning with the fires of Orc
And Bostons Angel cried aloud as they flew thro’ the dark night.

He cried: Why trembles honesty and like a murderer,
Why seeks he refuge from the frowns of his immortal station!
Must the generous tremble & leave his joy, to the idle: to the pestilence!
That mock him? who commanded this? what God? what Angel!

 

Nicht zu vergessen Blakes Tyger Tyger, burning bright in der Krimiserie The Mentalist, aber das sind wir schon an einer Grenze. Bei manchem Zelluloidtrash hat man das Gefühl, dass Gedichte nur hineingeworfen werden, um dem Ganzen einen intellektuellen Anstrich zu geben. Man soll jedoch das Kino als Lehrmeister für Lyrik nicht unterschätzen. Wenn Cameron Diaz in In Her Shoes ein Gedicht von ee.cummings aufsagt, dann erreicht sie wahrscheinlich mehr als der durchschnittschliche Lehrer einer amerikanischen High School. Vielleicht haben auch Gwyneth Paltrow und Daniel Craig als Sylvia Plath and Ted Hughes in dem Film Sylvia etwas zur Lektüre der beiden Dichter beigetragen.

Einen Film, in dem auf ihn aufmerksam gemacht wird, könnte ➱Theodor Kramer auch gebrauchen. Der österreichische Dichter ist so gut wie vergessen. Thomas Mann hatte ihn einst als einen der größten Dichter der jüngeren Generation bezeichnet, aber kennt man ihn noch? Er soll 12.000 ➱Gedichte geschrieben haben, zehntausend davon sind nicht veröffentlicht. Aber immerhin gibt es seit 2005 beim Wiener Paul Zsolnay Verlag (bei dem der Leutnant der Reserve Theodor Kramer schon 1931 seine Antikriegsgedichte veröffentlicht hatte) eine dreibändige Werkausgabe. Mit der Emigration nach England ging Kramer für die deutschsprachige Literatur verloren:

Es mögen andre eine Heimat suchen,
ich bin von meiner für die Zeit verbannt;

ich bin nicht da zu preisen noch zu fluchen,
im Lärm der Stille bin ich zugewandt.

Die Sprache lern ich nicht, um zu gestalten;
es ist für mich genug, sie zu verstehn,
des fremden Landes Sitten einzuhalten.
Es drängt mich nicht, in ihnen aufzugehn.

Mein Auftrag, mir von Anbeginn gegeben,
im Mutterlaut, ist mir zur Zeit verhüllt;
ich kann ihn nicht enträtseln, nur erleben,
ihn, der sich einzig im Gedicht erfüllt.

Wenn wir einst kommen – und wir kommen wieder −
bin ich zu lernen, nicht zu lehren da,
fürs erste, mögen meine kleinen Lieder
auch heut schon singen, was mir einst geschah.

Es mögen andre suchen eine Bleibe,
und nützlich werden, der und jener reich;
doch wo ich steh und was ich immer treibe,
dort steht und lebt ein Stückchen Österreich.

Er ist in England nicht glücklich geworden, zuerst wie so viele andere Emigranten als feindlicher Ausländer interniert, hat er 1943 die Stelle eines Bibliothekars im County Technical College in Guildford erhalten. Seinen Zustand im fremden Land beschreibt vielleicht am besten dies Gedicht:

Oh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht

Im Speiseraum muffelt’s, die Zunge verdorrt

beim Kaffee mir und hart ist der Platz;

der eine bezahlt und der andre geht fort

und ein jeder hier hat einen Schatz.

Oh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht,

denn das Hocken allein hat mich traurig gemacht

und grün blinken im black-out die Lichter.


Die andern sind Flüchtlinge, ich aber bin

fremd in London dazu… es erstirbt

das Geräusch in den Gassen; es zuckt mir das Kinn,

da ganz nah es im Finstern aufzirpt.

Oh, wer geht mit mir in den Hyde Park zur Nacht,

denn es hat sich im Ziergrün ein Wind aufgemacht

und grün blinken im black-out die Lichter.


Bis aufs Bröckeln des Mörtels vom Sims ist es still

vor den Häusern; ich kann es verstehn,

daß kein Mädel mit mir was zu tun haben will,

doch allein muß noch heut ich vergehn.

Oh, wer geht mit mir in die Bar noch vor Nacht,

denn betrunken schon hat selbst das ale mich gemacht

und grün blinken im black-out die Lichter.


Ich hab kein Arbeit, kein Heim, es zerreibt

das Gedärm mir im Leib… was ich kann,

ist: Gedichte zu schreiben wie keiner sie schreibt;

in ganz London kein Hund prunzt mich an.

Oh, wer schlägt mir rasch ins Gesicht noch zur Nacht,

denn das Herz ist mir nur zum Zerspringen gemacht,

und grün blinken im black-out die Lichter.

Es gibt ➱hier eine Interpretation des Gedichts aus dem Jahre 1942 von Peter von Matt. Oh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht, das Kino als Flucht vor der Einsamkeit. Was ist ihm geblieben? Was ich kann, ist: Gedichte zu schreiben wie keiner sie schreibt. Man sollte sie lesen.

Doktorspiele

 

Ich weiß nicht, ob sie diese junge Dame erkennen. Den Herrn zu ihren Füßen erkennen wir sofort, das ist Dirk Bogarde, der heute Geburtstag hat. Er spielt einen jungen Arzt namens Simon Sparrow in einem englischen Doktorfilm, der in der deutschen Version Aber, Herr Doktor… heißt. Die junge Dame spielt eine kleine ➱Schlampe mit großer Oberweite, sie wird noch weltberühmt werden. Sie ist in diesem Jahr übrigens achtzig geworden. ➱Doctor in the House war der erfolgreichste britische Film des Jahres 1954. Das Rank Studio wird noch sechs Fortsetzungen drehen. In der deutschen Version heißt der Doktor nicht Simon Sparrow, sondern Simon Sperling, das ist wirklich ein wenig albern.

Hier ist die junge Dame noch einmal, sie wird gerade mit goldener Farbe angemalt. Das hat jetzt nichts mit Kunst zu tun, Yves Klein (der ➱hier einen längeren Post hat) malte nackte Frauen mit blauer Farbe an, das ist dann Kunst. Dies hier sind die Dreharbeiten zu dem James Bond Film ➱Goldfinger, das ist nicht unbedingt Kunst.

Lass uns nach Bremen fahren, sagte mein Freund ➱Uwe vor vielen Jahren. In der PH soll ein Typ auftreten, der schlachtet ein Schwein über nackten Studentinnen. Das soll Kunst sein. Als wir mit ➱Bus und Straßenbahn in Walle ankamen, war da schon die Polizei, die Sache mit dem Schwein und der nackten Studentin fand nicht statt. Wir merken uns mal: Wenn man eine Frau goldfarben anmalt und sie dann auf einem Bett drapiert, dann ist das Kommerz. Und die Frau (➱Shirley Eaton) wird weltberühmt. Wenn man Frauen mit blauer Farbe anmalt (hier der Künstler Yves Klein bei der Arbeit) und sie sich dann auf Papier wälzen lässt, dann ist das Kunst. Wenn man Schweineblut über nackte Frauen träufelt, dann bringt einen das ins Gefängnis.

Shirley Eaton war ein Bond Girl. Und denen wird in den Filmen ja alles Mögliche angetan. Ich zitiere da mal eben das schöne Gedicht Bond Girls von ➱Fiona Pitt-Kethley. Das findet sich auch in dem Post ➱Britt (was natürlich ein Post zu ➱Britt Ekland ist):

Back in my extra days, someone once swore

she’d seen me in the latest James Bond film.


I tried to tell her that they only hired

the real glamorous leggy types for that.

(My usual casting was ‚a passer-by‘.)


I’ve passed the lot in Pinewood Studios.

It’s factory-like, grey aluminium, vast

and always closed. Presumably that’s where

they smash up all the speedboats, cars and bikes

we jealous viewers never could afford.


I quite enjoyed the books. Ian Fleming wrote well.

I could identify a touch with Bond,

liking to have adventure in my life.

The girls were something else. All that they earned

for being perfect samples of their kind –

Black, Asian, White – blonde, redhead or brunette,

groomed, beauty-parlourised, pleasing in bed,

mixing Martinis that were shaken not stirred

using pearl varnish on their nails not red –

was death. A night (or 2) with 007,

then they were gilded till they could not breathe,

chucked to the sharks, shot, tortured, carried off

or found, floating face downward in a pool.

Aber zurück zu unseren Doktorfilmen. Sie waren harmlose Verfilmungen der Romane des englischen Arztes Richard Gordeon, meisten ab sechzehn Jahren geeignet: In seiner biederen Anspruchslosigkeit und seinen einzelnen guten Szenen ein typischer Nachfahre von ‚Aber, Herr Doktor!‘ Ab 16 Jahren wohl möglich, wenn auch nicht nötig, schrieb der Evangelische Filmbeobachter zu dem Film Doktor Ahoi! Hier können wir Dirk Bogarde mit der sehr züchtigen ➱Brigitte Bardot sehen. Ab sechzehn.

Shirley Eaton tauchte auch in anderen Filmen dieser Reihe wieder auf, so wie hier in Hilfe, der Doktor kommt! (Doctor at Large). Wirklich glücklich war Dirk Bogarde mit den Doktorfilmen nicht unbedingt, aber sie machten ihn berühmt und brachten sehr viel Geld ein. Das reichte dann für einen Rolls Royce und ein kleines Schloss. Die Filmmusik zu vier der Doctor Filme wurde übrigens von Robert Bruce Montgomery geschrieben. Den kennen wir besser als den Krimiautor ➱Edmund Crispin.

Künstlerisch wichtiger war für Bogarde seine Rolle als Kleinkrimineller in ➱The Blue Lamp gewesen, ein Film, der schon in dem Post ➱Englische Krimiserien erwähnt wird. Wir können diesem Filmbild auch entnehmen, dass die kleinformatigen rechteckigen ➱Armbanduhren ihren Weg von Amerika nach England gefunden haben. Das Bild findet sich auch (ebenso wie ein Photo von seinem Landsitz) in dem Post ➱Dirk Bogarde, den es seit dem 28. März 2012 hier für Sir Derek van den Bogaerde gibt.

Der Erfolg der Doctor Filme (hier die Herren ➱James Robertson Justice, Kenneth Moore und Dirk Bogarde) hatte natürlich etwas damit zu tun, dass das Fernsehen noch nicht so recht verbreitet war. Und es nicht diese tausend Arztserien gab, mit denen wir heute überschwemmt werden (außer Scrubs gucke ich die nie). Die Produzentin und der Regisseur von Doctor in the House hatten große Schwierigkeiten, die Bosse von Rank zu überreden, dass sie diesen Film machen durften. Das Studio glaubte fest daran, dass sich niemand in England einen Arztfilm ansehen würde.

Auch in Deutschland gab es in den fünfziger Jahren Arztfilme, in denen Schauspieler wie ➱Dieter Borsche immer einen vorbildlich gestärkten Eppendorf Kittel trugen. Das deutsche Genre beginnt mit Sauerbruch – das war mein Leben, ist aber meistens humorlos. Vor allem, wenn Maria Schell eine Krankenschwester oder eine Kranke spielt. Die einzige Ausnahme war der unnachahmliche ➱Curt Götz mit dem Film Frauenarzt Dr. Prätorius (gucken Sie sich auf keinen Fall die Heinz Rühmann Version an). Ich glaube, die deutschen Arztfilme waren auch alle ab sechzehn, aber sie hatten nie diese netten Beigaben wie Shirley Eaton und Brigitte Bardot.

Die Bardot ist damals noch nicht das Sexsymbol, aber sie arbeitet schon daran. Michael Thornton hat uns in der ➱Daily Mail eine Beschreibung der Dreharbeiten für die Duschszene von ➱Doctor at Sea geliefert: The first time I glimpsed Brigitte Bardot in the flesh – and those words are apt, as it turned out – I was still at school. I had been invited by an actor friend to visit Pinewood Studios, where Dirk Bogarde was filming the comedy ‚Doctor At Sea‘. For several minutes I was allowed to stand at the back of the set watching rehearsals for a shower scene.

A young girl of devastating physical attraction, with provocatively pouting lips and large, inviting and smouldering brown eyes, emerged into view, clutching a bath towel which failed to conceal the fact she was naked underneath. You could have heard a pin drop on that set. The attention of every man there was riveted on that sinuous figure, who raised and lowered the towel mischievously while a stills photographer attempted to get shots that could be decently published.

As she romped with gazelle-like grace across the set, revealing more and more of her amazing body, it became apparent that she had strips of flesh-coloured sticking plaster concealing her nipples and her pubic hair. In a gesture that would have seemed brazen but for her uninhibited merriment, she dropped the towel, ripped off the sticking plasters, and stood before us all as nature had made her, throwing her head back with explosive laughter, a free spirit, utterly defying convention. As the film studio erupted with male wolf-whistles, a publicity man frogmarched me off the set at the speed of light, insisting: ‘That was simply… um… improvisation. It will not be appearing in the film.’ Hier probiert Brigitte im gleichen Jahr an der Riviera aus, wieviel Nackheit Europa verträgt.

Brigitte Bardot bekam 750 Pfund für die Rolle der Nachtclubsängerin Hélène Colbert, die eigentlich ➱Kay Kendall hätte bekommen sollen, Dirk Bogarde bekam zehntausend. Zehntausend Pfund waren damals sehr viel Geld. Kay Kendall hatte man schon mit Kenneth Moore und Dirk Bogarde in dem Film Doctor in the House in zwei kleinen Auftritten gesehen.(und wir werfen mal eben einen Blick auf die Kleidung der Herren, die sie dekorativ umrahmen).

Kay Kendall wirkte immer damenhaft, obgleich sie auch eine hervorragende Komödiantin war. Für Frauen mit Stil wie Kay Kendall ist das Wort lingerie erfunden worden. Ladies tragen keine Unterwäsche, die tragen lingerie. Aber eine Duschszene mit Kay Kendall? Forget it. Mehr als dies Photo aus dem Jahre 1957 gab es nicht. Sieht ein wenig nach den Pin-ups des Zweiten Weltkriegs aus. Braucht man mehr? Steht Rita Hayworth etwa unter der Dusche? Sie ist in ➱Gilda nie nackt, aber sie ist erotischer als all die Frauen, die sich unbedingt ausziehen müssen. Wenn Ingrid Steeger das macht, dann ist das ein running gag in Klimbim, mehr nicht. Die Filmkunst fängt woanders an.

Dirk Bogarde fand die 21-jährige Pariserin sehr sympathisch, schrieb aber später, dass sie als Schauspielerin keine Chancen auf dem englischen Markt haben würde: Even without her French accent, Brigitte would be too much for British studios to handle. You see, Brigitte takes the trouble to put across sex as an art. For most of our girls it’s a farce. Das ist eine andere Form des Satzes: No sex please, we are British.

Es wird etwas länger dauern, bis die Engländer auf den Sex kommen, von den Bond Girls in den den ➱James Bond Filmen einmal abgesehen. Doch wenn sie dahinterkommen, dann ist es gleich ein Skandal, der die Regierung zittern lässt. Und das hat mit dieser jungen Dame zu tun, die hier schamhaft verhüllt neben einem Arne Jacobsen Stuhl sitzt. Und die natürlich ➱hier schon einen Post hat, in dem sich auch das berühmtere Photo der nackten Christine Keeler auf dem Arne Jacobsen Stuhl findet.

Aus der unschuldigen Erotik der jungen Bardot wird schnell etwas anderes, wie wir hier sehen können, nämlich die Vermarktung von Sex und Erotik. Und die kommt nicht aus England, sondern aus Frankreich. Das Pornogenre nimmt sich der Ärzte und Krankenschwestern an. Da versichert uns Wikipedia: ‚Der Frauenarzt vom Place Pigalle‘ ist ein Klassiker der Pornofilmgeschichte aus dem Jahr 1981. Na, denn. Der Produzent war die deutsche Ribu Filmproduktion, es war der erste Film, der nach der Freigabe der Pornografie aus Deutschland auf den internationalen Erotikmarkt kam. Das ist sicher auch eine Leistung. Ich weiß nicht, ob man so etwas wirklich brauchte. Die Darsteller kamen übrigens alle aus Frankreich. Bis auf Uschi Karnat aus Castrop-Rauxel (die ➱hier schon zu sehen ist), aber die lebte damals schon in Paris.

Die englischen Doktorfilme mit Dirk Bogarde braucht man (im Gegensatz zu Ribu und Beate Uhse Produktionen) natürlich unbedingt, ich habe die sieben CDs alle in einer Kassette. Kostet bei Amazon knapp 20 €. Die Filme sind auch eine Fundgrube für die Mode der fünfziger Jahre. Der Frauenarzt vom Place Pigalle kostet bei ebay 9,9,€. Ist aber keine Fundgrube für die Mode, weil die Darsteller selten bekleidet sind. Wenn sie das Krankenhaus einmal ganz anders erleben wollen, dann kaufen Sie sich den Klassiker ➱The Singing Detective. Kostet als UK Import bei Amazon 9,98€. Hat nichts mit Porno zu tun, ist aber großes Kino. Und ein Schnuckelchen in Weiß gibt es mit ➱Joanne Whalley in der Serie The Singing Detective auch. Sie spielt übrigens auch das Sexsymbol Christine Keeler in dem Film Scandal.

Noch mehr zum Thema der Inszenierung von Frauen im Film in den Posts: Veronica LakeNymphosDorothy MaloneGildaOperation MincemeatExotikJacques Tourneur. Und noch mehr Dirk Bogarde in diesem Blog: Dirk BogardeRobert MorleyMonica VittiCharlotte RamplingEt Dieu … créa le femmeMilitärisches SchuhwerkFassbinderDinu LipattiBergen-BelsenThe LookLord John RussellCathy GaleMichael CaineInspector LewisEnglische Herrenschuhe (London)

Wellen

 

Dies schöne Bild von dem Flensburger Maler Ludwig Dettmann brauche ich jetzt für den Anfang. Ich hatte es schon einmal abgebildet, in dem Post, der den seltsamen Namen ➱ythlaf trägt. Ostsee, Strand und Frauen, das passt wunderbar zu dem Roman von Eduard von Keyserling, der Wellen heißt. Habe ich gerade gelesen. Ich lese ja noch manchmal. Weniger als früher, weil ich viel Zeit für das ➱Schreiben brauche. Und während des Schreibens lese ich, für das Schreiben. Als ich über ➱Effi Briest schrieb, habe ich Hochhuths Effis Nacht noch einmal gelesen. Als ich über Monets ➱Camille schrieb, habe ich die Autobiographie von Gustav Pauli noch einmal gelesen. Für ➱Peepshow las ich Nicholas Freelings Double Barrel, für den Post über ➱Friedrich Ahlers-Hestermann habe ich seine Autobiographie gelesen. Und so weiter. Das heißt, ich lese noch, aber anders. Nicht mehr so wie früher, als die ganze ➱Literatur der Welt noch vor einem lag.

Den Roman Wellen des Grafen Keyserling fand ich für einen Euro im Antiquariat, es war die Nummer 30 der Hundert Bücher der Süddeutschen Zeitung. Ich las die ersten drei Seiten und nahm das Buch mit. Die ersten Seiten sind gut. Ein wenig wie Fontane, mit dem man Keyserling immer wieder verglichen hat. Wie es die ➱Zeit vor fünf Jahren tat, die ihn sogar besser als Fontane fand. Ist er nicht ganz, keine Sorge. Zuviel Adjektive, zuviel Kitsch. Man kann Trivialromane gegen den Strich lesen, man kann sie aber auch gegen den Strich schreiben, das tat Fontane, hat Karlheinz Gärtner in seiner Dissertation über Fontane geschrieben.

Keyserling schreibt keine Trivialromane, auch wenn er manchmal mit seinen Klischees nah dran ist. Aber er ist mit seinem impressionistischen Stil und der leichten Dekadenz auch manchmal nah an der Weltliteratur. Da, wohin ➱Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem nicht kommen wird. Die Nähe von Keyserling zu Fontane hatte schon Thomas Mann (der seinen Fontane ganz genau gelesen hatte) erkannt: Man wird den Namen Fontane’s immer nennen, wenn von Keyserling die Rede ist. Die Aszendenz ist deutlich. Es gibt Stellen bei Keyserling, Dialogstellen zumal, die wörtlich so bei Fontane stehen könnten … Es ist dieselbe Distanzierung und Durchheiterung einer feudalen Wirklichkeit bei Fontane und Keyserling — der märkischen dort, der baltischen hier. Eine sehr ähnliche geistige Stimmung bei beiden, Skepsis und Resignation. 

Wenn man will, kann man vielleicht auch Beziehungen zwischen Keyserling und Eichendorff herstellen, wie Boris Hoge in einem ➱Aufsatz gezeigt hat. Das ist interessant, aber wohl etwas weit hergeholt. Näher liegen würden Autoren wie ➱Jens Peter Jacobsen, Herman Bang und Iwan Turgenjew. Das wusste Thomas Mann auch schon, der den Nachruf auf Keyserling  (den er einen Fontane in Moll nannte) schrieb: Ich finde die Namen Fontanes und Iwan Turgenjews in jedem Nekrolog; ich vermisse einen dritten, uns näheren, den teuren, traurigen Namen Herman Bangs. Es ist sicher, daß sie sich einander sehr nahe gefühlt haben, der dänische Patrizier und der ostpreußische Junker. Da ich schon wieder einmal aus der Rolle des Bloggers gefallen bin, und sich der Literaturwissenschaftler in mir gemeldet hat, möchte ich anmerken, dass man den Bremer Schriftsteller ➱Friedo Lampe immer wieder (und wohl nicht zu Unrecht) mit Herman Bang und Eduard von Keyserling verglichen hat.

Der Roman Wellen und der Graf von Keyserling (hier von Lovis Corinth gemalt) haben vor einigen Jahren ihre Renaissance gehabt, weil Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett Ein ganz und gar sinnliches Buch, eine schöne Liebesgeschichte verkündete. Was Florian Illies in der Zeit mit dem Satz kommentierte: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Nachdem Reich-Ranicki den Roman empfohlen hatte, sicherte sich die Berliner Produzentin Regina Ziegler sofort die Filmrechte. Und bot die Regie des Films Vivian Naefe, der großen Frauenversteherin des deutschen Films, an. Viele von Naefes Filmen haben die Darstellerinnen berühmt gemacht, wie zum Beispiel Veronica Ferres in Eine ungehorsame Frau. Und so wurde dies wieder ein typischer Naefe Emanzipationsstoff, wie die Berliner Zeitung schreibt.

Der Film beginnt mit halbnackten Mädchen in der Dusche eines Pensionats. Man fürchtet schon im falschen Film zu sein und einen Lesbenporno gekauft zu haben. Oder eine Neuauflage von Romy Schneiders Mädchen in Uniform. Aber dann flackert ein Schriftzug über die Leinwand und verkündet: Berlin 1913. Elf Monate vor dem Kriegsausbruch. Es ist gut, dass der Graf Keyserling, der den Roman um 1910 schrieb, das nicht zu sehen braucht. Und so kann man munter Dinge aus einer anderen Zeit in den Film transponieren. Niemand wird um 1910 (oder 1913) das Wort Infrastruktur benutzen, niemand wird eine Davidoff rauchen. Und die Gräfin wird nicht sagen: Ziehen Sie Ihre Angel ein, ich bin der falsche Fisch. Das sagt jemand in Some like it hot. Das soll jetzt witzig sein, ist es aber nicht.

Man kann den Roman Wellen leicht im Buchhandel oder im Antiquariat finden, man kann ihn aber auch ➱hier auf dem Bildschirm lesen. Wenn man einen großen Bildschirm hat, geht das sehr gut. Bei einem Buch überblickt man nur eine Buchseite, hier hat man beinahe ein Kapitel im Blick. Wir sind an der Ostsee, wahrscheinlich eher in ➱Nidden als in Weißenhaus. Das Bild von Max Liebermann ist aus der Reihe seiner schönen Strandbilder, zwar Nordsee und nicht Ostsee, aber das macht nichts. Wir brauchen nur Meer, Strand, Himmel und junge Frauen in weißen Kleidern.

Natürlich kann das Meer symbolisch sein. Ist es auch bei Keyserling, wenn auch nicht in dem Maße, in dem Virginia Woolf in Die Wellen davon Gebrauch macht. Der Maler Hans Grill möchte in einem Gemälde das Meer und Doralice vereinen (Ja, dich und das Meer. Ihr beide müßt zusammen auf ein Bild und eine Synthese von dir und dem Meer, verstehst du?). Die beiden jungen Baronessen werden in ihren Gefühlen berührt: Oben in der Giebelstube, Lolos und Ninis Schlafzimmer, standen die beiden Mädchen noch am Fenster und schauten hinaus. Das mondbeglänzte Meer, das Rauschen und Wehen da draußen ließ ihnen keine Ruhe, es erregte sie fast schmerzhaft, und das Paar, das dort unten an den blanken Säulen der brechenden Wellen hinschritt, gehörte mit zu dem Erregenden und Geheimnisvollen da draußen, das den beiden Mädchen ein seltsames Fieber in das Blut legte.

Doch Keyserling kann das Meer auch ironisch behandeln, er nutzt alle Facetten: Man setzte sich auf der Veranda zur Abendmahlzeit nieder an den Tisch, über den das rote Abendlicht hinflutete und der Seewind an dem Tischtuch und den Servietten zerrte. Das machte die Gesellschaft schweigsam, so das Meer vor sich war es, als sei man nicht allein, nicht unter sich. „Ich habe mir das Meer größer gedacht,“ erklärte Wedig endlich. „Natürlich, mein Sohn,“ meinte die Generalin. „Du willst wohl für dich ein Extra-Meer.“

Dies ist in gewisser Weise die Geschichte von Effi Briest in der Sommerfrische, die Geschichte der jungen mittellosen Gräfin Doralice, die ihren Mann verlassen hat, um mit einem Maler zusammenzuleben. Das ist eine ungeheuerliche Sache für den Kleinadel kurz nach der Jahrhundertwende. Keyserling (selbst wegen einer finanziellen Lappalie von seiner Studentenverbindung und seiner Familie verstoßen) hat übrigens die Geschichte mit dem Maler und dem unstandesgemäßen Zusammenleben schon einmal Jahre zuvor in seiner Erzählung ➱Beate und Mareile gebraucht, jetzt recycelt er das noch einmal und macht Doralice zu einer tragischen Heldin. Vivian Naefe hat gesagt, sie habe die Gräfin sympathischer gemacht. Man fürchtet sich bei Literaturverfilmungen vor solchen Aussagen.

Die Keyserling Renaissance unserer Zeit betrifft nicht nur seine Romane, sie betrifft auch die Verfilmungen. Und vieles bei Keyserling schreit ja geradezu nach einer Verfilmung. Darüber sagte Florian Illies 2009 in der ➱ZeitDoch ist es das Wesen von Nostalgie, dass ihre Wirkung kurz nach dem Moment der Beschwörung wieder verpufft, weil ihren Objekten die Kraft zum eigenen Leben fehlt. Deswegen verhallten nicht nur immer wieder die Fanfarenstöße der verzückten Ausgräber, auch der Kostümrausch der Romanverfilmungen ‚Schwüle Tage‘ (1978), ‚Am Südhang‘ (1980), ‚Beate und Mareile‘ (1981) und ‚Wellen‘ im Jahre 2005 versendete sich in Minutenschnelle, indes: die Werke Eduard von Keyserlings blieben. Über die Verfilmung von Wellen wäre doch noch einiges zu sagen.

Der für das ZDF und arte produzierte Fernsehfilm Wellen, der in Litauen gedreht wurde, hatte als Drehbuchautor Günter Schütter, der viel mit Dominik Graf zusammengearbeitet hat. Und für einen Fernsehkritiker namens Rainer Tittelbach ist das alles ganz prima: Sommer 1913. Es war die Zeit, als Zucht und Ordnung herrschte und die Damen der besseren Gesellschaft stets um „Contenance“ bemüht waren. Bereits der elegant gebaute, mit feiner Ironie gespickte Roman, der in der Sommerfrische an der Ostsee eine Reihe unterschiedlichster Menschen zusammen führt, liest sich kurzweilig. Die ZDF-Verfilmung nimmt diese Leichtigkeit auf und transportiert sie meisterlich in das Medium Film.

Ähnlich äußert sich Dieter Wunderlich, dessen Seiten sonst immer zuverlässig sind, wenn er sagt: Abgesehen davon hält sich der Film „Wellen“ eng an die Vorlage und weicht nur in Nebensächlichkeiten davon ab. In Nebensächlichkeiten? Aber hallo Leute, geht’s noch?Habt ihr den Roman nicht gelesen, den Film nicht gesehen? Der ist, trotz guter Schauspieler, trotz schöner Bilder, trotz passender Kostüme, eine Travestie, keine Literaturverfilmung. Das fängt wie gesagt schon damit an, dass die Handlung elf Monate vor den Beginn des Ersten Weltkriegs verlegt wird (der Roman erschien 1911).

So kann dann der junge Leutnant  Carl von Gonthard (der im Roman Hilmar von Hamm heißt) der Gräfin Doralice (Marie Bäumer) beim Sex a tergo ins Ohr flüstern, dass die Luftwaffe schon mit Giftgas experimentiert. Schlimmer geht’s nimmer. Im Roman gibt es kein Giftgas, nur giftgrüne Wellen auf einem Altarbild. Im Roman gibt es auch keinen Sex. Gut, die Personen träumen davon, so wie die junge Baronesse Lolo von Doralice träumt, aber Keyserling vermeidet Sexszenen. Gab es so etwas je bei Fontane? Welchen Gewinn haben wir in der Literatur von explizitem Sex? Wir lassen den Monolog von Molly in ➱Ulysses mal aus. Musste ➱American Psycho wirklich geschrieben werden?

Vivian Naefe hat keinen Scheu vor Sexszenen: Alle suchen nach der großen Liebe und geben sich mit Sex zufrieden, hat Naefe über ihren Film gesagt. Die Frauen leiden nur anders als die Männer. Und so bumst der Baron von Buttlär das kleinwüchsige Dienstmädchen (das wir als die Assistentin von ➱Professor Boerne aus dem Münsteraner Tatort kennen) und verprügelt danach seinen Sohn Willy. Beides kommt im Roman nicht vor, da heißt der Sohn Wedig und ist fünfzehn Jahre alt. Viel älter als dieses Filmkind hier. Auch seine Schwester Nini ist im Roman schon erwachsen, hier ist sie noch ein Kind.

Warum das alles? Es macht keinen Sinn. Oder will uns Frau Naefe sagen, dass sexbesessene baltische Barone (Matthias Habich als Baron von Buttlär fasst sich ständig mit der Hand an sein Geschlechtsteil, ein schöner Höhepunkt des ham acting) elf Monate vor dem Ersten Weltkrieg nichts anderes zu tun haben, als ihre Dienstmädchen zu bumsen und ihre Kinder zu schlagen? Buttlär ist im Film Offizier, im Roman ist er ein Gutsbesitzer. Ich könnte die Liste der absurden Änderungen des Romans beliebig fortsetzen. Von einer Werktreue kann man bei diesem Fernsehfilm nicht reden. Im Internet finden sich beinahe nur lobhudelnde Besprechungen des Films, glücklicherweise ist da aber noch die Professorin Alexandra Pontzen, die 2005 schreibt: Es dürfte nicht schwerfallen, etwas Niveauvolleres zu produzieren als die missglückte, ja in einigen Szenen alberne, filmische Adaption von Keyserlings Roman „Wellen“, die das ZDF am 5. Mai dieses Jahres gesendet hat.

Es ist schade für die Darsteller, es ist schade für die hübsche Marie Bäumer, dass sie nicht mal in einem richtig guten Film mitspielen darf. Also ➱Männerpension war ja ein netter Anfang, aber da muss sie mit Til Schweiger ins Bett, das kann es nicht sein. ➱Mitte Ende August (frei nach Goethes Wahlverwandtschaften) hätte ein schöner kleiner Film werden können, aber den hat der Burgschauspieler Gert Voss versaut, dem der Regisseur nicht die Bühnensprache abgewöhnen konnte. Wäre Marie Bäumer, die man schon einmal eine zweite Romy Schneider genannt, Französin, dann würde sie in schönen Filmen mitspielen. Weil die Franzosen den Satz von ➱Truffaut Le cinéma c’est l’art de faire faire de jolies choses à de jolies femmes ernst nehmen. Hat ihr aber nichts geholfen, dass sie einmal in ➱Frankreich gelebt hat. In Deutschland muss sie in ➱Der Schuh des Manitu mitspielen.

Seit es den Film gibt, haben sich die Filmstudios in dem unerschöpflichen Vorrat der Literatur bedient, haben die Literatur geplündert, sind vor nichts zurückgeschreckt. Die Kritiker träumen von der Werktreue, doch das ist ein Begriff, der mit den kommerziellen Interessen einer Filmgesellschaft nicht zu vereinbaren ist. Wenn man an die neueste Verfilmung von ➱The Great Gatsby mit Leonardo DiCaprio denkt, dann hat das ja auch nichts mehr mit Fitzgeralds Roman zu tun. Regina Zieglers erste Filmproduktion war Peter Steins Inszenierung von Maxim Gorkis ➱Sommergästen, damals hatte sie noch die Literatur und die Werktreue im Sinn. Aber zu der Zeit, als sie die Rechte von Wellen kaufte, da war sie bei Filmen wie ➱Frauen, die Prosecco trinken und der Degeto angekommen. Ziegler verkörpert die Ambivalenz des deutschen Fernsehens wie niemand sonst: den seichten Degeto-Kitsch wie die ambitionierten Eventproduktionen gleichermaßen, schrieb die TAZ. Mit dem Film Wellen sind wir eher bei dem zähen Degeto Quark.

Literaturverfilmungen sind eine schwierige Sache, die Engländer können das offensichtlich besser, wenn wir an die vielen ➱Jane Austen Filme, an ➱A Dance to the Music of Time oder ➱Brideshead Revisited denken. Franzosen können das auch, Bertrand Tavernier hat das mit dem schönen Film ➱Un dimanche à la campagne gezeigt. Und Raoul Ruiz hat mit ➱Le temps retrouvé bewiesen, dass man Proust vielleicht doch verfilmen kann. Wenn ich zu dem Thema ein Buch empfehlen darf, dann wäre das der Suhrkamp Band Literaturverfilmungen, der von Franz-Josef Albersmeier und Volker Roloff herausgegeben wurde. Wenn Sie mehr über Literaturverfilmungen lesen wollen, dann kann ich auf den Post ➱The Go-Between verweisen. Es ist einer der wenigen Posts in diesem Blog, der vor vielen Jahren in einem Buch veröffentlicht worden war, ich würde ihn heute immer noch genau so schreiben. Allerdings ein paar gehässige Bemerkungen über das ➱Musical einfügen, das es damals noch nicht gab.

Die Generalin von Palikow und Fräulein Malwine Bork, ihre langjährige Gesellschafterin und Freundin, kamen in das Wohnzimmer. Sie wollten sich ein wenig erholen. Die Generalin setzte sich auf das Sofa, das frisch mit einem blanken, schwarz und roten Kattun bezogen war. Sie war sehr erhitzt und löste die Haubenbänder unterm Kinn. Das lila Sommerkleid knisterte leicht, die weißen Haarkuchen an den Schläfen waren verschoben und sie atmete stark. Sie schwieg eine Weile und schaute mit den ein wenig hervorstehenden grellblauen Augen kritisch im Zimmer umher. Das Zimmer war weiß getüncht, wenig schwere Möbel standen an den Wänden umher und über die Bretter des Fußbodens war Sand gestreut, der in der Abendsonne glitzerte. Es roch hier nach Kalk und Seemoos.

„Hart,“ sagte die Generalin und legte ihre Hand auf das Sofa.

Fräulein Bork neigte den Kopf mit dem leicht ergrauten Haar auf die linke Schulter, blickte schief durch die Gläser ihres Kneifers auf die Generalin, und das bräunliche Gesicht, das aussah wie das Gesicht eines klugen älteren Herrn, lächelte ein nachdenkliches, verzeihendes Lächeln. „Das Sofa,“ sagte sie, „natürlich, aber man kann es nicht anders verlangen. Für die Verhältnisse ist es doch sehr gut.“

„Liebe Malwine,“ meinte die Generalin, „Sie haben die Angewohnheit, alles gegen mich zu verteidigen. Ich greife das Sofa gar nicht an, ich sage nur, es ist hart, das wird man doch noch dürfen.“

So fängt der Roman an, und der Romananfang verführt zum Weiterlesen. Die liebe Malwine ist übrigens nicht im Film, da wird sie mit dem Satz, dass sie eine Nierenkolik hatte und in der Charité operiert würde, aus dem Film komplimentiert. Wenn Florian Illies schreibt der Kostümrausch der Romanverfilmungen ‚Schwüle Tage‘ (1978), ‚Am Südhang‘ (1980), ‚Beate und Mareile‘ (1981) und ‚Wellen‘ im Jahre 2005 versendete sich in Minutenschnelle, indes: die Werke Eduard von Keyserlings blieben, dann hat er schon recht. Der Roman bleibt. Und er ist der Lektüre wert. Und wenn Sie Wellen unbedingt in einem anderem Medium als dem Buch haben wollen, dann nehmen Sie doch das Hörspiel. Hören Sie doch ➱hier einmal hinein.

1970

 

Es gab im Jahre 1970 Annäherungen zwischen der BRD (ich weiß jetzt nicht mehr, ob man damals überhaupt diesen fiesen DDR Begriff überhaupt verwenden durfte) und der DDR. Zum einen trafen sich Willy Brandt und Willi Stoph, zum anderen sendete der NDR am 29. November den ersten Tatort, der Taxi nach Leipzig hieß. Die Hauptrolle in dem Film spielte ein Hamburger Kommissar namens Trimmel. Der sich mit seinem Kollegen in der DDR (den er noch aus den Tagen des Reichskriminalamts kennt) sehr gut verstand. Wahrscheinlich besser, als sich Willy Brandt und Willi Stoph verstanden haben. Der Grundlagenvertrag ließ noch auf sich warten, aber immerhin war Wandel durch Annäherung angesagt. Vielleicht hat der erste Tatort auch ein klein wenig zu diesem Wandel durch Annäherung beigetragen. Falls Sie heute Abend noch nichts vorhaben, schauen Sie sich doch ➱hier den deutsch-deutschen Kriminalfilm an.

Die Sendung Tatort ist die am längsten laufende Reihe im deutschen Fernsehen, der Polizeiruf 110 des DFF kam erst ein Jahr später. Warum brauchte man im Arbeiter- und Bauernparadies überhaupt eine Krimisendung, wo es doch im ganzen sozialistischen Land kein Verbrechen geben konnte? Rulo Melchert wusste in seinem Artikel Hauptsache, es ist ein Krimi: Chancen einer Romanform 1966 die Antwort: Warum ein Gebiet unserer Literatur vernachlässigen, das bei den Lesern viel gelesen wird, auf sie so großen Einfluß nimmt? Warum an einer Stelle ausschalten, wo sich sonst Ideologie westlicher Himmelrichtung breit macht?

Man suchte in der ARD damals nach einer Nachfolgesendung für Jürgen Rolands Stahlnetz (eine hervorragende Reihe mit den Drehbüchern von Wolfgang Menge) und wollte der Konkurrenz des ZDF und deren Reihe Der Kommissar etwas entgegensetzen. Nicht mehr in dem altbackenen Schwarz-Weiß, in dem die auch die ➱Edgar Wallace Filme daherkamen, sondern gleich in Farbe.

Als die ARD Oberen überraschend beschlossen, das von dem Theaterwissenschaftler Gunther Witte (der mit dem ganzen Krimigenre ➱nichts am Hut hatte) entwickelte Konzept in die Tat umzusetzen, hatte man allerdings außer den Plänen nichts vorzuzeigen. Es sollte für jedes Land einen Kommissar geben, und es sollte Lokalkolorit in die Sendung kommen. Da nahm man, sozusagen aus Verlegenheit, den gerade beim NDR abgedrehten Film Taxi nach Leipzig und verpasste ihm das Etikett Tatort. Gunther Witte gab der Reihe kein langes Leben, die Rede war damals von zwei, vielleicht fünf Jahren.

Das Drehbuch zu Taxi nach Leipzig hatte Friedhelm Werremeier (Bild) zusammen mit dem Regisseur Peter Schulze-Rohr geschrieben. Vielleicht hat der Produktionsleiter des Films Dieter Meichsner noch daran mitgewirkt. Der war ja für seine Drehbücher berühmt, ich nenne nur mal den Dreiteiler Der Stechlin (Fontanes Romanvorlage hat ➱hier einen Post) und die achtzehn Teile der Serie ➱Schwarz-Rot-Gold mit Uwe Friedrichsen als Zollfahnder Zaluskowski. Leute wie Dieter Meichsner und Wolfgang Menge findet man beim Fernsehen nicht mehr. Dafür verdient aber der NDR Intendant Lutz Marmor heute über 300.000 Euro im Jahr, soviel Geld haben diejenigen, die einmal Qualitätsfernsehen gemacht haben, wahrscheinlich nicht in zehn Jahren bekommen. Das ist eine seltsame Entwicklung: das Programm wird immer schlechter, irgendwann gibt es nur noch den Degeto Mansch, aber die Intendanten verdienen sich dumm und dösig.

Die Schauspieler des Films kamen, nicht wie heute aus irgendwelchen läppischen Fernsehserien des Vorabendprogramms, die kamen alle vom Theater. Walter Richter, der den mürrischen Trimmel gab, war ja ein berühmter Mann gewesen. Günter Lamprecht, der einen Grenzbeamten spielt (was uns immer an den Satz Gänsefleisch mal `n Kofferraum uffmachen? denken lässt), stand am Anfang seiner Karriere. Hans-Peter Hallwachs hatte ich zu Peter Zadeks Zeiten noch auf der Bremer Bühne gesehen, er steht auch ➱hier im Blog mit einer kleinen komischen (aber wahren) Geschichte drin.

Die weibliche Hauptrolle in Taxi nach Leipzig spielte Renate Schroeter, für die schwärmte ich damals. Ich besaß zwar als Student damals kein Fernsehgerät, aber den Film habe ich trotzdem gesehen. Wegen Renate Schroeter. Und wegen Paul Trimmel, denn Werremeiers ersten Roman Ich verkaufe mich exklusiv (der unter dem Titel ➱Exklusiv nachträglich in die Tatort Reihe aufgenommen wurde) hatte ich damals schon gelesen. Ich las viele Krimis, meistens ➱englische Krimis, sie waren wichtig zum Ausgleich für das Studium. Genauso wichtig wie Westernfilme, die damals neue Formen annahmen, der Spätwestern (der ➱hier einen langen Post hat) hatte begonnen.

Damals war beinahe alles neu. In Frankreich gab es die ➱Neue Welle in Kino und Roman, in Deutschland gab es den Neuen deutschen Kriminalroman. Auf jeden Fall hieß die Tagung im Kloster Loccum so, wo jeder war, der damals in der Krimiszene irgendwas bedeutete. Denn Autoren wie Werremeier und -ky (und wie sie alle hießen) veränderten die Krimilandschaft. Viele deutsche Autoren versuchten allerdings nur, Georges Simenon, ➱Sjöwall Wahlöö, Nicolas Freeling (der ➱hier einen Post hat) oder Janwillem van de Wetering zu imitieren, aber so gut wie die waren sie nie.

Womit ich kein böses Wort über Friedhelm Werremeier sagen will, man kann seine Trimmel Romane nach Jahrzehnten immer noch lesen. Ich habe es getestet. Und auch kein böses Wort über den Rendsburger Studiendirektor Dr Edward Hoop, der unter dem Pseudonym Paul Henricks bei Rowohlt eine Menge durchaus seriöser Romane schrieb. Sein Lektor Richard K. Flesch bei Rowohlt schätzte ihn sehr. Henricks Sieben Tage Frist für Schramm war ein Bestseller. Wurde schlecht verfilmt mit Joachim Fuchsberger und Horst Tappert. Wenn Sie den Film sehen wollen, klicken Sie ➱hier. Aber gucken Sie sich lieber Taxi nach Leipzig an. Modehistorisch interessant ist allerdings der British Warm Offiziersmantel von Joachim Fuchsberger, während Tappert den stereotypischen ➱Trenchcoat eines Fernsehkommissars trägt. Fuchsbergers Mantel muss Tappert schwer beeindruckt haben, denn was trug er bei seinem ersten Auftritt als Derrick? Richtig, einen ➱British Warm.

Man konnte die neuen deutschen Krimis mit den Romanen der Schweden, Holländer, Engländer und Franzosen vergleichen, denn bei Rowohlt hatte Richard K. Flesch (manchmal Leichen-Flesch) genannt, eine Krimireihe hochgezogen, die sicherlich das Beste war, was es damals gab. Von Richard K. Flesch gibt es kein Bild im Internet, man könnte glauben, dass er ein Phantom sei. Aber es hat ihn wirklich gegeben, ich habe ihn mal einen Nachmittag lang interviewt. Er hatte eine angebrochene Flasche Whisky vor sich auf dem Tisch, der mit Manuskripten beladen war. Er bot mir einen Whisky an, aber ich wollte nachher noch auf die Autobahn. Nüchtern. Ich habe noch ein Dutzend Briefe von ihm, alle mit grüner Cheftinte unterschrieben. Heute gibt es Leute wie ihn auch wohl nicht mehr. Und gute Tatort Sendungen sind auch rar geworden. Sehr rar.

Man hat den tausendsten Tatort auch wieder Taxi nach Leipzig genannt, doch den habe ich mir nicht angeguckt. Aber den alten Film aus dem Jahre 1970, den lege ich heute Abend in den DVD Player.

Es gab in diesem Blog schon zwei Posts, die ➱Tatort und ➱Tatorte heißen. Und dann gibt es natürlich den Post Botulismus, der von einem ganz bescheuerten Tatort handelt. Und dann hätte ich da noch für Krimifreunde anzubieten: Maj SjöwallSjöwall WahlööHenning MankellTulpenEnglische KrimiserienInspector GentlyKlaus WennemannTraumwagen

Andrzej Wajda

 

Damals wollten wir alle solch eine Sonnenbrille haben, wie Zbigniew Cybulski sie in dem Film Asche und Diamant trägt. Cybulski war der James Dean von Polen. Er trug immer eine Sonnenbrille. Es hat noch nie am Theaterhimmel einen Schauspieler gegeben, der spielen konnte, ohne seine Augen zu gebrauchen, und ich weiß, es wird auch keinen mehr geben. Umso besser! Man wird sich ewig an ihn erinnern, und das ist mehr, als man über viele Schauspieler sagen kann, hat Marlene Dietrich gesagt. Den Film Asche und Diamant gab es sogar in dem Filmclub unserer Schule. Die Sonnenbrille gab es natürlich nirgends. In unserem ➱Schülerfilmclub wurde (was sehr umstritten war) Der Schimmelreiter gezeigt, aber erstaunlicherweise auch Tod eines Radfahrers (der ➱hier schon erwähnt wird).

Ich weiß nicht, wer damals für die Auswahl der Filme zuständig war (den Schimmelreiter soll sich der Direx gewünscht haben). Ich weiß nur noch, dass ich immer mit ➱Wuddel zur Landesbildstelle nach Bremen gefahren bin, damit wir endlich den Filmvorführerschein bekamen. Damals war uns Technik noch wichtiger als Ästhetik. Wir wollten noch keine Filmkritiker werden, wir wollten erst einmal die Filmrollen richtig einlegen. Das ist wichtig. Der Kunsthistoriker ➱Ernest Gombrich hat in London am ➱Warburg Institute einmal einem Studenten, der mit dem Diaprojektor kämpfte, gesagt, dass die Karriere eines Kunsthistorikers damit beginnt, ein Dia richtig herum einzulegen. Es gab damals übrigens nicht nur die Sonnenbrille von Zbigniew Cybulski in Asche und Diamant zu bewundern, schöne Frauen wie Ewa Krzyżewska gab es auch.

Asche und Diamant ist wahrscheinlich der berühmteste Film des großen polnischen Regisseurs Andrzej Wajda, der am 9. Oktober im Alter von neunzig Jahren gestorben ist. Er ist in diesem Blog bisher noch nicht erwähnt worden, aber vielleicht hätte ich vor Jahren lieber über ihn schreiben sollen und nicht über Roman Polanski. Der erste Film, der mir einfiel, als ich im Radio die Nachricht von seinem Tod hörte, war nicht Eine GenerationDer Kanal oder Asche und Diamant, es war der Film ➱Lotna.

Ein Film über die polnische Kavallerie und herumirrende Pferde auf dem Schlachtfeld. Großartige Bilder, die die Sinnlosigkeit des Krieges verdeutlichen. Andrzej Wajda kannte die Welt der Kavallerie, er ist in den Kavalleriebaracken großgeworden, sein Vater (von den Russen in Katyn ermordet) war Kavallerieoffizier: I was raised in the cavalry barracks, where I would see things like six galloping horses drawing artillery pieces come racing into the yard. And these weren’t cavalrymen of the type you see now in London at the changing of the guard. It was a real cavalry trained to fight wars and kill the enemy. 

Man kann den Film Lotna ➱hier ganz sehen, das hat aber nicht den Effekt, den er auf der großen Kinoleinwand hat. Was man leider nicht sehen kann, ist die Verfilmung von Timothy Findleys Roman ➱The Wars, in der ein junger kanadischer Offizier im Ersten Weltkrieg versucht, Armeepferde zu retten. Armeepferde sind etwas Wichtiges. Sie waren Abraham Lincoln wichtiger als Generäle: I can make more generals but horses cost money, soll er gesagt haben. Abraham Lincoln, der sich seine ➱Schuhe selbst putzte, war ein vernünftiger Mann. Was hätte er wohl zu einem Präsidentschaftskandidaten Donald Trump gesagt? Man wagt es sich nicht vorzustellen, dass dieser Vollidiot ➱Trump einmal das Amt bekommt, das Lincoln gehabt hat. The Wars gilt inzwischen als kanadischer Filmklassiker. Ich habe den Film mit dem Soundtrack von ➱Glenn Gould schon einmal erwähnt, als ich über den deutschen Helden ➱Hubert Dilger schrieb.

Es ist ein weißes Pferd, das in Lotna die Hauptrolle hat. Es muss ein weißes Pferd sein, weil es etwas Mythisches, Symbolisches sein soll. So wie das Pferd von Hauke Haien in dem Film Der Schimmelreiter von 1933. Über den die Zeitschrift Daheim damals schrieb: Dieser Film ist sehr zeitgemäß. „Blut und Boden“ heißt sein Inhalt, der Führergedanke lebt darin. Doch der Film ist auch nach dem Krieg nicht verboten worden, und man muss dem Regisseur Hans Deppe lassen, dass es cinematographisch große Szenen in dem Film gibt (➱hier ganz zu sehen). Der Regisseur hat nie wieder einen so guten Film gedreht. Und doch fehlt ihm als ➱Romanverfilmung vieles. Das spökenkiekerisch Geheimnisvolle, das mir bei der ersten Lektüre des Romans einen Schauer über den Rücken laufen ließ (ich war acht), das fehlt diesem Film völlig. Und heimlich glauben wir natürlich immer, dass der Mann, der da ruft: soll Euer Deich sich halten, so muß was Lebiges hinein! Recht hat.

Andrzej Wajda wollte viel mit seinem Film Lotna, er wollte auch viel mit der Verfilmung der Meistererzählung The Shadow Line seines Landsmanns ➱Joseph Conrad. Er war mit dem ➱Ergebnis nicht zufrieden,  an inarticulate, elusive and uncommunicative film hat er seinen Film genannt. Und der Filmkritiker Michal Komar urteilte: The film is a betrayal of Conrad’s work. It makes him seem a boring buffoon, a soft-minded fool obsessed with the souls of men who are at very best unbalanced. Why has this happened? Perhaps – at least I suspect so – the source of failure lies in trying to fit psychology where there is no room for it. 

For example, The Shadow Line is viewed as describing the state of mind of a young man, who has found himself in an extremely difficult situation. Thus, the director looks for the meaning of the story and its driving force, in the relation between the hero’s state of mind and the external situation (the ship, the disease plaguing the crew, the heat etc.). And since it is impossible to keep on showing heat or windless silence, as the viewer will be bored stiff, the director tries to film it in a prettified way, inventing a couple of attractive balancing acts on the masthead. And this at the cost of ignoring essential issues and the problem of different attitudes to the predicament. Thus the whole undertaking becomes limited to technical skill, satisfying the mere requirements of ordinary visual realism.

Sie können The Shadow Line ➱hier ganz sehen, aber der Film beweist nur, dass man Conrad nicht verfilmen kann. Das ist auch Ridley Scott mit The Duellists nicht gelungen, trotz einer Starbesetzung. Von den misslungenen Verfilmungen von Heart of Darkness wollen wir nicht reden, vielleicht kommt Apocalypse Now ein wenig an den Text heran. Einzig The Outcast of the Islands von Carol Reed (lesen Sie ➱hier mehr) kann als eine halbwegs gelungene Conrad Verfilmung gelten.

Zu den größten Werken des Regisseurs gehören „Das gelobte Land“, „Danton“ und „Der Mann aus Marmor“, heißt es bei Spiegel Online in dem Nachruf auf Andrzej Wajda. Von dem aufregenden Frühwerk war da nicht mehr die Rede. Wajda war mit den Jahren konventioneller geworden, da ähnelt er Polanski, der in seinem Spätwerk nichts mehr mit seinen großartigen Anfängen zu tun hat. Chinatown hat nichts mehr mit dem Film Das Messer im Wasser zu tun.

Aber im Gegensatz zu Polanski ist Wajda seinem ersten Thema, der polnischen Geschichte, treu geblieben. Auch wenn man ihn in Polen dafür nicht immer geliebt hat. Wajda ist auch im Gegensatz zu Polanski immer ein politischer Regisseur geblieben, nicht nur wegen seiner Danziger Trilogie. Er war mit Polanski befreundet, der in seinem Examensfilm Eine Generation eine kleine Rolle (hier in der Bildmitte) spielt. 1997 hat Polanski noch einmal in einem Film von Wajda mitgespielt, und Wajda hat ihn sicherlich erheblich ➱beeinflusst.

Dieses Bild stammt aus dem Film Asche und Diamant. Es steht an dieser Stelle, damit wir noch einmal Ewa Krzyżewska sehen können. Auch Wajda wusste, dass ➱François Truffauts Satz Le travail du metteur en scène consiste à faire faire de jolies choses à de jolies femmes immer funktionierte. Das Bild ist auch aus einem anderen Grund hier, der etwas mit der Ästhetik der frühen Filme von Wajda zu tun hat. Schauen Sie sich doch einmal die Verteilung von Licht und Schatten, die der Kameramann Jerzy Wójcik hier hingezaubert hat. Können wir glauben, dass die Frau in diesem Licht ein einfaches Barmädchen ist? Damals war sie einen Film lang die Frau unserer Träume. Wir wünschten uns, dass unsere Freundinnen so aussehen möchten wie Ewa Krzyżewska. Und dass wir solch eine Sonnenbrille hätten wie Zbigniew Cybulski.