Felliniesque

Ich finde es ein wenig erstaunlich, dass ich hier noch nie über Fellini geschrieben habe. Gut, er kommt in ↝Cinecittà und die Mode und in vielen anderen Posts vor, aber es gibt keinen richtig großen Fellini Post. Sein Kollege Michelangelo Antonioni hat dagegen mehrere Posts. Und Visconti kommt hier mit ↝Ossessione und ↝temps perdue auch schon vor.

Am Ende des Posts ↝Steve Cochran (ein Post, der mit viel Liebe geschrieben ist) habe ich gesagt: Mehr Michelangelo Antonioni in diesem Blog unter ↝Swinging London, ↝Michelangelo Antonioni und ↝Antonioni. Als ich das erste Mal über Antonioni schrieb, endet der Post mit: Ich merke gerade, dass ich jetzt Tage (oder Wochen) über Antonioni weiter schreiben könnte. Ich höre erst einmal auf und stelle das ein. Vielleicht ein anderes Mal. So dacht ich. Nächstens mehr, wie Hölderlin am Ende von Hyperion sagt. Ich habe drei Jahre gebraucht, um dieses Nächstens mehr wahr zu machen. Aber ich war am Anfang meines Blogger Lebens, ich wußte noch nicht, wohin es mich führen würde.

Ich mag Fellini, ich habe beinahe all seine Filme gesehen, viele habe ich auf DVD, Drehbücher besitze ich auch, auf jeden Fall alles, was bei Diogenes erschienen ist. Und dennoch: kein Fellini Post im Blog. Dies heute wird eigentlich auch keiner, es geht hier nur um den Einfluss von Fellini. Wenn Sie den Post ↝Attolini gelesen haben, dann kennen Sie diesen Herrn, es ist Toni Servillo, der den Schriftststeller Jep Gambardella in dem Film ↝La grande bellezza spielt. Immer elegant, immer in Jacketts und Anzügen von Attolini. Ein Schneider, der Marcello Mastroianni auch schon einkleidete, allerdings trug der nie so bunte Jacketts.

Dass Attolini den Film ausstaffierte, haben alle Gazetten berichtet, eine bessere Werbung konnte es nicht geben. Dagegen war die Kampagne von Brioni gar nichts, die einmal James Bond einkleideten. In dem Buch Italian Style: Fashion & Film from Early Cinema to the Digital Age von Eugenia Paulicelli, das mir der Tobias geschenkt hat, sind Attolini und dem Film La grande bellezza ein ganzes Kapitel gewidmet. Kommt gleich nach Antonioni und Fellini.

Paolo Sorrentinos Film wird von den meisten Kritikern in Beziehung zu Fellini gesetzt. Reise ans Ende der Nacht: Paolo Sorrentinos grandiose Fellini-Hommage ist eine Feier der morbiden und mondänen Schönheit Roms, gesehen mit den Augen eines einflussreichen und allseits gefürchteten Klatschreporters, titelte die ↝NZZ. Die Nähe zu Fellinis La Dolce Vita und Achteinhalb ist offensichtlich.

Dass im Titel des NZZ Artikels Louis-Ferdinand Célines ↝Voyage au bout de la nuit zitiert wird, ist kein Zufall, denn der Film beginnt mit einem Céline Zitat: Viaggiare, è proprio utile, fa lavorare l’immaginazione. Tutto il resto è delusione e fatica. Il viaggio che ci è dato è interamente immaginario. Ecco la sua forza. Va dalla vita alla morte. Uomini, bestie, città e cose, è tutto inventato, è un romanzo, nient’altro che una storia fittizia. Lo dice Littré, lui non si sbaglia mai. E poi in ogni caso tutti possono fare altrettanto. Basta chiudere gli occhi, è dall’altra parte della vita.

Der Erfolg des Romans, der den Journalisten Jep Gambardella berühmt gemacht hat, liegt Jahrzehnte zurück. Er kann nichts mehr schreiben: Sono anni che tutti mi chiedono perché non torno a scrivere un nuovo romanzo. Ma guarda ’sta gente, ’sta fauna. Questa è la mia vita, non è niente. Flaubert voleva scrivere un romanzo sul niente, non c’è riuscito. Ci posso riuscire io? Jetzt bewegt sich der alternde Flaneur nachts durch Rom, von Party zu Party: Ich wollte der König der mondänen Welt sein und es ist mir auch gelungen. Ich wollte nicht nur auf die Partys eingeladen werden. Ich wollte die Macht haben, jede Party zu sprengen. Aber er merkt, wo er auf die 65 zugeht, dass sein Leben leer ist.

Der Film zeigt diese Reise ans Ende der Nacht in rauschhaft schönen Bildern, Antonioni und Fellini waren da sparsamer, wenn sie ihre Helden durch die Großstadt wandern ließen. Es wird viel geredet, manchmal bösartig, wenn Jep Stefanias (Galatea Ranzi) ↝Lebenslügen, die wie ein O’Neillscher pipe dream sind, auseinandernimmt: La storia ufficiale del partito l’hai scritta perché per anni sei stata l’amante del capo del partito. I tuoi undici romanzi pubblicati da una piccola casa editrice foraggiata dal partito, recensiti da piccoli giornali, vicini al partito, sono romanzi irrilevanti, lo dicono tutti, questo non toglie che anche il mio romanzetto giovanile fosse irrilevante, su questo ti do ragione … 

Allora invece di farci la morale… di guardarci con antipatia… dovresti guardarci… con affetto… Siamo tutti sull’orlo della disperazione, non abbiamo altro rimedio che guardarci in faccia, farci compagnia, pigliarci un poco in giro… O no? Auch wenn das böse ist und ein wenig nach Who’s afraid of Virginia Woolf  klingt, wenig später tanzen sie bei einer Hochzeitsfeier engumschlungen.

Der Film kann sehr witzig sein. Wenn Jep Gambardella eine Liebesnacht mit Isabella Ferrari verbracht hat und sie ihren Laptop holt, um ihm ihre Nackphotos auf Facebook zu zeigen, ist er plötzlich verschwunden. Wir hören nur seine Stimme: Die wichtigste Erkenntnis nach meinem 65. Geburtstag ist die, dass ich keine Zeit mehr mit Dingen verlieren möchte, auf die ich keine Lust habe.


Mein Lieblingsdialog ist in einer kleinen Szene, wo Jep einem jungen Mann namens Andrea sagt: Non li piglia‘ troppo sul serio questo scrittori. Und der fragt: Se non prendo sul serio Proust, chi devo piglia‘ sul serio? Jep: Niente, niente devi piglia‘ sul serio — eccetto il menu, naturalmente… Insomma Andrea le cose so‘ troppo complicate per consentire a un singolo individuo di capire. Andrea: Il fatto che tu non abbia capito non significa che nessuno possa capire.

La Grande Bellezza hat einen Oscar bekommen. In Italien kam der ↝Film von Paolo Sorrentino trotz der Anzüge von Attolini nicht so gut an. Antonionis Filme zuerst auch nicht: In Italy, The Great Beauty received a mixed critical reception, ranging from the lukewarm to the outright negative, thus confirming a sad national tradition – started long ago with Roberto Rossellini’s Roma città aperta (Rome, Open City, 1945) – one that determinately neglects important domestic pictures. Only after the film enjoyed international success and won prestigious awards (including the European Critics’ Award, The Bafta, the Golden Globe, the Oscar), did audience and critics appropriate it.

La Grande Bellezza, den Arte letztens gesendet hat (wie auch Il Divo vom gleichen Regisseur auch mit Toni Servillo), ist als DVD leicht erhältlich, und ich kann hier noch einen sehr guten Aufsatz von ↝Carlotta Fonzi Kliemann empfehlen.

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Pfingsfest.

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where life and movies overlap

Ich hatte mir überlegt, dass ich einmal über die Schauspielerin Gloria Grahame schreiben könnte, jetzt wo ↝Film Stars don’t die in Liverpool in die Kinos gekommen ist. Gloria Grahame ist schon in ↝Operation Mincemeat und ↝Jugendkultur erwähnt worden, aber ich hätte gerne noch etwas Längeres über sie geschrieben. Weil ich Peter Turners Film Stars Don’t Die in Liverpool gelesen habe, als das Buch 1987 erschien. Ja, es gibt ein Buch zum Film, es ist kein Roman, es ist eine wahre Geschichte. Die nichts Sensationshaschendes an sich hat, es ist rührend und herzzerreißend. Eine amour fou, die keine Zukunft hat, am Ende steht der Tod. Unfolds in the shadowy area where life and the movies overlap … rarely has the mortality of the gods been so poignantly brought home, schrieb der Literary Review damals. Ich bleibe einmal bei der shadowy area where life and the movies overlap.

Das Fernsehprogramm wirkt sich häufig auf die Leserzahlen dieses Blogs aus. Letztens gab es Truffauts ↝Das Geheimnis der falschen Braut (La Sirène du Mississipi) bei arte und klickediklack kriegte der Post ↝Waltz into Darkness neue Leserzahlen. Das gefällt mir natürlich, es ist ja auch ein schöner Post, wie mir ein Leser aus dem Süden der Republik per E-Mail versicherte. Truffauts Film nach einem Roman von Cornell Woolrich handelt von Liebe, Sehnsucht und Tod, da ich gerade dabei bin, das zu erwähnen.

Romane von Cornell Woolrich handeln immer von Liebe, Sehnsucht und Tod, deshalb mochte Truffaut, der sich immer wieder in seine Hauptdarstellerinen verliebte, sie wahrscheinlich: Il y a beaucoup, beaucoup trop de morts autour de moi, que j’ai aimés, et j’ai pris la décision, après la disparition de Françoise Dorléac, de ne plus assister à aucun enterrement, ce qui, vous le pensez bien, n‘ empêche pas la tristesse d être là, de tout obscurcir pendant un temps et de ne jamais estomper complètement, même avec les années, car on ne vit pas seulement avec les vivants, mais aussi avec tous ceux qui ont compté dans notre vie.

Film und Fernsehen erzählen uns Geschichten, sie erzählen sie so lange, bis wir glauben, dass die Geschichten wahr sind. Und manchmal sind diese Geschichten ja auch schön, schöner als unser Leben. In der shadowy area where life and the movies overlap tauschen wir unser Leben gegen ein anderes. Träume gehören auch zu unserem Leben, Alpträume auch. We are such stuff as dreams are made on.

But when a dream night after night is brought 

Throughout a week, and such weeks few or many 

Recur each year for several years, can any 

Discern that dream from real life in aught? 

Es gab in den letzten Tagen noch einen Post, der in dieser Zeit der niedrigen ↝Leserzahlen aufmerken ließ. hunderte von Lesern klickten letztens – ↝Ein starkes Team: Alte Wunden war gerade gelaufen – den Post ↝Maja Maranow an. Tagelang. Immer wieder. Da war Maja Maranow für einen Augenblick wieder lebendig. Es ist eine Sehnsucht in uns nach den Heldinnen des silverscreen. Mit dem Tod der schönen Frauen der Leinwand, die wir aus den Filmen herausreißen und in unsere Träume mitnehmen, stirbt auch ein wenig in uns.

Le cinéma c’est l’art de faire de jolies choses à de jolies femmes, aber das Kino gehört auch zu unserem wirklichen Leben. Also damals, als es noch gute Filme und Filmkunsttheater gab. Wir nahmen das Programmheft mit nach Hause, weil da ein Photo von Françoise Dorléac (der Schwester der Deneuve) drin war. Jahre später ist das Programmheft verblasst, aber wir haben jemanden wie Françoise Dorléac immer noch vor Augen. Und so behalten wir Maja Maranow immer in unseren Gedanken, in den Träumen, in denen nichts verblasst. Forever young. Ich könnte natürlich ↝Drei Buben mit Dame oder Der König von St Pauli in den DVD Player schieben. Aber ich kann auch einfach die Augen schließen.

Vögel

Das hat sie nun davon, dass sie blond ist. Da liegt sie auf dem Boden, ein hilfloses Opfer. Attackiert von Vögeln, eine Variation der Geschichte von Leda und dem Schwan. Man hatte der naiven Blondine versprochen, dass in dieser Szene nur Attrappen von Vögeln zum Einsatz kommen, aber der Regisseur lässt auf dem Dachboden echte Vögel auf die Blondine los. Er hat seine Freude daran, Blondinen zu quälen.

Blondes make the best victims. They’re like virgin snow that shows up the bloody footprints, hat er gesagt. Der Regisseur heißt natürlich Alfred Hitchcock, und wir reden hier von dem Film ↝The Birds, der heute vor 55 Jahren in den USA anlief. Die Schauspielerin Tippi Hedren durfte noch ein zweites Mal bei Hitchcock in dem Film Marnie mitspielen. In dem Film gibt es eine ↝Vergewaltigungszene in der Hochzeitsnacht. Nicht durch Vögel, diesmal durch Sean Connery. A man taking his frigid, unattainable bride by force was Hitchcock’s fantasy about me, hat Tippi Hedren dazu gesgt.

In ihrer ↝Autobiographie hat Hedren noch mehr über Hitchcock zu sagen, der wie ein Vorläufer von ↝Harvey Weinstein daherkommt. Hitchcock hat der Tochter von Tippi Hedren (die später unter dem Namen Melanie Griffith Schauspielerin wurde) nach den Dreharbeiten von The Birds eine Puppe geschenkt, die eine perfekte Nachbildung ihrer Mutter war. Und auch ein grünes Kleid hatte, wie Tippi Hedren es in dem Film trug. Die Puppe lag in einem kleinen Sarg. Kann man perverser sein?

Hitchcock und Blondinen, ein unerschöpfliches Thema. Auf François Truffauts Frage In other words, what intrigues you is the paradox between the inner fire and the cool surface in dem berühmten ↝Interview sagt Hitchcock: Definitely, I think the most interesting women, sexually, are the English women. I feel that the English women, the Swedes, the north­ern Germans, and Scandinavians are a great deal more exciting than the Latin, the Italian, and the French women. Sex should not he ad­vertised. An English girl, looking like a school­ teacher, is apt to get into a cab with you and, to your surprise, she’ll probably pull a man’s pants open. Wir kennen eine Variante dieser Szene aus To Catch a Thief.

Dass Hitchcock seine blonde Hauptdarstellerin aus The Birds sexuell belästigt und bedrängt hat, war allgemein bekannt. Dass er ihre Karriere ruinierte, auch. Sie war nicht die erste, sie könnten jetzt mal eben den Post ↝Vera Miles lesen. Ich hätte da auch noch ein schönes Zitat von dem Regisseur, der seine Schauspieler als cattle bezeichnete: I always believe in following the advice of the playwright Sardou. He said, ‚Torture the women!‘ The trouble today is that we don’t torture women enough.

Dies hier sind nicht Hitchcock und Tippi Hedren, dies ist eine Szene aus dem Theaterstück ↝Hitchcock Blonde. Die kühle Blonde aus The Birds hat sich lange mit Vorwürfen zurückgehalten, aber in ihrer Autobiographie ↝Tippi: A Memoir nahm sie kein Blatt vor den Mund: I couldn’t tell anyone. It was the early 1960s. Sexual harassment and stalking were terms that didn’t exist… Besides, he was Alfred Hitchcock… and I was a lucky little blonde he’d rescued from relative obscurity.

Von Vögeln und Sean Connery attackiert zu werden ist das eine, in der ↝Dusche erstochen zu werden, das andere. Ernst Callenbach schrieb 1960 im ↝Film Quarterly über ↝Psycho: It imperceptibly shifts to a level of macabre pathology, unbearable suspense, and particularly gory death. In it, indeed, Hitchcock’s necrophiliac voyeurism comes to some kind of horrifying climax. Phallic-shaped knives swish past navels, blood drips into bathtubs, eyes stare in death along the floor, huge gashes appear in a man’s amazed face, and so forth. Vielleicht soll man das mit dem necrophiliac voyeurism mal fett setzen. Wenn Sie sehen wollen, wer wie in einem Film stirbt, dann klicken Sie die Seite von ↝Cinemorgue an.

Kühle Blondinen: Tippi Hedren, Kim Novak (in ↝Vertigo), Eva Marie Saint (in ↝North by Northwest) und Grace Kelly. Unser kleiner Dicker träumt davon. Zuhause bei seiner Gattin Alma Reville sieht die Welt nicht nach coolen Blondinen aus, die dem Mann an die Wäsche gehen.

Also diese Sorte Blondinen, über die der Filmkritiker Roger Ebert sagte: they reflected the same qualities over and over again: They were blonde. They were icy and remote. They were imprisoned in costumes that subtly combined fashion with fetishism. Tippi Hedren war übrigens nicht die erste Blondine, die unter Hitchcock zu leiden hatte.

Ich könnte da noch Madeleine Carroll aus der Verfilmung von John Buchans Klassiker ↝The 39 Steps anbieten, die während der gesamten Dreharbeiten von Hitchcock als the Birmingham tart bezeichnet wurde. The very beautiful woman who just walks around, avoiding the furniture, wearing fluffy negligees, and looking very seductive may be an attractive ornament, but she does not help the film at all. 

I hate it when actresses try to be ladies and in doing so become cold and lifeless, and nothing gives me more pleasure than to knock the lady-likeness out of chorus girls. I don’t ask much of an actress and I have no wish for her to be able to play a whole list of character roles, but she must be a real human person. That is why I deliberately deprived Madeleine Carroll of her dignity and glamour in „The Thirty-Nine Steps,“ and I did exactly the same thing in „Secret Agent.“ In this last film, the first shot you saw of her was with her face covered with cold cream!  Was er zu sagen vergisst ist, dass er durch die beiden Filme mit der Birmingham tart weltberühmt wurde.

 

Zu Frauenschicksalen in Hollywood lesen Sie auch: Vera MilesVeronica Lake, Nymphos, Dorothy Malone, Gilda, Operation MincemeatBond Girls und Exotik

Hundert

Das habe ich selten in meinem Blog, dass ich jemandem zum hundertsten Geburtstag gratulieren kann, aber ich hatte es ja schon in dem Post ➱La Périchole gesagt, dass Suzy Delair am 31. Dezember ihren 100. Geburtstag feiert. Suzy Delair war Schauspielerin (hier mit Louis Jouvet in ➱Copie Conforme), Tänzerin und Sängerin. Man hat sie einmal eine zweite Mistinguette genannt. Neben den Chansons hat sie gerne Offenbach gesungen, für ihre CD Suzy Delair chante Offenbach hat sie den Grand prix du disque bekommen.

Durch Henri-George Clouzot, mit dem sie in den vierziger Jahren zusammenlebte, hat sie den Einstieg in die Welt des Filmes bekommen.  ➱L’Assassin Habite au 21 war ihr ersten großer Erfolg, Quai des Orfèvres der zweite. Sie ist keine großartige Schauspielerin, aber sie ist überall dabei. Hier 1960 in Luchino Viscontis Rocco und seine Brüder, wenig später ist sie die Gattin von Louis de Funès in den ➱ Abenteuern des Rabbi Jacob. Als sie mit Clouzot zusammenlebt, wird sie wie er einen kleinen Karriereknick haben, Clouzot hat nichts gegen die Nazis, Suzy Delair schwärmt für sie. Beide werden nach 1945 ein Berufsverbot bekommen. Aber sie werden Paris nicht verlassen müssen wie die Nazitussi ➱Coco Chanel. Später hat sie ➱Le temps des cerises gesungen, was bei ihrer Vergangenheit erstaunlich ist. Denn das ist ein Lied der Revolution, das hat nichts mit Nazis zu tun. Ja, und heute ist es eine Modemarke, die man bei Zalando kaufen kann. Man kann alles banalisieren.

Auf dem Photo im Absatz oben hat sie mit Kleidung zu tun, auf diesem Photo auch. Da spielt sie neben Fernandel in Le couturier de ces dames. Im wirklichen Leben hatte sie auch einmal mit der ➱Damenmode zu tun: sie hat Hutmacherin gelernt. Nicht bei irgendeiner Firma, bei der berühmten Suzanne Talbot, deren Name heute noch auf Parfümflacons steht. Und die Lehrlinge hatte, die noch berühmter wurden als Suzy Delair: Lilly Daché und Jeanne Lanvin. Jedes Museum der Welt ist stolz darauf, einen Hut oder ein Kleid von Suzanne Talbot zu besitzen, dafür hat die Designerin aber keinen Wikipedia Artikel.

Zu ihrem neunzigsten Geburtstag kam Alain Delon vorbei, mit dem hatte sie in Rocco und seine Brüder gespielt. Heute kommen sicherlich auch viele Gäste. Und man wird im Radio ihren Song ➱Avec son tra la la spielen. Den hatte sie in Quai des Orfèvres gesungen, er war zu ihrem Markenzeichen geworden: Avec son tra-la-la Son petit tra-la-la Elle faisait tourner toutes les têtes D’un coup de tra-la-la Elle faisait tra-la-la Et chacun rêvait d’être dans ses bras. Wir wollen nicht mit dem tra-la-la aufhören, wir lassen Suzy Delair noch einmal die schöne kleine ➱Arie aus La Périchole singen.

Ich wünsche all meinen Lesern ein schönes neues Jahr, mögen Ihre Träume und Wünsche in Erfüllung gehen. Und falls Sie auf der Suche nach guten Vorsätzen sind: Es gibt immer ein Stückchen Welt, das man verbessern kann – sich selbst. Hat ➱Gabriel Marcel gesagt, wo er recht hat, hat er recht.

Mademoiselle chante le blues

Wenn Ihnen der Titel nichts sagt, dann müssen Sie mal eben dies hier anklicken. Das ist natürlich Patricia Kaas, die da singt. Sie hat heute Geburtstag. Da möchte ich doch ganz herzlich gratulieren. Seit Jahren will ich einen Post zu Patricia Kaas schreiben, bin aber irgendwie nie dazu gekommen. Dabei hatte ich mir schon die CDs herausgelegt. Jetzt weiß ich nicht mehr, wo die sind. Wenn ich mal einen langen Patricia Kaas Post schreibe, dann finde ich die wieder. Heute wird das nur ein kleiner Geburtstagsgruß. Wir hören mal eben in ihr ➱If You Go Away hinein. Was natürlich nichts anderes als ➱Jacques Brels Ne me quitte pas ist.

Patricia Kaas ist mit ➱Et s’il fallait le faire beim Grand Prix d’Eurovision aufgetreten, aber das hätte sie lieber lassen sollen. Es gab immerhin einen achten Platz. Ihre erste Platte ➱Jalouse war ein Flop, heute ist sie ein Star. Nicht nur in Saarbrücken, wo sie als Teenie in jedem Club sang. Sie ist kein Star wie Taylor Swift, kein Star, der aus der Retorte kommt. Und sie ist auch nicht wie Taylor Swift eine Göttin der Rechtsradikalen, ➱Camille Paglia hat die ein widerliches Nazi-Barbie genannt. Gérard Depardieu hat Patricia Kaas entdeckt, mit ➱Alain Delon telephoniert sie gerne. Der Film war immer nahe, sie hat das Titellied zu ➱Les Misérables gesungen, und ➱Bertrand Tavernier gebrauchte ihr Lied ➱Il me dit que je suis belle für einen seiner Filme.

Es hat bis zum Jahre 2001 gedauert, bis ➱Claude Lelouch sie überredete, einmal als Schauspielerin in einem richtigen Kinofilm mitzuspielen. Wenige Jahre zuvor hatte er dem Industriellen Bernard Tapie die Hauptrolle in dem Film ➱Männer und Frauen, eine Gebrauchsanleitung (ein Film, den ich schon in den Posts ➱Claude Lelouch, ➱Michel Piccoli und ➱Maja Maranow erwähnt habe) gegeben. Das Experiment ging auf, das Experiment mit Patricia Kaas auch. Sie können Sie ➱hier hören und sehen. Und Dieter Wunderlich weiß auf seiner Seite noch mehr über ➱And Now … Ladies & Gentlemen.

Sie ist Französin, aber sie ist auch ein bisschen ➱deutsch, weil ihr Mutter eine Deutsche ist: Meine Mutter war Deutsche, mein Vater Franzose. Ich bin also halb und halb. Ich scherze immer und sage: Ich habe die besseren Hälften von beiden. Ich wurde auch zu einem deutschen Charakter erzogen. Ich sage nur: Disziplin. Ich bin gerne in Deutschland, liebe das deutsche Essen, wie es meine Mutter gekocht hat. Wenn ich in Deutschland bin, gehe ich auch nie in Haute-Cuisine-Restaurants. Da will ich immer Hausmannskost: Kartoffelsalat, Knödel und Rotkraut. Das ist für mich ein Stück Heimat. Das ist wie Weihnachten. Das hat in meiner Kindheit auch immer anders gerochen als heute. Die Franzosen wussten stets, wo ich herkomme, aus einem Winkel zwischen zwei Ländern, wo eben jeder zwei Gesichter hat. 

Französisch hat sie erst in der Schule gelernt, jetzt kann sie es, wie ➱La langue que je parle zeigt. Ich vermute, dass die Patricia Kaas CDs irgendwo in dem CD Turm stecken, wo all die ➱Jazz Singers sind. Ich habe nicht wirklich gesucht. Weil ich eine alte TDK Cassette habe, sozusagen Best Of, ein Geschenk einer Studentin, das ich in meinem Postfach in der Uni fand. Habe ich in meiner Schreibtischschublade, die finde ich immer.

Claude Lelouch

Der französische Filmregisseur ➱Claude Lelouch wird heute achtzig, dazu möchte ich ganz herzlich gratulieren. Ich mag nicht alle seine Filme, habe auch nicht alle gesehen. Bei ➱Truffaut ist das anders, seine Filme habe ich beinahe vollständig auf DVDs. Die von ➱Eric Rohmer auch. Von Claude Lelouch habe ich nur drei DVDs, aber das sind Filme, die ich wirklich mag. Ich könnte über mehr Filme schreiben, aber ich möchte heute mal einen kurzen Post schreiben.

Les Gauloises bleues gehört nicht zu den Filmen, die ich mag. Der sollte 1968 in Cannes gezeigt werden, aber wegen der Mai-Unruhen kam es nicht dazu. Die Mai-Unruhen kommen hier in den Posts ➱Henri Langlois und ➱Mai-Unruhen vor. Aber bei Les Gauloises bleues hat Lelouch nicht die Regie geführt, er hat den Film nur produziert. Er hätte die Finger davon lassen sollen, der Film war ein Flop, trotz der hübschen Annie Girardot, mit der Lelouch eine Affäre hatte. Die dreht im nächsten Jahr noch mit ihm Der Mann, der mir gefällt. Und die danach noch in zwei von Filmen von Lelouch (Weggehen und wiederkommen und Les Misérables) mitspielte, da war Lelouch schon zum dritten Mal verheiratet.

In Form und Inhalt schöner französischer Unterhaltungsfilm, der sich liebevoll den Menschen und ihren Bemühungen um Überwindung leidvoller Erfahrungen zuwendet. Auch für anspruchsvolle Besucher sehenswert, verständlich erst ab 18, schrieb der Evangelische Filmbeobachter über Ein Mann und eine Frau. Würden die heute so etwas noch schreiben? Kein Wort über die Filmmusik, ohne die der Film nichts wäre. Die Musik ist von Francis Lai, der in seiner Jugend Edith Piaf auf dem Akkordeon begleitete und später Chansons für alle Berühmtheiten (auch für ➱Juliette Gréco) schrieb.

Und dann komponierte er noch die Filmmusik für Filme wie Love Story (dafür bekam er einen Oscar) und ➱Bilitis (wenn Sie das anklicken, landen Sie in einer Art Softporno Post, der mir aber schon über 20.000 Leser beschert hat). Und natürlich für Ein Mann und eine Frau. Wir müssen noch Nicole Croisille erwähnen. Das ist die Frau, die so wunderbar das ➱da ba da ba da sang, Lelouch hatte sie in einer Bar gefunden, die kannte vorher niemand. Es war, was man heute kaum glauben kann, ein low budget Film, gedreht mit einer alten Handkamera, die einen Höllenlärm machte: Un film d’amateurs. Tout le monde mettait la main à la pâte. Il a été tourné dans un état de grâce, hat ➱Trintignant über die ➱Dreharbeiten gesagt.

Der Film bekam die Goldene Palme, zwei Golden Globes, zwei Oscars (für den besten fremdsprachigen Film und das beste Originaldrehbuch). Es ist sicher der erfolgreichste Film von Lelouch, man kann ihn auch nach einem halben Jahrhundert mit Vergnügen anschauen. Zwanzig Jahre später hat Lelouch noch Ein Mann und eine Frau – Zwanzig Jahre später gedreht. Das musste er wohl tun, weil er einmal gesagt sagt, dass er es bedaure, dass die Geschichten, die er in einem Film erzähle, irgendwann aufhören müssten. Er selbst hat nie aufhören können, Filme zu machen und Geschichten zu erzählen. Nichts konnte ihn aufhalten. Nach seinem ersten Film, den er selbst finanziert hatte, war er pleite. Nach C’était un rendez-vous hatte er keinen Führerschein mehr.

Mein zweiter Lieblingsfilm ist ➱La Bonne Année aus dem Jahre 1973. Mit Lino Ventura und Françoise Fabian (hier mit Lelouch bei den Dreharbeiten). Falls Sie mal den Van Cleef & Arpels Laden in Cannes überfallen wollen, sollten Sie sich diesen Film unbedingt vorher ansehen. ➱Lino Ventura ist wieder in Hochform, Françoise Fabian sowieso. La Bonne Année ist wie Ein Mann und eine Frau durchzogen von einer leisen Wehmut, einer Nostalgie, die den schönen Kitsch, den mein Freund Georg ➱das französische Sabbelkino getauft hat, erträglich macht.

Mein dritter Film heißt Männer und Frauen, eine Gebrauchsanleitung, ich habe den Film schon in den Posts ➱Michel Piccoli und ➱Maja Maranow erwähnt. Es ist, wenn man so will, wieder die gleiche Geschichte, die Lelouch in seinem Kino der Gefühle und Emotionen erzählt. Das hat er selbst gesagt, dass er in seinem Leben nur eine einzige Geschichte erzählt, die aber 35 Mal.

Und das ist sicher auch die Geschichte von dieser wahnwitzigen Autofahrt durch Paris. Auch da gibt es ein Happy Ending. Da sehen wir in dem Kurzfilm, der keine neun Minuten lang ist, kurz eine Frau. Den Film gucke ich jede Woche einmal an. Weil er mich an die Nacht und den Morgen in Paris im➱Sommer 1959 erinnert. Der Film heißt ➱C’était un rendez-vous, er ist in diesem Blog immer wieder erwähnt worden. Ich habe ihn schon so häufig gesehen, dass der Film manchmal in meinen Träumen vorkommt. Manchmal sind auch Anouk Aimée und Françoise Fabian mit mir im Auto.

Comme nos voix ba da ba da da da da da da
Chantent tout bas ba da ba da da da da da da
Nos cœurs y voient ba da ba da da da da da da
Comme une chance comme un espoir
Comme nos voix ba da ba da da da da da da
Nos cœurs y croient ba da ba da da da da da da
Encore une fois ba da ba da da da da da da
Tout recommence, la vie repart

Combien de joies
Bien des drames
Et voilà !
C’est une longue histoire
Un homme
Une femme
Ont forgé la trame du hasard.

Comme nos voix
Nos cœurs y voient
Encore une fois

Comme une chance
Comme un espoir.

Comme nos voix
Nos cœurs en joie
On fait le choix
D’une romance
Qui passait là.

Chance qui passait là
Chance pour toi et moi ba da ba da da da da da da
Toi et moi ba da ba da da da da da da
Toi et Toi et moi.

Noch mehr französisches Kino in den Posts: ➱Waltz into Darkness, ➱Spielregeln, ➱Jacqueline Bisset, ➱Et Dieu… créa la femme, ➱Fanny Ardant, ➱Mireille Darc, ➱Katharine Ross, ➱Arletty, ➱Uschi Glas, ➱François Truffaut, ➱Bertrand Tavernier, ➱Fahrstuhl zum Schafott, ➱Alain Resnais, ➱Mai-Unruhen, ➱Henri Langlois, ➱Bourgeoisie, ➱Roman Polanski, ➱Michel Legrand, ➱Jacques Tourneur, ➱Ma Nuit Chez Maud, ➱La vie de chateau, ➱temps perdu, ➱Lastkraftwagen, ➱Aimez-vous Brahms?, ➱Bonnie und Clyde, ➱Robbe-Grillet, ➱Yves Montand, ➱Jean Gabin, ➱Lino Ventura, ➱Jean Desailly, ➱Jean-Louis Trintignant, ➱Michel PiccoliMundharmonika, ➱Menschen am Sonntag, ➱Fantasy, ➱Blazer, ➱Raffaele Caruso, ➱Kulturwandel, ➱Paris, ➱Paris, Sommer 1959, ➱Sabbelkino, ➱Piloten, ➱Ray Bradbury, ➱Jacques Tourneur, ➱Angie Dickinson, ➱Steve Cochran, ➱Two-Lane Blacktop,

Prequel

ZDF_neo setzt auf englische Krimiserien. Die man auch unendlich wiederholen kann. Wie zum Beispiel ➱Inspector Barnaby. Oder ➱Inspector LewisVera, Inspector Banks etc. Oder, auf einem niedrigerem Niveau, aber ganz vergnüglich, Agatha Raisin. Jetzt hat man etwas neues, nämlich ein sogenanntes Prequel. Eine Serie die ➱Der junge Inspektor Morse heißt. Heißt im Original Endeavour und hat hier schon einen Post. Und wir haben zu der Serie ein Sequel, das Lewis heißt. Aber der Mittelteil fehlt uns, eine Serie, die es hier nie zu sehen gab (außer mal in der DDR), doch das macht offenbar nichts.

Der fehlende Mittelteil ist selbstverständlich die Serie Morse (die ➱hier natürlich schon einen Post hat), eine der besten englischen Krimiserien. 33 Folgen, je zwei Stunden lang (ohne die Werbung 100 Minuten). Die Serie lief von 1987 bis zum Jahre 2000. Überall in der Welt, nur nicht – wie gesagt – bei uns. Die Serie basiert auf den Romanen von Colin Dexter, der es sich nicht nehmen ließ, in dreißig Folgen einen kleinen Cameo Auftritt zu haben.

Auch bei den ➱Lewis Filmen war er gelegentlich zu sehen (im Prequel ➱Endeavour auch). Und die Drehbuchautoren von Prequel und Sequel, die sich aus den Romanen von Colin Dexter bedienten, konnten ständig mit ihm zusammenarbeiten. Jetzt sind sie auf sich alleingestellt, denn im März ist Colin Dexter (hier auf dem Bild neben seinen beiden Detektiven) im Alter von 86 Jahren gestorben. Alle Folgen von Inspector Morse (18 DVDs) bekommt man für 43,90. Nur in englischer Sprache, aber es gibt englische Untertitel.

Und das ist immer besser als eine schlechte Synchronisation. Wie die von dem Pilotfilm von Endeavour, der am Sonntag gesendet wurde. Das hier ist Roger Allam als Detective Inspector Fred Thursday, der dem jungen Detective Constable Morse eine Art väterlicher Freund ist. Roger Allam ist ein berühmter englischer Schauspieler, der seinen Ruhm dem Theater verdankt. In diesem Punkt unterscheiden sich englische Krimiserien von deutschen. Viele berühmte englische Schauspieler finden es nicht unter ihrer Würde, in einer Krimiserie mitzuspielen.

Roger Allam war letztens hier im Fernsehen in dem Dreiteiler The Politician’s Husband (Der Mann an ihrer Seite) zu sehen. Da spielte er Marcus Brock, den Chief Whip des House of Commons. Und er sagte in einer Szene, wörtlich bekomme ich das nicht mehr zusammen: Wenn wir fünfzig Prozent der Zeit, die wir auf unsere Whitehall Intrigen verwenden, auf die Lösung von Problemen verwenden würden, könnten wir etwas erreichen. Darüber könnte man einmal nachdenken. Roger Allam hat eine klar erkennbare sonore Stimme, die seinem Inspector Fred Thursday Autorität verleiht. Leider nicht in der deutschen Fassung, da ist die Stimme des  deutschen Synchronsprechers eine Fehlbesetzung.

In dem Pilotfilm von Endeavour findet sich auch der Schauspieler Danny Webb. Hier können wir ihn in dem Film Churchill als General Alan Brooke sehen, die Rolle hat er wahrscheinlich bekommen, weil er dem General sehr ähnlich sieht. Man konnte ihn am Montag in der Barnaby Folge Dance with the Dead sehen. Er ist ein sehr versatiler Schauspieler, der auch in dem Pilotfilm zu ➱Lewis eine Rolle hatte.

In Der junge Inspektor Morse spielt er den Detective Sergeant Arthur Lott, einen Mann, der keine Zierde für die Polizei ist. Inspector Thursday hat ihn gerade gefeuert, er ist versetzt worden. Und hat da noch auf dem Flur eine kleine Hassrede für den jungen Morse übrig: Flunked out again, have you … college? I read your file, boy. Three years Lonsdale. Threw the towel in before your finals. That’s the trouble with you poshos, no gumption. First sign of bother, it’s off back home to mummy, tail between. Mm, no hard feelings. You’ve done me a favour. Pastures new. Vice in the smoke. And you on the slow boat to China. 

Was redet der Sergeant da? Er hat die Personalakte von Morse gelesen, weiß, dass der ohne Examen die Uni verlassen hat. Aber vice in the smoke? Er ist zur Sittenpolizei (vice) nach London versetzt worden. Ein Slang Dictionary belehrt uns, dass London the smoke ist. Die Gründe liegen auf der Hand. Mir begegnete dieses smoke vor Jahrzehnten zum ersten Mal, als ich Marjorie Allinghams The Tiger in the Smoke las. London war schon im 19. Jahrhundert die Stadt von Qualm und Rauch.

Wenn Wordsworth in seinem Gedicht ➱Composed upon Westminster Bridge von der smokeless air spricht, dann hat er wohl den einzigen Tag des Jahres erwischt, wo es keinen Smog gab (lesen Sie mehr in ➱Touristen). Slowboat to China ist ein Song, das ist nicht so schwer. Sogar Miss Piggy hat ihn gesungen. Und was ist mit den pastures new? Das ist John Milton, die letzte Zeile von Lycidas. Gut, das ist inzwischen sprichwörtlich geworden, aber es bleibt Milton. Der Drehbuchautor Russell Lewis, der auch mehrere Folgen von Lewis geschrieben hat, hat da eine Menge Bildung in sein Drehbuch gepackt. Was natürlich alles in der deutschen Übersetzung verlorengeht.

Was schlimm ist Wenn man kein Englisch kann, von einem guten Kriminalroman zu hören, der nicht ins Deutsche übersetzt ist, dichtete einst ➱Gottfried Benn. Man müsste mehr Geld in die Hand nehmen und bessere Übersetzer bezahlen, wenn man gute englische Serien adäquat ins Deutsche bringen will. Und man brauchte auch etwas mehr Intelligenz in den Rundfunkanstalten. Lutz Marmor verdient beim NDR beinahe 300.000 Euro, ich weiß nicht wofür. Beim ZDF werden die Intendanten nicht viel weniger bekommen. Der Herr, der sich hier mit Inspector Thursday unterhält, heißt John Light. Er spielt einen englischen Geheimagenten namens Dempsey, der auf einen Minister aufpassen soll. Er sieht ein wenig so aus wie Michael Caine in Ipcress, das ist wohl so beabsichtigt.

Der Minister Sir Richard Lovell (süffisant arrogant gespielt von Patrick Malahide) nimmt an Sexparties mit Minderjährigen teil, die Analogie zu dem Christine Keeler Skandal (der ➱hier einen langen Post hat) liegt auf der Hand. Zumal Patrick Malahide eine gewisse Ähnlichkeit mit John Profumo hat. Und es wird auch direkt auf den Christine Keeler Skandal angespielt, wenn der Geheimagent im Gespräch mit DI Thursday sagt: We’re still going round with a dustpan and brush after Cliveden. Am Ende bringt der MI5 Agent Dempsey dem Minister ein Rücktrittsgesuch zur Unterschrift.

Als der Minister sich weigert und den Premierminister Wilson anrufen will (We’ll see what Harold has to say about this), unterbricht Dempsey die Verbindung mit seiner Pistole. Und sagt dem Minister, für den das alles nur ein harmless bit of fun ist: This is what he has to say about it. There’s two ways out. This one or do I have to get blood on my shoes?

Was schlimm ist Wenn man kein Englisch kann, von einem guten Kriminalroman zu hören, der nicht ins Deutsche übersetzt ist. Was noch schlimmer ist, wenn aus einem guten Film wichtige Szenen herausgeschnitten werden. Ich habe diese Szene mit dem Minister und dem Geheimagenten mit ihren kulturellen und historischen Konnotationen etwas ausführlicher besprochen, weil sie in der am Sonntag gesendeten Fassung fehlte. Der Film war zu lang, und um 20.15 mussten Frau Merkel und Herr Schulz sprechen. Da hätte man lieber noch eine Folge von Der junge Inspektor Morse senden sollen. Oder einen alten ➱Wallace. Oder vier Agatha Raisin. Oder die Neujahrsansprache von Helmuth Kohl 1986. Schlimmer als das sogenannte Duell konnte nichts sein.

Das Skript zum Pilotfilm von Endeavour finden Sie ➱hier. Noch mehr zu englischen Krimiserien in den Posts: Englische Krimiserien, Endeavour, Kreuzworträtsel, Inspector Lewis, Inspector Barnaby und die Mode, Inspector Gently und Janker.

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