Billabonne du so süß, Banjo

Von magischer, unwirklicher Schönheit war diese Delphine Seyrig, die Alain Resnais in einem Off-Broadway Theater in New York entdeckt hatte. Unvergesslich ihr erster Auftritt am Drehort von ‚Letztes Jahr in Marienbad‘: in einen Burberry gehüllt, einen Schal über der dreißiger Jahre Frisur, tauchte sie hinter einer der Marmorsäulen in der Halle des Schlosses Schleißheim auf und begrüßte uns mit einem geistesabwesendem Lächeln. Ein Wesen von einem anderen Stern – auf der Leinwand wie im Leben. Das schreibt Volker Schlöndorff auf seiner Internetseite. Dem kann ich nur beipflichten, wegen Delphine Seyrig habe ich ✺Letztes Jahr in Marienbad damals zweimal gesehen.

In Truffauts Film ✺Geraubte Küsse wird Antoine Doinel über sie sagen: Ce n’est pas une femme, c’est une apparition. Und das ist sie gewesen, zu einer apparition haben Resnais und Truffaut sie stilisiert. Sie war aber auch in ganz anderen Filmen zu sehen: in Joseph Loseys  ✺Accident an der Seite von Dirk Bogarde oder in dem Spionagethriller ✺The Black Windmill mit Michael Caine, wo sie für eine Minute nackt zu sehen ist.

In dem Glas, das sie hier zu ihren Lippen führt, ist wahrscheinlich Blut. Wir sind hier in einem Vampirfilm. Nicht nur in einem Vampirfilm, sondern auch noch in einem lesbischen Vampirfilm. So etwas war im Fantasy Genre in den siebziger Jahren schick. Der Film heißt ✺Daughters of Darkness (der deutsche Titel war Blut an den Lippen). Die Professorin Camille Paglia, die in engen Lederklamotten mit dem Motorrad zu ihren Vorlesungen kam, fand den Film interessant: A classy genre of vampire film follows a style I call psychological high Gothic. It begins in Coleridge’s medieval ‚Christabel‘ and its descendants, Poe’s ‚Ligeia‘ and James‘ ‚The Turn of the Screw‘. A good example is‘ Daughters of Darkness‘, starring Delphine Seyrig as an elegant lesbian vampire. High gothic is abstract and ceremonious. Evil has become world-weary, hierarchical glamour. There is no bestiality. The theme is eroticized western power, the burden of history. 

Sie können alle erwähnten Filme anklicken und zumLaufen bringen. Ich habe aber auch noch eine kleine filmische Sensation. Denn die junge Delphine Seyrig ist 1959 in einem schrägen kleinen ✺Film von Robert Frankzu sehen, zusammen mit der halben Beat Generation. Wie Jack KerouacAllen GinsbergGregory Corso und den Künstlern Larry Rivers und Alice Neel. Das brave Hausmütterchen in Pull My Daisywar ihre erste Filmrolle. Als ich gesehen hatte, dass heute der Geburtstag von Dephine Seyrig ist, suchte ich im Internet nach einem Gedicht. Warum hat noch niemand von den Franzosen über diese apparition ein Gedicht geschrieben? Aber dann sah ich, dass sie Je vous écris d’un pays lointain von Henri Michaux im Radio gelesen hatte, und ich dachte mir: warum nicht Michaux?

Ich nehme jetzt nicht Je vous écris d’un pays lointain, ich nehme das Gedicht Amours. Das habe ich hier auch in deutscher Sprache, übersetzt von niemand anderem als Paul Celan. Das Gedicht stammt aus dem ersten Gedichtband Les rêves et la jambe, 1923 in Antwerpen in einer Auflage von vierhundert nummerierten Exemplaren erschienen. Die Frau, die er in diesem Liebesgedicht bedichtet, war Gabrielle Friedrich, die Chefin des kleinen avantgardistischen Verlags Editions Kra. Er nennt sie hier Banjo, manchmal auch Banjo By. Als er berühmt war, wollte er nicht, dass seine frühen Dichtungen erwähnt wurden. Paul Celan, der ihn übersetzt hat, war mit ihm befreundet, er hatte Mühe ihn zu überreden, dass er Amours übersetzen durfte. Michaux scheute die Öffentlichkeit, nur Gisèle Freund hat ihn einmal photographieren dürfen.

Amouren
Du, die ich nirgendwo zu erreichen weiß und die du
dieses Buch
hier nicht lesen wirst,
die du stets ins Gericht gegangen bist mit den
Schriftstellern,
den kleinen, kleinlichen, unwahren, eitlen Gesellen,
du, der Henri Michaux zu einem Eigennamen
worden ist,
in allem vielleicht wie die, die man in den Vermischten Notizen
liest, mit Alters- und Berufsangabe daneben,
du, die du in andrer Gesellschaft lebst, auf andern Flächen und
Feldern, anders umhaucht und umweht,
derenthalben ich mich jedoch überworfen hatte mit einer ganzen
Stadt, der Hauptstadt eines dichtbesiedelten Landes.
Und die du mir auch nicht ein einziges Haar zurückgelassen hast
beim Weggehn, sondern bloß die Empfehlung, deine Briefe
auch ja zu verbrennen –: bist nicht auch du jetzt zwischen vier
Wänden und ganz in Gedanken?
Sag, machts dir noch immer soviel Spaß, dir die schüchternen
jungen Männer zu angeln mit deinem samtenen Krankenhausblick?

Ich, ich habe noch immer denselben starren, verrückten Blick,
der irgend etwas Persönliches sucht,
irgendwas mir inmitten dieser unendlichen unsichtbar-
aaaaakompakten Materie Hinzuzufügendes,
das den Zwischenraum bildet zwischen den Körpern der als solcher
bezeichneten Materie.
Unterdessen habe ich mich aber einem neuen „Wir“ überantwortet.
Sie hat Lampenlicht-Augen wie du, sehr sanft, nur größer als die
deinen; eine dichtere, tiefere Stimme; und ein Schicksal, so
ziemlich dem deinen ähnlich in seinem Beginn und seinem Verlauf.
Sie hat… Sie hat-te!
Hab sie morgen nicht mehr, meine Freundin Banjo;
Banjo,
Banjo,
Bibolabange du so bang,
Bilabonne du so süß, Banjo,
Banjo,
Banjo so allein-allein, Banjelein,
Banjeby,
so lauter Liebe, Lie-,
hab deine kleinen Brüste verloren,
-loren,
und deine unsägliche Nähe.

Sie haben alle gelogen, meine Briefe, Banjo … und jetzt, jetzt geh
ich.
Hab eine Fahrkarte in der Hand: 17.084.
Königlich-Niederländische Schiffahrtsgesellschaft.
Man braucht nur der Fahrkarte zu folgen und kommt nach
Ecuador.
Fahrkarte und ich, morgen machen wir zwei uns auf den Weg,
den Weg nach Quito – der Stadt mit dem Reim auf „couteau“.
Mir wird ganz eng, sobald ich daran denk.
Und doch wird man mir sagen:
„Schön, dann soll sie eben mitfahren mit Ihnen.“
Ja gewiß doch, wir wollten ja nur ein kleines Wunder von euch da
da droben: ihr Haufen Müßiggänger, Götter, Erzengel, Erwählte,
Feen, Philosophen, und ihr, meine genialen Kumpane, die ich
so geliebt habe:
du, Ruysbroek, und du, Lautréamont,
der du dich nicht für dreimal Null hieltst; ein ganz kleines
Wunder, ja das wars, was wir von euch haben wollten, für Banjo
und für mich.

Tiger im Regen

Vor drei Tagen ist die Schauspielerin Angelica Domröse achtzig Jahre alt geworden, sie war neben Jutta Hoffmann (die hier vor Wochen schon einen Post hatte) die berühmteste Schauspielerin der DDR. 1970 war sie in Wolfgang Luderers ✺Effi Briest die Effi, aber noch berühmter wurde sie drei Jahre später als Paula in dem Kultfilm Die Legende von Paul und Paula. Den hat der MDR als kleines Geburtstagsgeschenk am Sonntag gezeigt. Er ist noch vier Wochen hier in der ✺Mediathek (ansonsten können Sie ihn ✺hier sehen). Ihrer Autobiographie Ich fang mich selbst ein hat Angelica Domröse das Gedicht Trauriger Tag von Sarah Kirsch aus deren erstem Lyrikband Landaufenthalt vorangestellt; und das soll heute mein Gedicht des Tages sein:

Ich bin ein Tiger im Regen
Wasser scheitelt mir das Fell
Tropfen tropfen in die Augen

Ich schlurfe langsam, schleudre die Pfoten
Die Friedrichstraße entlang
Und bin im Regen abgebrannt

Ich hau mich durch Autos bei Rot
Geh ins Café um Magenbitter
Freß die Kapelle und schaukle fort

Ich brülle am Alex den Regen scharf
Das Hochhaus wird nass, verliert seinen Gürtel
(ich knurre: man tut was man kann)

Aber es regnet den siebten Tag
Da bin ich bös bis in die Wimpern

Ich fauche mir die Straße leer
Und setz mich unter ehrliche Möwen

Die sehen alle nach links in die Spree

Und wenn ich gewaltiger Tiger heule
Verstehn sie: ich meine es müsste hier
Noch andere Tiger geben.

deux histoires d’amour

Ein Franzose liebt eine Amerikanerin, eine Französin liebt einen Deutschen. Der Franzose und die Französin, die gleich alt sind und beide aus dem banlieu Courbevoie kommen, haben sich irgendwann kennengelernt. Er ist Schriftsteller, sie ist Schauspielerin. Er wird früh sterben, sie wird ihn um dreißig Jahre überleben. Als sie eines Tages seine Biographie liest, wird sie enttäuscht sagen: C’est une toute petite vie! Wir lassen die Amerikanerin und den Deutschen mal einen Augenblick weg und bleiben bei diesen beiden Personen auf dem Photo, es sind Louis Ferdinand Céline und Arletty. Sie haben beide schon einen Post in diesem Blog.

Auf diesem Photo sehen wir Arletty mit dem Schauspieler Michel Simon, mit dem sie viele Filme drehte, Céline ist im Hintergrund. Das Photo ist bei den Aufnahmen für eine Schallplatte entstanden, auf der Simon und Arletty aus den Werken von Céline lesen. Die Tonaufnahme gibt es immer noch auf CD (Sie können etwas davon ✺hier hören). Nicht auf dem Bild ist der dritte Rezitator Pierre Brasseur, der neben Arletty die Hauptrolle in ✺Les enfants du Paradis spielte. 


Als ich den Post Les enfants du Paradis schrieb, hatte ich gerade das Buch Arletty: Si mon coeur est français von David Alliot gelesen, und da kam Céline wieder vor. Was kein Wunder ist, denn der Schriftsteller David Alliot ist wahrscheinlich einer der wichtigsten französischen Céline Spezialisten. Ich merkte, dass ich zu wenig über das Leben von Céline wusste; ich hatte Voyage au bout de la nuit gelesen, einmal im Original und einmal in der neuen Übersetzung von Hinrich Schmidt-HenkelVon einem Schloss zum andern habe ich auch gelesen. Und ich wusste, was Ernst Jünger in Strahlungen über ihn gesagt hat, ich hatte ja mal eine Ernst Jünger Phase. Da schreibt Jünger über den Judenhasser Céline: Es war mir lehrreich ihn derart zwei Stunden wüten zu hören, weil die ungeheure Stärke des Nihilismus mir an ihm einleuchtete. Solche Menschen hören nur eine Melodie, doch diese ungemein eindringlich. Sie gleichen eisernen Maschinen, die ihren Weg verfolgen, bis man sie zerbricht. Merkwürdig, wenn solche Geister von der Wissenschaft, etwa von der Biologie, sprechen. Sie wenden sie wie die Menschen der Steinzeit an; es wird ihnen ein reines Mittel, andere zu töten, daraus.

Ich kaufte mir bei ebay für wenig Geld den Band der rowohlts monographien von Ulf Geyersbach über Céline. Auf die Reihe schwöre ich, ich habe in Jahrzehnten mehr als einen Regalmeter der Rowohlt Bände gesammelt. Aber dies ist ein seltsames Buch. Das fängt damit an, dass der Verfasser den rotzfrechen Stil von Céline zu imitieren versucht, das wird mit der Zeit bei der Lektüre ein wenig lästig. Ein Rezensent schrieb bei Amazon: Wollen Sie eine Biographie lesen, in der Sätze stehen wie: ‚An einen Gott zu glauben, wird sich der Katholik bald abgewöhnen.‘ Oder ‚Kurze Zeit später ist der Teilinvalide wieder obenauf‘; eine Biographie, die die zahlreichen Affären des Schriftstellers damit begründet, er sei ein ‚Frauenvernascher‘ gewesen, der einen ‚durchtrainierten *rsch‘ bevorzugt? Dennoch findet sich in dieser einzigen deutschen Biographie zu Céline Substantielles zum Leben des Autors (Photos inklusive), es wäre allerdings wahrscheinlich besser gewesen, wenn ich die englische Biographie von Nicholas Hewitt gekauft hätte. 

Über die Freundschaft von Arletty und Céline steht bei Ulf Geyersbach, der sich jetzt von der Literaturwissenschaft verabschiedet hat und Dielenmöbelherstellt, überhaupt nichts. Die Schauspielerin wird nur ein einziges Mal erwähnt. Dabei hatte sie durchaus etwas zu Céline zu sagen, wie man diesem Interview auf der intereessanten Seite Le Petit Célinien entnehmen kann. Hier sehen wir Arletty und Céline 1954 mit Célines Papagei Toto, dem er Sprechen und Singen beigebracht hat. Er hätte ihn auch Flaubert nennen können. Henri Godard (der zweite wichtige französische Céline Spezialist) hat gesagt, dass es bei Célines Aufwand, seine Manuskripte zu bearbeiten, nur einen Autor geben könne, mit dem man ihn vergleichen könne. Und das sei Gustave Flaubert.

Man findet in dem Buch von Geyersbach auch leider keine klare Haltung zu Célines krankhaftem Antisemitismus. Nicolas Sarkozy, der Céline als seinen Lieblingsdichter bezeichnet hat, soll einmal gesagt haben: Man kann Céline lieben, ohne Antisemit zu sein, so wie man Proust lesen kann, ohne homosexuell zu werden. Aber den kleinen Sarkozylassen wir mal weg, der sitzt gerade seine Strafe ab. Strafe absitzen musste auch Céline, fünf Jahre lang in Dänemark, wohin er bei Kriegsende geflohen war. Als das Todesurteil in Frankreich gegen ihn aufgehoben wurde, kehrte er nach Paris zurück. Geyersbach wäre gut beraten gewesen, wenn er in seine Biographie etwas mehr von dem aufgenommen hätte, was in dem Buch Auf der richtigen Seite stehenvon Hanns Grössel steht.

Wenn Ulf Geyersbach die Arletty schon auslässt, diese junge Dame muss er natürlich erwähnen. Es ist die amerikanische Tänzerin Elizabeth Craig, und damit bin ich bei der ersten der beiden Liebesgeschichten, die der Titel heute verspricht. Sie hat sieben Jahre mit Céline zusammengelebt, sie war seine Muse, ihr hat er Voyage au bout de la nuit gewidmet. Er liebte die Frauen, aber so war er eben! Er dachte, die Frauen besäßen etwas Spirituelles; er dachte, die weibliche Sensibilität könne dem Mann etwas Erhabenes vermitteln, hat Elizabeth Craig später über Céline gesagt. Und der hat später über sie gesagt: Es ist ein Phantom, aber ein Phantom, dem ich viel verdanke. – Was für ein Genius in dieser Frau! Ich wäre nichts gewesen, ohne sie. Was für ein Geist! Was für eine Finesse! Was für ein Pantheismus, – schmerzvoll und heiter zugleich. Was für eine Poesie! Was für ein Geheimnis! Sie begriff alles, bevor man nur ein Wort sagte. – Es gibt ja kaum Frauen, die nicht von Natur aus böse oder töricht sind, – dann aber sind sie Zauberinnen oder Feen… Die Zauberin wird den Schriftsteller 1933 verlassen, nach Amerika zurückkehren und heiraten. Und wird nichts von dem wissen, was später aus ihm geworden ist. Céline hatte sich mittlerweile mit der dänischen Tänzerin Karen Marie Jensen getröstet.

Hier sind der Schriftsteller und die amerikanische Tänzerinbeim Skilaufen in Chamonix, da war die Welt noch heil. Als sie ihn verlassen hat, hauste sie in einer Wolke von Alkohol, Tabak, Polizei und schäbigem Gangstertum, Céline muss immer übertreiben. In beinahe allem, was er über sich und sein Leben sagt, ist er wie Donald Trump: nichts davon ist wahr. Er war natürlich auch nie ein Nazi Kollaborateur. Wir wissen inzwischen eine ganze Menge über Elizabeth Craig, die 1989 im Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben ist, weil Jean Monnier, der Vorlesungen über französische Literatur an der Berkeley Universität hielt, sie in ganz Amerika gesucht hat. Und sie in der Gegend von Los Angeles in einem kleinen Kaff gefunden hat. Er wird sie interviewen und das Interview (von dem ein Teil bei ✺YouTube zu sehen ist) als Buch veröffentlichen: Armer Geliebter: Elizabeth Craig erzählt von Louis-Ferdinand Céline. Hier lernen wir einen ganze anderen Céline kennen, den Céline, bevor er das Ekel wurde. Es ist eine erstaunliche Geschichte. Immens lesenswert.

Man merkt diesem Photo nicht an, dass gerade Krieg ist. Die schöne Frau hier ist zehn Jahre älter als der Mann, dem sie immer wieder sagt, dass er ein schöner Mann sei: Ce jeune homme singulièrement beau et d’une parfaite indifférence devait bouleverser ma vie. Und jetzt sind wir bei Arletty und ihrem deutschen Oberstleutnant, der zweiten Liebesgeschichte des Titels dieses Posts. Er wollte sie heiraten, aber sie sagte, sie sei nicht für die Ehe geschaffen. Es wäre jetzt schön, wenn es ein wunderbares Buch über diese Liebe gibt. Es gibt eins, aber das kann man nicht empfehlen, es ist von Klaus Harpprecht, dem Journalissten, der einmal die Reden von Willy Brandt geschrieben hat. 

Der Fischer Verlag bewirbt das Buch Arletty und ihr deutscher Offizier mit den Sätzen Eine glamouröse deutsch-französische Geschichte von Liebe und Krieg, die Klaus Harpprecht mit großer Leidenschaft und Eleganz zu erzählen weiß. Dafür hat ein Rezensent bei Amazon nur die Sätze übrig: Schmonzes. Mir war lange nicht klar was dieser Ausdruck bedeutet? Jetzt weiß ich es. Genau, was dieses Buch ist. Ich gebe einmal eine Stilprobe, hier redet der Autor davon, dass er zum erstenmal sein Idol auf der Leinwand sieht: 

Die großen dunklen Augen, die am liebsten lachten und sich dennoch in Traurigkeiten verlieren konnten, die schimmernde Haut der Schultern und der Décolletés, das amüsierte Spiel ihrer Mundwinkel, wenn sie aus ihrer Loge die Freunde und Flirts aus den eigenen Jahren im Gewerbe der Schausteller beobachtete, die kleinen Gesten der Kameraderie, die gelassene Anmut, die natürliche Noblesse der Bewegungen dieser Courtisane hohen Ranges. Wenn das große Eleganz ist, dann ist es die Eleganz eines Lore-Romans. Harpprecht redet hier über die Garance in Les enfants du Paradis, was hätte er nur gesagt, wenn er diesen Film gesehen hätte?


Céline stirbt mit einundsechzig Jahren an einem Gehirnschlag in seiner Villa in Meudon, es gibt kein großes Presseecho, da gerade ein berühmterer Autor gestorben ist: Ernest Hemingway. Der ehemalige Oberstleutnant Hans-Jürgen Soehring, inzwischen deutscher Botschafter im Kongo, ertrinkt mit zweiundfünfzig Jahren beim Baden im Kongo. Arletty wird seine Frau und seine Kinder noch in Bad Godesberg besuchen und Brieffreundin der Witwe bleiben. Die Korrespondenz der beiden Liebenden, die sich Faune und Bichenennen, ist unter dem Titel Arletty Soehring: Hélas ! Je t’aime gerade herausgegeben worden. Elizabeth Craig wird siebenundachtzig Jahre alt werden, Arletty stirbt mit vierundneunzig Jahren, die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens war sie erblindet. Beide Frauen sind im Alter verarmt, aber sie nehmen das Leben mit Gleichmut. Niemand kann über ihr Leben sagen C‘ est une toute petite vie!

zwei Pferde

Also, so gut wie Mads Mikkelsen hat der Hans Kohlhase, der am 22. März 1540 in Berlin hingerichtet wurde, bestimmt nicht ausgesehen. Wir wissen auch nicht wirklich, wie er ausgesehen hat. In unseren Köpfen heißt er auch nicht Hans Kohlhase, sondern Michael Kohlhaas. Weil wir die Novelle von Heinrich von Kleist gelesen haben, in deren Verfllmung Mads Mikkelsen die Hauptrolle spielt. Es liegen einige hundert Jahre zwischen dem wirklichen Rebellen und Kleists Erzählung, und es liegen hunderte von Jahren zwischen Kleist und dem Film des französischen Regisseurs Arnaud des Pallières. Der Kohlhaas, dem man zwei Pferde gestohlen hat, und der daraufhin einen Krieg gegen die Obrigkeit anfängt, ist immer ein anderer:


An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.


Es gibt hier heute nicht viel. Es gibt einen Link zu dem ganzen Text, einen Link zu dem Post Kleist. Und den Film ✺Michael Kohlhaas habe ich auch. Von dem irritierend komischen Film ✺Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel habe ich leider nur den Trailer. Wäre schön, wenn es mehr wäre, denn die blonde ✺Rosalie Thomass sieht man immer wieder gerne.

An der Saale hellem Strande

Die Schauspielerin Jutta Hoffmann ist in diesem Monat achtzig Jahre alt geworden, wozu ich ihr, wenn auch mit Verspätung, herzlich gratulieren möchte. Wir konnten im Westen nicht so viel von ihr sehen. Aber dieses Bild, das aus dem Film ✺Karla stammt, das konnte man in der DDR auch nicht sehen. Weil der Film in seiner originalen Fassung erst 1990 ins Kino kam. Wenn Sie den Filmtitel anklicken, können Sie den Film noch einige Wochen in der Mediathek sehen. Der Film nach einem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf (der auch das Drehbuch für ✺Die Legende von Paul und Paula geschrieben hat) wurde 1965 gedreht, man ist heute beinahe erschrocken, wie gut und modern damals der deutsche Film sein konnte. Er wurde natürlich nicht wegen seiner künstlerischen Modernität verboten, sondern wegen des Inhalts. Denn es ist schon gefährlich, wenn die junge idealistische Lehrerin Karla ihren Schülern sagt: Vorausgesetzt, es hat einer eine eigene Ansicht und plappert nicht nur nach, dann ist es hier und heute geradezu verwerflich, mit der Wahrheit hinterm Berg zu halten. Alles andere ist feige, wenn nicht Heuchelei. Die Schüler in Storkow, die als ganze Abiturklasse 1957 in den Westen gingen, haben vielleicht auch solch eine Lehrerin gehabt.

Vor fünf Jahren ist Jutta Hoffmann von Studenten in Rostock zu dem Film interviewt worden. Sie können dieses ✺Filmgespräch hier sehen. Jutta Hoffmann hatte als Schauspielerin ihre große Zeit in den Filmen der DEFA. Lilli Palmer hat im Trailer zum DEFA Film ✺Lotte in Weimar 1975 gesagt: … denn ich hab ja schon einige DDR-Filme gesehen im westdeutschen Fernsehen – auch einen von Egon Günther – ich wusste also, dass in der DDR genauso gute Schauspieler sind wie drüben in Westdeutschland. Weiß nicht, wen ich da herausheben sollte – ich kann mir im Augenblick niemanden denken drüben, den ich mit der Jutta Hoffmann vergleichen könnte – in Können, Technik und der Jugend, die sie doch noch hat.

Als Jutta Hoffmann in den Westen kam, wurde sie mit Zadek im Theater berühmt. Aber auf der Leinwand waren die Rollen nicht mehr so gut. Bei uns bekommen Schauspielerinnen nur noch Rollen als Kommissarinnen, wenn sie über vierzig sind. Jutta Hoffmann war vier Jahre lang die Kommissarin Wanda Rosenbaum im ✺Polizeiruf 110, eine Rolle, die sie für sich selbst erfand, die, wie sie sagte, alle Tugenden und Schwächen hatte, die meine alten Figuren hatten

Der MDR hat zu ihrem Geburtstag den schönen Film von Lutz Pehnert ✺Die Fahrradfahrerin von Sanssouci: Jutta Hoffmann gezeigt, und ich dachte mir: mon dieu, was für eine Schauspielerin. Habe mir gleich den DVD Jubiläumspackbestellt, bei dem Klara auch dabei ist. Wie auch der Film ✺Das Versteck (nach einem Drehbuch von Jurek Becker), den rbb gerade ins Netz gestellt hat. In der MDR Dokumentation gibt es eine Stelle (die Szene stammt aus der Serie ✺Motzki), in der Jutta Hoffmann die erste Strophe von An der Saale hellem Strande singt. 


An der Saale hellem Strande
Stehen Burgen stolz und kühn.
Ihre Dächer sind gefallen,
Und der Wind streicht durch die Hallen,
Wolken ziehen drüber hin.


Wie lange hatte ich das nicht mehr gehört? Die erste Strophe kann ich immer noch. Als ich klein war, wurden deutsche Lieder in der Schule gesungen. Und bei uns in unserem ersten Auto, der blaue Opel Olympia hatte noch kein Radio.
Ich hatte das immer für ein Volkslied gehalten, aber das ist es nicht, es ist das wohl bekannteste Gedicht, das der Student Franz Theodor Kugler (der am 18. März 1858 starb) schrieb, bevor er seinen Doktortitel bekam und Professor für Kunstgeschichte wurde. Was er nicht blieb, er ging ins preußische Kultusminsterium: Er hatte sehr früh Karriere gemacht und war zu der Zeit, von der ich hier spreche, schon Vortragender Rat im Kultusministerium, wenn ich nicht irre als Nachfolger von Eichendorff. Immer artig, immer maßvoll, immer die Tragweite seiner Worte wägend, kam in seinem Wesen etwas spezifisch Geheimrätliches, etwas altfränkisches Goethisches zum Ausdruck, das dem Tunnel-Ton widersprach, schreibt Theodor Fontane in von Zwanzig bis DreißigDass Kugler Nachfolger von Eichendorff wurde (den er auch gezeichnet hat), ist natürlich interessant, denn viele Gedichte, auch An der Saale hellem Strande,haben ein wenig von Eichendorff an sich. Zum Beispiel dieses Ständchen aus dem Jahre 1827:


Der Mond steht über dem Berge,
So recht für verliebte Leut‘;
Im Garten rieselt ein Brunnen,
Sonst Stille weit und breit.

Neben der Mauer, im Schatten,
Da stehn der Studenten drei
Mit Flöt‘ und Geig‘ und Zither,
Und singen und spielen dabei.

Die Klänge schleichen der Schönsten
Sacht in den Traum hinein,
Sie schaut den blonden Geliebten
Und lispelt: Vergiß nicht mein.


Wenn man das mit Eichendorffs Gedicht Sehnsucht vergleicht, zu dem es hier einen langen Post gibt, dann muss man sagen: das ist Eichendorff für Arme. Nein, ein großer Dichter war Kugler nicht. Aber das Lied, das er nach einer Saale Wanderung in der Rudelsburg geschrieben hat, fand Eingang in alle Liederbücher. Es ist auch bei Ludwig Erk drin, der auf meinem Klavier liegt. Die Rudelsburg ist damals noch nicht der Treffpunkt der Verbindungsstudenten geworden, das kommt Jahre später. Dann wird der Marschendichter Hermann Almers schreiben:


Dort Saaleck, hier die Rudelsburg, 
und unten tief im Tale 
da rauschet zwischen Felsen durch 
die alte liebe Saale; 
und Berge hier und Berge dort 
zur Rechten und zur Linken – 
die Rudelsburg, das ist ein Ort 
zum Schwärmen und zum Trinken, 

Das wissen die Studenten auch 
in Jena und in Halle 
und trinken dort nach altem Brauch 
im Hof und auf dem Walle. 
Umringt von moosigem Gestein, 
wie klingen da die Lieder! 
Die Saale rauscht so freudig drein, 
die Berge hallen wider.

Kuglers Lied verbreitete sich sehr schnell in ganz Deutschland, man dichtete Strophen dazu, das Lied wurde variiert und parodiert. Schon 1840 war Kugler der Meinung, sein Lied sei schon gar sehr zersungen (lesen Sie mehr zur Rezeption auf der sehr guten Seite vom Liederlexikon). Das Lied wird immer noch gesungen. Von ✺Chören, von ✺Heino und von der Folkloregruppe ✺Bube Dame König, die einen Koloratursopran in ihrer Mitte hat. Auch wenn das Lied in beinahe zweihundert Jahren schon ein bisschen zersungen istt, irgendwie ist es ein Teil von unserer Geschichte:


An der Saale hellem StrandeStehen Burgen stolz und kühn.
Ihre Dächer sind gefallen,
Und der Wind streicht durch die Hallen,
Wolken ziehen drüber hin.

Zwar die Ritter sind verschwunden,
Nimmer klingen Speer und Schild;
Doch dem Wandersmann erscheinen
In den altbemoosten Steinen
Oft Gestalten zart und mild.

Droben winken holde Augen, 
Freundlich lacht manch rother Mund. 
Wandrer schauet in die Ferne,
Schaut in holder Augen Sterne,
Herz ist heiter und gesund.

Und der Wandrer zieht von dannen,
Denn die Trennungsstunde ruft;
Und er singet Abschiedslieder,
Lebewohl tönt ihm hernieder, 
Tücher wehen in der Luft.

Les Enfants du Paradis

Am 9. März 1945 wurde Marcel Carnés Film ✺Les Enfants du Paradis (Kinder des Olymp) zum erstenmal aufgeführt. Der dreistündige Film war unter größten Schwierigkeiten während der Besatzungszeit gedreht worden, jetzt nach der Befreiung konnte er aufgeführt werden. Die Hauptdarstellerin konnte allerdings nicht zur Premiere kommen, sie saß wegen des Verdachts der Kollaboration im Gefängnis. Sie mochte die Deutschen nicht, aber sie liebte diesen einen deutschen Offizier. Als sie vor Gericht erscheinen muss, bringt sie diesen unsterblichen Satz: Mon cœur est français – mon cul est international.

Die Schauspielerin heißt Arletty, sie hat hier schon lange einen Post. Auch wenn es mit ihrem Oberstleutnant, der zu den Gründern der Gruppe 47 gehörte, zuende war, sie blieb bis zu seinem Tod mit ihm befreundet. Die Liebesgeschichte ist schon auf die Leinwand gewandert. 2015 konnten die Franzosen den Film ✺Arletty, une passion coupable mit Laetita Casta als Arletty sehen. Sie jetzt auch, wenn Sie den Filmtitel anklicken.

Das Drehbuch von Les Enfants du Paradis stammte von Jacques Prévert, der für den Regisseur Marcel Carné auch schon die Drehbücher für die Filme ✺Quai des Brumes und ✺Le Jour se Lève geschrieben hatte, zwei Filme, denen Jean Gabin seine Karriere verdankt. Man hat für diese Filme den Begriff poetischer Realismus gefunden, und wenn Sie wissen wollen, was das genau ist, dann gehen Sie doch einmal zu dieser schönen Seite. Die Musik des Filmes ist von Joseph Kosma, der für Carnés ✺Les Portes De La Nuitauch das Chanson ✺Les feuilles mortes geschrieben hat. Gibt es hier heute nicht von Juliette Gréco, sondern von Cora Vaucaire, die es als erste gesungen hat. 
Les Enfants du Paradis ist ein Klassiker des französischen Kinos. Cinéasten wissen nicht, ob sie diesem Film oder ✺La Régle du Jeu (der hier schon einen ausführlichen Post hat) den höchsten Platz im Olymp zuweisen sollen. Und mit Olymp meine ich nicht die billigen Plätze auf der Galerie, auf die der deutsche Titel des Films anspielt, sondern den wirklichen Olymp.

Nudität

Schönheitschirurg Peter Hauptmann (Filip Peeters) stranguliert und peitscht seine Affäre Silvie Stein (Ursina Lardi) in seinem Sex-Appartment aus. Sie stöhnt vor Begierde und lässt sich willig auf das Liebesspiel ein. Als ihre Freundin Julia ihr jedoch erzählt, dass auch sie zu einem heißen Sado-Maso-Spiel von Peter in dessen Wohnung eingeladen wurde, bricht für Silvie eine Welt zusammen. Denn die Rechtsanwältin glaubt fest, dass nur sie die speziellen Phantasien von Peter befriedigen kann. Aus Rache, Eifersucht und Verzweiflung ermordet Silvie schließlich ihre Freundin Julia. Das konnte man 2014 so im web.de Magazin lesen. Da stand auch, dass die Schweizer Schauspielerin Ursina Lardi in vier Jahren in fünf Tatort Sendungen aufgetreten ist. In dem ✺Polizeiruf 110, den die ARD gestern sendete, war sie auch zu sehen.

Warum diese Häufung der Rollen? Weil man sie braucht, als femme fatale und ein bisschen nackt, um so einem todlangweiligen Tatort ein wenig Pep zu geben. Dieser Tatort hieß ✺Frühstück für immer, es gab ihn vor wenigen Tagen im Fernsehen. Habe ich reingeguckt, nur aus Verzweiflung, weil es mal wieder nix im Fernsehen gab. Außer Talkshows zu Corona, wo immer dieselben Leute auftreten. Ich kannte den Film allerdings schon, habe ihn sogar schon hier erwähnt. Für Christian Buß vom Spiegel war das eine ganz tolle Sache: 

‚Fifty Shades of Grey‘ in Leipzig? Saalfeld und Keppler ermitteln im SM-Milieu. Was leicht zum Trendstück über die neue angebliche Lust an der Unterwerfung hätte werden können, ist ein grausamer Krimi über die Grauzonen der Erotik – und der erste starke MDR-Tatort‘ seit Jahren. Seit den Tagen der Gothic Novel und den Phantasien des Marquis de Sade hält sich dieser Sado-Kram ja hartnäckig. Meist in Fantasy Filmen, selten im Leipziger Tatort. Ich fand diese SM Klamotte albern, aber Ursina Lardi rettet jeden Film. Frühstück für immer war übrigens der drittletzte Tatort aus Leipzig, dann wurden die Kommissare Simone Thomalla und Martin Wuttke (hier rechts neben Ursina Lardi) entlassen. Für immer.

Ich habe in dem Post Nackt im Jahre 2019 etwas über die Nackheit im deutschen Tatort geschrieben, offenbar muss Nackheit sein, weil man auf Quoten hofft. In dem Tatort ✺Freddy tanzt war Ursina Lardi wieder dabei, sie spielte eine alleinerziehende Kunstprofessorin, die nebenbei als Prostituierte in einem Schickeria Lokal arbeitet. Das ist ja die typische Nebentätigkeit von Kunstprofessorinnen. Wer kann so etwas glauben?

Im Tatort ✺Dunkelfeld spielte Lardi eine Polizistenwitwe, die mit dem Kommissar Karow (mit dem sie mal ein Verhältnis hatte) entführt wird, aber in Wirklichkeit mit den Entführern zusammenarbeitet. Man hatte ihr dafür Klamotten angezogen, die sie die ganze Zeit nackt aussehen ließen. Das muss offensichtlich sein. Coleridges Wort von der willing suspension of disbelief steht als Motto über den meisten TatortProduktionen, die mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun haben. Die Tatorte werden ja nicht besser, wie der Kriminalhauptkommissar Melchior Veigl (gespielt von Gustl Bayrhammer) bei seinem Abgang so nett sagte: Des Krimifach, des is doch scho lang a abg’mahte Wies’n. Doa passiert nix mehr. Damals gab es allerdings noch keine Nackheit im Tatort.

Heute vor sechsundachtzig Jahren erhielt der Film ✺It Happened One Night den Oscar in allen fünf Hauptkategorien, der Film war ein Riesenerfolg. Weil da jemand ein bisschen nackt war. Das war nicht Claudette Colbert, das war Clark Gable. Als der Film sein Oberhemd auszieht, konnte das Publikum sehen, dass er kein Unterhemd trug. Die Verkaufszahlenvon Unterhemden sanken in den USA dramatisch. Die romantic comedy kam in die Kinos, als der Motion Picture Code noch nicht griff. Sätze wie: Scenes of passion should not be introduced when not essential to the plot. In general, excessive passion should so be treated that these scenes do not stimulate the lower and baser element und Excessive and lustful kissing, lustful embraces, suggestive postures and gestures, are not to be shown, hatten noch keine Gültigkeit. 

Ein Jahr, bevor man Clark Gables nackten Oberkörper im Kino sehen konnte, war dieser Film der Skandal Amerikas. So ausgezogen-angezogen war die kleine Temple Drake in ✺The Story of Temple Drake (der softcoreVersion von Faulkners Roman Sanctuary) allerdings nie, das Filmplakat suggeriert nach über achtzig Jahren immer noch Sex. Der Film führte direkt zur Etablierung des Motion Picture Code, Themen wie Kleinstadtbordelle und Vergewaltigungen (Sex perversion or any inference to it is forbidden) sollte es im amerikanischen Kino nie wieder geben. Was haben sich die beiden Katholiken Martin Quigley und Father Daniel Lord, die den Motion Picture Codeverfassten, bloß dabei gedacht, als sie schrieben: excessive passion should so be treated that these scenes do not stimulate the lower and baser element? Wer ist das lower and baser element? Ich glaube, das sind wir. Miriam Hopkins landete übrigens noch Jahrzehnte später in Russ Meyers Softporno ✺Fanny Hill.  

der Oberrock

Ich bin immer noch dabei, Anna Karenina zu lesen. Es geht langsam voran. Das liegt daran, dass ich den Roman jetzt in der vierten Übersetzung lese. In dem Post Anna Karenina: Übersetzungen hatte ich geschrieben, dass ich mir bei booklooker für 4,95€ die Übersetzung von Hermann Asemissen (Rütten und Loening, 2 Leinenbände) gekauft hatte. Weil mich das Dünndruckpapier der Hanser Ausgabe störte. Die Ausgabe von Rütten und Loening, die identisch ist mit der Ausgabe des Aufbau Verlags, kann ich ohne Brille lesen, und die Seiten zerknittern beim Umblättern nicht. Und gegen Asemissens Übersetzung kann man wirklich nichts sagen. Die Anmerkungen von Rosemarie Tietze in der Hanser Ausgabe benutzte ich weiterhin, weil es sehr gute Anmerkungen sind.

Ich hätte jetzt ruhig und friedlich weiterlesen können, wenn ich mir nicht bei ebay für einen Euro die beiden Bände des Insel Verlages in der Übersetzung von Gisela Drohla gekauft hätte. Unglaublich, über zwölfhundert Seiten Tolstoi für einen Euro. Ich setzte meine Lektüre jetzt mit der Drohla Übersetzung fort, die sich sehr flüssig liest, las aber bestimmte Stellen noch einmal bei Hermann Röhl (bei Zeno im Internet) und bei Asemissen und Tietze. Deshalb komme ich nur langsam voran. Aber ich habe schon mehr als die Hälfte des Roman bewältigt, so ist es nicht. Wie es ausgeht, weiß ich sowieso.
Je genauer man liest, desto mehr stolpert man über Kleinigkeiten. Denen nachzugehen, hält natürlich den Fluß des Lesens auf. Ich nehme als ein Beispiel mal das Wort Oberrock. Es findet sich in der Röhlschen Übersetzung, die schon über hundert Jahre alt ist, an folgender Stelle:

Gestern hatte sich Stepan Arkadjewitsch ihm dienstlich in Uniform vorgestellt, und der neue Vorgesetzte war sehr liebenswürdig gewesen und hatte sich mit ihm wie mit einem guten Bekannten unterhalten; daher hielt es Stepan Arkadjewitsch für seine Pflicht, ihm nun einen Besuch im Oberrock zu machen. Der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte ihn vielleicht unfreundlich empfangen werde, war der zweite unangenehme Umstand. Aber Stepan Arkadjewitsch hatte das unwillkürliche Gefühl, das werde sich alles schon ganz vortrefflich »einrenken«. ›Wir sind ja alle Menschen und sind allzumal Sünder; wozu soll man sich da übereinander ärgern und sich miteinander zanken?‹ dachte er, als er in das Hotel hineinging.

Der Fürst Stepan Arkadjewitsch Oblonski ist der Bruder von Anna Karenina, er ist wie sein Schwager ein höherer Beamter. Wir kennen ihn vom Romananfang, wo es über ihn heißt: Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich. Der ganze Haushalt der Familie Oblonski war in Unordnung geraten. Die Hausfrau hatte erfahren, daß ihr Mann mit einer französischen Gouvernante, die sie früher im Hause gehabt hatten, ein Verhältnis unterhielt, und hatte ihm erklärt, sie könne nicht länger mit ihm unter einem Dache wohnen. Drei Tage schon währte nun dieser Zustand, und er wurde sowohl von den Ehegatten selbst wie auch von den übrigen Familienmitgliedern und dem Hausgesinde als eine Qual empfunden.
Wenn der Fürst, den seine Freunde Stiwa nennen, sich seinem neuen Vorgesetzten vorstellen muss, trägt er die für Beamte vorgeschriebene Uniform, aber für das nächste Treffen glaubt er, sich ziviler geben zu können und zieht einen Oberrock an. Aber was ist das? Bei Adelung heißt es: Der Oberrock, des -es, plur. die -röcke, der obere Rock, in der weitern Bedeutung dieses letztern Wortes, so daß der Oberrock der Weste entgegen gesetzet ist, da er denn auch nur der Rock schlechthin genannt wird. Der Überrock ist von demselben gewisser Maßen noch verschieden, obgleich beyde oft verwechselt werden, auch verwechselt werden können, weil ober das Beywort, über aber das Vorwort ist; beyde aber eine und eben dieselbe Bedeutung gewähren. Bringt uns das weiter? Wissen wir jetzt, was der Unterschied zwischen Oberrock und Überrock ist?

Der Überrock wird sich noch im militärischen Bereich halten, wo er auch Interimsrock heißt. So etwas, das Bismarck hier trägt, eine Art zweireihiger Kurzmantel, der bis zum Hals geschlossen ist. Aber das kann an dieser Romanstelle nicht gemeint sein. Noch verwirrender wird es, wenn wir bei Jacob Falke 1858 in seinem Buch Die deutschen Trachten- und Modenwelt: Die alte Zeit und das Mittelalter lesen, dass der Oberrock auch Schapperun genannt wird. Das ist nun ein ganz altes Wort, das wir häufig in der mittelhochdeutschen Dichtung finden. Zum Beispiel im Wigalois des Wirnt von Gravenberch, wo es heißt:
In disen sorgen reit erNu kom gegen im geloufen heruf dem wege ein garzunder trug einen schapperungesniten von fritschalemit roten zendalewas er gefurririertsin hut der was gezieretmit blumen und mit loubesus lief er in dem stoubedes roten Seites von der grantruc er einen rok angebriset mit grossem flizzehantschuhe vil wizzehet er an den hendenden stap begunde er wenden nach der garzune siteda furdert er sin loufen mitesin hosen waren gut genuczwene brisschuhe er an truc
Dem Ritter Wigalois begegnet hier ein Bote (in dem Wort garzunsteckt noch das französische garçon), der einen Schapperun aus vornehmem Stoff trägt, er ist so vornehm gekleidet, weil er ein Bote des König Artus ist. Mittelhochdeutsche Dichter verwenden viel Liebe und Sorgfalt auf die Beschreibung der Kleidung. Und Kommentatoren schreiben an dieser Stelle in den Text: ‚tzschabrun‘, in der Regel schaperun, schapperun, schaprun, vom franz. chaperon, leichter Mantel. Wenn Sie diese Stelle im Neuhochdeutschen lesen wollen, dann klicken Sie dies an.

Oberrock und Überrock führen uns in eine Sackgasse, die neueren Übersetzungen von Anna Karenina verwenden alle das Wort Gehrock. Und das wird es sein, was unser Fürst Oblonski trägt. Dieser Gehrock ist der Vorgänger eines Kleidungsstücks, das den englischen Namen Morning Coat hat (im Deutschen hat es den Namen Cutaway, den Adenauer den Kött nannte). Das ist das Kleidungsstück, das Marcel Proust trägt, wenn er die Straßen von Paris betritt. Wenn Sie mehr dazu wissen wollen, dann klicken Sie doch einmal den Post Morning Coat an, das haben schon mehr als 25.000 Leser getan.

Der Fürst Oblonski besucht seinen Schwager (höchstwahrscheinlich im Gehrock), um ihn zum Abendessen einzuladen, aber Alexei Alexandrowitsch Karenin will partout nicht. Er ist gerade dabei die Papiere für die Scheidung für den Scheidungsanwalt vorzubereiten: ‚Es ist mir unmöglich zu kommen‘, erwiderte Alexei Alexandrowitsch, der selbst stand und auch den Besucher nicht zum Sitzen aufforderte. Alexei Alexandrowitsch gedachte sofort das kühle Verhältnis in Kraft treten zu lassen, in dem er mit dem Bruder seiner Frau, gegen die er die Scheidungsklage einleitete, künftig werde stehen müssen; aber er hatte nicht mit jenem Meere von Gutmütigkeit gerechnet, das in Stepan Arkadjewitschs Seele über alle Ufer trat

Zwei höhere Beamte, zwei grundverschiedene Menschen, der eine lebenslustig mit einem Meer von Gutmütigkeit in der Seele, der andere ein gefühlskalter Spießer. Stiwa überredet Karenin doch noch, die Einladung anzunehmen und verabschiedet sich: Als er im Gehen den Überzieher anzog, stieß er dabei unversehens mit der Hand den Diener gegen den Kopf, lachte laut auf und ging hinaus. ‚Um fünf Uhr, bitte, und im Oberrock!‘ rief er noch einmal, indem er zur Tür zurückkehrte. Die neueren Übersetzer lassen ihn keinen Überzieher sondern einen Mantel anziehen, das entspricht dem heutigen Sprachgebrauch. Wenn Oblonski betont, dass Karenin einen Oberrock tragen solle, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass der jetzt gerade seine Beamtenuniform trägt. Die stellt man sich in Hollywood so vor, das hier ist Basil Rathbone in der ✺Verfilmung von 1935, wo er den Karenin an der Seite von Greta Garbo spielt. 

In den Verfilmungen des Romans trägt Karenin seltsame Sachen, man weiß nicht sehr viel über die russischen Beamtenuniformen des 19. Jahrhunderts. Sagt Leonid Efimovic Shepelev in seinem Aufsatz Ziviluniformen im zaristischen Russland. Aber wenn jemand etwas darüber weiß, dann ist er es, hat er doch schon 1977 ein Buch über Ränge und Titel im russischen Reich geschrieben, das 1991 überarbeitet als Titel, Uniformen und Orden im Russischen Reich (Tituly, mundiry, ordena v Rossiĭskoĭ imperii) erschien.
Wenn Karenin dann zum Diner kommt, dann trägt er keinen Gehrock, wie ihm sein Schwager geraten hat, das ist nun sehr witzig. Karenin kommt im FrackKarenin selbst war, wie es in Petersburg bei einem Essen mit Damen Sitte ist, in Frack und weißer Binde, und Stepan Arkadjewitsch ersah an seinem Gesichte, daß er nur, um sein gegebenes Wort zu halten, gekommen sei und durch seine Anwesenheit in dieser Gesellschaft eine lästige Pflicht erfülle. Er war auch in erster Linie schuld an der eisigen Temperatur, die alle Gäste vor Stepan Arkadjewitschs Eintreffen in Erstarrung versetzt hatte.  

Mit dieser Szene hätten die Regisseure und Kostümdesigner von Verfilmungen keine Schwierigkeiten. Sie müssen nur darauf achten, dass der Frack in den 1870er Jahren noch keine Brusttasche hat. Wir sehen hier Anna und Wronski in dem russischen ✺Film von 2017. Der Frack von Wronski mag hingehen, aber ein solches Kleid gibt es um 1879 in St Petersburg wohl nicht. Das ist in dem Film mit Keira Knightley als Anna ähnlich, Jacqueline Durran hat zwar einen Oscar für die Kostüme bekommen, aber mit russischer Mode hat das alles nichts zu tun. 

Die meisten Anna KareninaVerfilmungen sind sartoriale Ausstattungsorgien, der Roman hat wenig davon. Wahrscheinlich ist mehr Mode in Wirnt von Gravenberchs Wigalois als in Tolstois Anna Karenina. Auch wenn Tolstoi Annas Kleider ziemlich genau beschreibt, offeriert er uns keine modische Opulenz, er offeriert uns eher Leerstellen. Wir als Leser müssen die ausfüllen, das ist unser Teil an der Erschaffung des Romans. Denn seit Marcel Proust wissen wir: In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können.

In dem Post Lew Tolstoi finden Sie ein Vielzahl von Anna KareninaVerfilmungen, die Sie mit einem Klick auf Ihren Bildschirm zaubern können. Eine habe ich vergessen, und das ist die ARD Degeto ✺Produktion aus dem Jahre 2013, aus der das Bild im obigen Absatz mit Karenin in Phantasie-Beamtenuniform stammt. Ich weiß aber nicht, ob man den Film wirklich sehen muss.

Schülerfilmclub

Du musst Dir unbedingt den Film ‚Mord im Fahrpreis inbegriffen‘ angucken, sagte mir Ekke. Ich radelte in der Dunkelheit nach Blumenthal, um noch zur 20 Uhr Vorstellung zu kommen. Ich wusste, wo das Kino war, meine Tante Tilla wohnte im Haus nebenan. Ekkes Filmtips waren immer gut, ✺Compartiment tueurs war ein Klassefilm. Neben Yves Montand spielt da die ganze Crème de la Crème der Franzosen mit, Jean-Louis Trintignant und Michel Piccoli auch. Heute radelt niemand mehr in der Winternacht wegen eines Film von Vegesack nach Blumenthal, es gibt in Blumenthal kein Kino mehr. In Vegesack auch nicht.

Dabei hatten wir mal (wenn man das Kino in Hammersbeck mitzählt) vier Kinos im Ort. Oder fünf, wenn man das Capitol Kino in Grohn einbezieht. Da habe ich damals Bambi gesehen, als ich klein war. Dies hier ist ein Blick in die Scala in der Breiten Straße, da passten tausend Leute rein. Das Kino war 1917 als Vegesacker Lichtspiele eröffnet worden, war damals aber noch nicht so groß. Und es war auch nicht das erste Kino im Ort, das waren die Tonhallen in der Gerhard Rohlfs Straße, die schon 1888 im Bremer Adressbuch auftauchen. Sie hatten auch Säle für Festlichkeiten. Ich habe ein Photo aus den 1920er Jahren, auf dem mein Opa neben dem Bürgermeister Dr Werner Wittgenstein bei einer großen Festivität der Schlaraffia zu sehen ist. In den 1920er Jahren waren die Tonhallenauch die Heimat des Stadttheaters. Das 1953 eröffnete Kino Stadttheater Tonburg in der Gerhard Rohlfs Straße war dann das erste, das schloß, da zog ein scheußlicher Supermarkt namens Kepaein.

Das Haus da hinten an der Ecke der Hafenstraße war einmal Brockmanns Hotel, es wurde 1955 ein Kino, das Roxy hieß. Kinos heißen aus ungeklärten Gründen immer Roxy oder Scala. So wie Hotels früher Bristol hießen. Das Roxygehörte einem gewissen Herbert Bereit, die Scala auch, aber er versuchte zu vermeiden, dass das bekannt wurde. Das Roxy versuchte, ein wenig ein Filmkunsttheater zu sein, es hatte weniger Plätze als die Scala (es waren 403). Die Wandbespannung war ein häßlicher tabakbrauner Stoff, der Vorhang aus silberweissem Plüsch Lamée. Neben der Scala war noch eine Kneipe, in der scheinbar nur Schüler des nahegelegenen Gerhard Rohlfs Gymnasiums verkehrten. Da ist mir mal mein geliebter Tweedmantel geklaut worden, danach bin ich da nie wieder drin gewesen. Der geizige Bereit, mit dessen Sohn ich in der Volksschule gewesen war, hat sich geweigert, mir den zu ersetzen. Er soll noch zehn weitere Kinos in Bremen besessen haben, man weiß das nicht so genau.

Heute gibt es in ganz Bremen-Nord, das immerhin beinahe 100.000 Einwohner zählt, keine Kinos mehr. Wenn man ins Kino will, muss man nach Osterholz-Scharmbeck, Schwanewede (wo es noch einen Filmpalast gibt) oder Ritterhude fahren. Die Kinokultur ist zuende, auf jeden Fall in Bremen-Nord. Den Schülerfilmclub meines Gymnasiums gibt es auch nicht mehr, das Gymnasium ist auch nicht mehr da, wo es einmal war.
Mein Freund Ekke hatte nicht nur gute Filmtips, er konnte auch ganze Filme nacherzählen. Er hatte in den fünfziger Jahren als erster von uns  ✺Arsenic and Old Lace gesehen. Er hat mir den ganzen Film erzählt. Immer nach dem Sport, wenn wir vom Sportplatz den kleinen Berg der Poststraße hinauf zu Schule gingen. Er konnte den Film beinahe auswendig und spielte beim Gehen alle Rollen. Jede Woche. Je langsamer wir gingen, desto mehr bekam ich vom Film erzählt. Es hat Wochen gedauert, bis ich den Film kannte. Bis Martha Brewster Are you leaving, Doctor? sagt, und Peter LorreYes, please antwortet. Und der Film mit den Worten endet: Ich bin kein Taxifahrer, ich bin eine Kaffeekanne! Heute kann man jederzeit eine DVD einlegen. Aber das ist nicht dasselbe. Die Kunst des Filmerzählens erscheint noch nicht ganz ausgestorben, inzwischen gibt es für diese Art der Ekphrasis schon ein Festival des nacherzählten Films.

Unseren Schülerfilmclub habe ich schon häufiger hier erwähnt, zuletzt wahrscheinlich in dem Post Die Mädchen, wo es heißt: Der Film lief damals nicht in einem normalen Kino, sondern in einem Filmkunsttheater, hieß studio für filmkunst. Kleingeschrieben. So etwas gab es damals noch. Es gab auch überall Filmclubs. Selbst das Angebot der Filme in unserem Schülerfilmclub war auf hohem Niveau, wie zum Beispiel ✺Tod eines Radfahrers, ✺Sie küssten und sie schlugen ihn oder ✺Asche und Diamant

Es gab natürlich viel mehr, ich sollte noch Wilde Erdbeeren und Hiroshima mon amour erwähnen. Ich weiß nicht, ob man den ✺Schimmelreiter wirklich hätte zeigen müssen, es ist ja eine Art Propagandafilm der Nazis. Aber er hat doch ästhetische Qualitäten und war nach 1945 nie verboten, die FSK erlaubte ihn sogar ab sechs Jahren. Aber er passt natürlich nicht so ganz zu Truffaut, Andrzej Wajda, Resnais und Bergman.

Der Schülerfilmclub hatte den etwas hochtrabenden Namen Schülerfilmgilde, er war 1957 gegründet worden. Man kaufte ein Programm für das Schuljahr und war im Club (oder in der Gilde), und man hatte damit eine Eintrittskarte für die Welt des wirklichen Films: 1957 gab es in Deutschland Ferien auf Immenhof, in Italien Il Grido. Es gab in den fünfziger Jahren viele Filmclubs, unsere Gilde war der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Jugend-Filmclubs und-Gruppen angeschlossen. Nicht alle Schüler machten von dem Angebot guter Filme Gebrauch, 1965 war nur ein Drittel der Schüler des GRG Mitglied der Gilde. Kino gab es am späten Mittwochnachmittag in der Aula. 16 Millimeter, kein 35 Millimeter Kinoformat. Mein Klassenkamerad Wuddel hatte sogar in Bremen bei der Landesbildstelle einen Filmvorführerschein gemacht. Die Bestuhlung der Aula war der Schule von der Lürssen Werft gestiftet worden, das war hartes Holz. Selbst ein durchgesessener Rasiersitz im Kino war bequemer als diese Stühle. Die auch verhinderten, dass man mit seiner Freundin knutschte. Im Kino ging das, in der Aula nicht. Aber dennoch war die Schülerfilmgilde, ebenso wie der berühmte Chor unserer Schule, eine Art Eheanbahnungsinstitut.

Als die Schülerfilmgilde gegründet wurde, war das Haus für das studio für filmkunst am Herdentorsteinweg in Bremen noch nicht ganz fertig, aber Filme konnte man da schon sehen. Das Atlantis in der Böttcherstraße hatte auch immer ein gutes Programm. Da war ich häufig mit Peter, und einmal mit Traute, als wir dachten, wir könnten einfach so eine Kinokarte für Das Schweigen kaufen. Die hätte man damals drei Wochen vorher bestellen müssen, das gibt es heute wohl auch nicht mehr.

Das einzige Kino bei uns, in dem ich nie war, war das Kino in Hammerbeck. Ute wollte mit mir dahin, um ✺Wenn die Kraniche ziehen zu sehen, aber ich wollte nicht, ich hielt das für russischen Kitsch. Ich habe die Geschichte mit der kleinen Liebestragödie schon in den Post Sergei Bondartschukhineingeschrieben. Ich habe Ute zu dem Kino nach Hammersbeck gebracht, wo schon eine Freundin auf sie wartete. Ute ist mir aber nicht wirklich böse gewesen und ist weiterhin mit mir in die Vorstellungen des Schülerfilmclubs gegangen. Nach dem Film brachte ich sie immer zum Bahnhof, weil sie in St Magnus wohnte. Bahnhöfe sind für Ankunft und Abschied eine schöne Lokalität, vor allem für Filme. Man denke nur an ✺Anna Karenina oder ✺Brief Encounter (Bild). 

Das ist das Problem: wenn man zu früh zu viele Filme sieht, will man so leben wie im Film. Bei mir war es der französische Filmder Nouvelle Vague, der mich für das Leben verdorben hat. Weil ich ja auch wie Jean-Louis Trintignant aussah. Der Weg zum Bahnhof gehörte zum Film dazu, es war immer schon dunkel, wenn der Film zuende war und wir die Bismarckstraße hinuntergingen. Einmal schien der Mond, es war ein riesiger Mond. Das ist eine optische Täuschung, der Mond ist immer gleich groß. Aber an diesem Abend war es ein riesiger Mond unten über dem Bahnhof. Und wir gingen Hand in Hand die Straße hinunter in den Mond hinein. Das war nicht der Mond von Eichendorff, das war der Mond von Dean Martin: When the moon hits the sky like a big pizza pie, that’s amore. Welchen Film wir damals gesehen haben, weiß ich nicht mehr.

Roy Cohn

Er hatte doch schon gewonnen. Und dann verschwanden Stimmen auf mirakulöse Weise. War das nicht seltsam? Jetzt wollen sie ihm die Wahl stehlen. Sein Sohn zitiert schon Joseph Goebbels und redet vom totalen Krieg. Hysterie und Paranoia. Hatten wir es uns anders vorgestellt? Steht das nicht alles schon 1964 in Richard Hofstadters Aufsatz The Paranoid Style in American Politics?

Where’s my Roy Cohn? soll Donald Trump einmal ausgerufen haben. Ein Ausdruck der Verzweiflung, ungefähr so etwas wie A horse, a horse, my kingdom for a horse bei Shakespeare. Der junge, aufstrebende Geschäftsmann kann nicht ohne den Juristen leben. Roy Cohn hat ihn zu dem gemacht, was er ist. Roy Cohn, schamlos, eiskalt, machtversessen, so der Spiegel, ist Amerikas Dr Frankenstein, der mit Trump sein eigenes Monster erschaffen hat.

Donald Trump ist nicht der einzige Klient von Roy Cohn; der Mann, der schon der Rechtsberater des rechtsradikalen Senators McCarthy war, hat noch andere Klienten. Die Tony SalernoCarmine Galante und John Gotti heißen. Kurz gesagt: die ganze New Yorker Mafia. Donald Trump ist in guter Gesellschaft. Roy Cohn, den die Süddeutsche einen amerikanischen Alptraumnannte, bringt Trump die Dinge bei, mit denen der nach oben kommen wird. Sagen wir es einfach: leugnen, lügen, angreifen, verleumden, verklagen. Niemals entschuldigen.
Roy Cohn war schon häufig in diesem Blog, zum Beispiel in dem Post Ray Bradbury, in dem es um den Film ✺Fahrenheit 451 und Bücherverbrennungen geht. Ich zitiere mal eben: Nein, da ist jemand, der von seinen Feinden im Kongress als the junior senator from Wisconsin bezeichnet wird, damit man den scheußlichen Namen Joseph McCarthy nicht aussprechen muss. Der hat sich nämlich gerade den Sender Voice of America und die vom United States Information Service unterhaltenen Bibliotheken der deutschen Amerika Häuser vorgenommen, muss alles vom Kommunismus gereinigt werden. Seine beiden Henkersknechte Roy Cohn und David Schine machen eine book burning mission durch Deutschland. All das, was durch die Re-Education aufgebaut worden war, gerät jetzt unter Generalverdacht. 

Triumphierend findet Roy Cohn im Amerika Haus in Frankfurt zwei Krimis von Dashiell Hammett. Da kann man doch sehen, wie weit die kommunistische Unterwanderung schon fortgeschritten ist! Viele Bibliotheksleiter finden originelle Wege, um die Anweisung der Buchvernichtung aus Washington zu umgehen, das hat mir einmal ein pensionierter Bibliotheksdirektor erzählt. Präsident Eisenhower ist das Treiben seines Parteifreunds McCarthy zuwider, er hält sich zwar meistens öffentlich zurück, aber privat sieht er auch die Gefahr und sagt: I will not get in the gutter with that guy. Doch in dieser Situation ringt er sich zu einem erstaunlich klaren öffentlichen Statement durch: Don’t join the book burners. […] Don’t be afraid to go in your library and read every book. Das hätte McCarthy eine Warnung sein sollen, aber der attackiert in seinem Größenwahn die US Army. Das wird sein Untergang. 
Schon vorher hatte Cohn Dashiell Hammett verhört, er insinuierte, dass alle Einkünfte aus dessen Romanen und Filmen nach Moskau geflossen seien. Hammett, Soldat im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, schweigt zu den Vorwürfen des Mannes, der sich um den Wehrdienst gedrückt hat. Hammetts Lebensgefährtin Lillian Hellman wird das trio infernale Roy Cohn, David Schine und Joe McCarthy in ihrer Autobiographie Scoundrel TimeBonnie, Bonnie and Clyde nennen. Womit sie natürlich etwas über die sexuelle Orientierung der Herren sagt.
At long last, have you left no sense of decency? wird Joseph Welch, der Anwalt der US Army, den Senator McCarthy fragen. Es ist der Wendepunkt der Anhörungen des Kongresses, die landesweit übertragen werden. Es ist das Ende von McCarthy, er wird sich zu Tode saufen. Roy Cohn wird wieder auftauchen, trinkt Champagner und fährt Rolls Royce. Und hat Klienten, die in der Mafia oder im Pädophilie Business sind. Als Cohn starb, hatte er nach einer Entscheidung des Supreme Court von New York alle Rechte als Anwalt verloren. Schon dreimal war er wegen dishonesty, fraud, deceit and misrepresentation angeklagt worden (diese schönen Wörter passen irgendwie auch auf Donald Trump). Jetzt endlich setzte man dem Treiben des Mannes ein Ende, der wie Trump keine Steuern bezahlte (the closest thing we have in this country to a Nazi or Soviet-type agency, nannte er die Finanzbehörde).

L’avocat du diable hat der französische Journalist Philippe Corbé den Anwalt in einem gerade erschienenen Buch genannt. Für den englischen Historiker Eric Hobsbawm war er in dem Kapitel Epitaph for a Villain in seinem Buch Uncommon People ein Nichts: Apart from a few unrequited personal favors to friends and lovers, and an ability to entertain, he did good to none and brought ruin to many. Tony Kushner hat Roy Cohn in dem Theaterstück Angels in America auf die Bühne gebracht, ✺Al Pacinohat ihn in der Verfilmung des Stückes gespielt. Emile de Antonios Dokumentarfilm ✺Point of Order aus dem Jahre 1964 kann ich hier anbieten, und ich habe noch etwas ganz Neues. Where’s my Roy Cohn? ist nicht nur ein Satz von Donald Trump, es ist auch ein ✺Dokumentarfilm aus dem letzten Jahr. In dem noch ein zweiter Film über Roy Cohn mit dem Titel ✺Bully, Coward, Victim: The Story of Roy Cohn erschienen ist. Sie können beide Filme hier sehen, Donald Trump wird sie sich bestimmt nicht angucken. Ivy Meeropol, die Regisseurin von Bully, Coward, Victim, ist übrigens die Enkelin von Julius and Ethel Rosenberg, für deren Verurteilung der junge Roy Cohn damals gesorgt hatte.