Claude Lelouch

Der französische Filmregisseur ➱Claude Lelouch wird heute achtzig, dazu möchte ich ganz herzlich gratulieren. Ich mag nicht alle seine Filme, habe auch nicht alle gesehen. Bei ➱Truffaut ist das anders, seine Filme habe ich beinahe vollständig auf DVDs. Die von ➱Eric Rohmer auch. Von Claude Lelouch habe ich nur drei DVDs, aber das sind Filme, die ich wirklich mag. Ich könnte über mehr Filme schreiben, aber ich möchte heute mal einen kurzen Post schreiben.

Les Gauloises bleues gehört nicht zu den Filmen, die ich mag. Der sollte 1968 in Cannes gezeigt werden, aber wegen der Mai-Unruhen kam es nicht dazu. Die Mai-Unruhen kommen hier in den Posts ➱Henri Langlois und ➱Mai-Unruhen vor. Aber bei Les Gauloises bleues hat Lelouch nicht die Regie geführt, er hat den Film nur produziert. Er hätte die Finger davon lassen sollen, der Film war ein Flop, trotz der hübschen Annie Girardot, mit der Lelouch eine Affäre hatte. Die dreht im nächsten Jahr noch mit ihm Der Mann, der mir gefällt. Und die danach noch in zwei von Filmen von Lelouch (Weggehen und wiederkommen und Les Misérables) mitspielte, da war Lelouch schon zum dritten Mal verheiratet.

In Form und Inhalt schöner französischer Unterhaltungsfilm, der sich liebevoll den Menschen und ihren Bemühungen um Überwindung leidvoller Erfahrungen zuwendet. Auch für anspruchsvolle Besucher sehenswert, verständlich erst ab 18, schrieb der Evangelische Filmbeobachter über Ein Mann und eine Frau. Würden die heute so etwas noch schreiben? Kein Wort über die Filmmusik, ohne die der Film nichts wäre. Die Musik ist von Francis Lai, der in seiner Jugend Edith Piaf auf dem Akkordeon begleitete und später Chansons für alle Berühmtheiten (auch für ➱Juliette Gréco) schrieb.

Und dann komponierte er noch die Filmmusik für Filme wie Love Story (dafür bekam er einen Oscar) und ➱Bilitis (wenn Sie das anklicken, landen Sie in einer Art Softporno Post, der mir aber schon über 20.000 Leser beschert hat). Und natürlich für Ein Mann und eine Frau. Wir müssen noch Nicole Croisille erwähnen. Das ist die Frau, die so wunderbar das ➱da ba da ba da sang, Lelouch hatte sie in einer Bar gefunden, die kannte vorher niemand. Es war, was man heute kaum glauben kann, ein low budget Film, gedreht mit einer alten Handkamera, die einen Höllenlärm machte: Un film d’amateurs. Tout le monde mettait la main à la pâte. Il a été tourné dans un état de grâce, hat ➱Trintignant über die ➱Dreharbeiten gesagt.

Der Film bekam die Goldene Palme, zwei Golden Globes, zwei Oscars (für den besten fremdsprachigen Film und das beste Originaldrehbuch). Es ist sicher der erfolgreichste Film von Lelouch, man kann ihn auch nach einem halben Jahrhundert mit Vergnügen anschauen. Zwanzig Jahre später hat Lelouch noch Ein Mann und eine Frau – Zwanzig Jahre später gedreht. Das musste er wohl tun, weil er einmal gesagt sagt, dass er es bedaure, dass die Geschichten, die er in einem Film erzähle, irgendwann aufhören müssten. Er selbst hat nie aufhören können, Filme zu machen und Geschichten zu erzählen. Nichts konnte ihn aufhalten. Nach seinem ersten Film, den er selbst finanziert hatte, war er pleite. Nach C’était un rendez-vous hatte er keinen Führerschein mehr.

Mein zweiter Lieblingsfilm ist ➱La Bonne Année aus dem Jahre 1973. Mit Lino Ventura und Françoise Fabian (hier mit Lelouch bei den Dreharbeiten). Falls Sie mal den Van Cleef & Arpels Laden in Cannes überfallen wollen, sollten Sie sich diesen Film unbedingt vorher ansehen. ➱Lino Ventura ist wieder in Hochform, Françoise Fabian sowieso. La Bonne Année ist wie Ein Mann und eine Frau durchzogen von einer leisen Wehmut, einer Nostalgie, die den schönen Kitsch, den mein Freund Georg ➱das französische Sabbelkino getauft hat, erträglich macht.

Mein dritter Film heißt Männer und Frauen, eine Gebrauchsanleitung, ich habe den Film schon in den Posts ➱Michel Piccoli und ➱Maja Maranow erwähnt. Es ist, wenn man so will, wieder die gleiche Geschichte, die Lelouch in seinem Kino der Gefühle und Emotionen erzählt. Das hat er selbst gesagt, dass er in seinem Leben nur eine einzige Geschichte erzählt, die aber 35 Mal.

Und das ist sicher auch die Geschichte von dieser wahnwitzigen Autofahrt durch Paris. Auch da gibt es ein Happy Ending. Da sehen wir in dem Kurzfilm, der keine neun Minuten lang ist, kurz eine Frau. Den Film gucke ich jede Woche einmal an. Weil er mich an die Nacht und den Morgen in Paris im➱Sommer 1959 erinnert. Der Film heißt ➱C’était un rendez-vous, er ist in diesem Blog immer wieder erwähnt worden. Ich habe ihn schon so häufig gesehen, dass der Film manchmal in meinen Träumen vorkommt. Manchmal sind auch Anouk Aimée und Françoise Fabian mit mir im Auto.

Comme nos voix ba da ba da da da da da da
Chantent tout bas ba da ba da da da da da da
Nos cœurs y voient ba da ba da da da da da da
Comme une chance comme un espoir
Comme nos voix ba da ba da da da da da da
Nos cœurs y croient ba da ba da da da da da da
Encore une fois ba da ba da da da da da da
Tout recommence, la vie repart

Combien de joies
Bien des drames
Et voilà !
C’est une longue histoire
Un homme
Une femme
Ont forgé la trame du hasard.

Comme nos voix
Nos cœurs y voient
Encore une fois

Comme une chance
Comme un espoir.

Comme nos voix
Nos cœurs en joie
On fait le choix
D’une romance
Qui passait là.

Chance qui passait là
Chance pour toi et moi ba da ba da da da da da da
Toi et moi ba da ba da da da da da da
Toi et Toi et moi.

Noch mehr französisches Kino in den Posts: ➱Waltz into Darkness, ➱Spielregeln, ➱Jacqueline Bisset, ➱Et Dieu… créa la femme, ➱Fanny Ardant, ➱Mireille Darc, ➱Katharine Ross, ➱Arletty, ➱Uschi Glas, ➱François Truffaut, ➱Bertrand Tavernier, ➱Fahrstuhl zum Schafott, ➱Alain Resnais, ➱Mai-Unruhen, ➱Henri Langlois, ➱Bourgeoisie, ➱Roman Polanski, ➱Michel Legrand, ➱Jacques Tourneur, ➱Ma Nuit Chez Maud, ➱La vie de chateau, ➱temps perdu, ➱Lastkraftwagen, ➱Aimez-vous Brahms?, ➱Bonnie und Clyde, ➱Robbe-Grillet, ➱Yves Montand, ➱Jean Gabin, ➱Lino Ventura, ➱Jean Desailly, ➱Jean-Louis Trintignant, ➱Michel PiccoliMundharmonika, ➱Menschen am Sonntag, ➱Fantasy, ➱Blazer, ➱Raffaele Caruso, ➱Kulturwandel, ➱Paris, ➱Paris, Sommer 1959, ➱Sabbelkino, ➱Piloten, ➱Ray Bradbury, ➱Jacques Tourneur, ➱Angie Dickinson, ➱Steve Cochran, ➱Two-Lane Blacktop,

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Prequel

ZDF_neo setzt auf englische Krimiserien. Die man auch unendlich wiederholen kann. Wie zum Beispiel ➱Inspector Barnaby. Oder ➱Inspector LewisVera, Inspector Banks etc. Oder, auf einem niedrigerem Niveau, aber ganz vergnüglich, Agatha Raisin. Jetzt hat man etwas neues, nämlich ein sogenanntes Prequel. Eine Serie die ➱Der junge Inspektor Morse heißt. Heißt im Original Endeavour und hat hier schon einen Post. Und wir haben zu der Serie ein Sequel, das Lewis heißt. Aber der Mittelteil fehlt uns, eine Serie, die es hier nie zu sehen gab (außer mal in der DDR), doch das macht offenbar nichts.

Der fehlende Mittelteil ist selbstverständlich die Serie Morse (die ➱hier natürlich schon einen Post hat), eine der besten englischen Krimiserien. 33 Folgen, je zwei Stunden lang (ohne die Werbung 100 Minuten). Die Serie lief von 1987 bis zum Jahre 2000. Überall in der Welt, nur nicht – wie gesagt – bei uns. Die Serie basiert auf den Romanen von Colin Dexter, der es sich nicht nehmen ließ, in dreißig Folgen einen kleinen Cameo Auftritt zu haben.

Auch bei den ➱Lewis Filmen war er gelegentlich zu sehen (im Prequel ➱Endeavour auch). Und die Drehbuchautoren von Prequel und Sequel, die sich aus den Romanen von Colin Dexter bedienten, konnten ständig mit ihm zusammenarbeiten. Jetzt sind sie auf sich alleingestellt, denn im März ist Colin Dexter (hier auf dem Bild neben seinen beiden Detektiven) im Alter von 86 Jahren gestorben. Alle Folgen von Inspector Morse (18 DVDs) bekommt man für 43,90. Nur in englischer Sprache, aber es gibt englische Untertitel.

Und das ist immer besser als eine schlechte Synchronisation. Wie die von dem Pilotfilm von Endeavour, der am Sonntag gesendet wurde. Das hier ist Roger Allam als Detective Inspector Fred Thursday, der dem jungen Detective Constable Morse eine Art väterlicher Freund ist. Roger Allam ist ein berühmter englischer Schauspieler, der seinen Ruhm dem Theater verdankt. In diesem Punkt unterscheiden sich englische Krimiserien von deutschen. Viele berühmte englische Schauspieler finden es nicht unter ihrer Würde, in einer Krimiserie mitzuspielen.

Roger Allam war letztens hier im Fernsehen in dem Dreiteiler The Politician’s Husband (Der Mann an ihrer Seite) zu sehen. Da spielte er Marcus Brock, den Chief Whip des House of Commons. Und er sagte in einer Szene, wörtlich bekomme ich das nicht mehr zusammen: Wenn wir fünfzig Prozent der Zeit, die wir auf unsere Whitehall Intrigen verwenden, auf die Lösung von Problemen verwenden würden, könnten wir etwas erreichen. Darüber könnte man einmal nachdenken. Roger Allam hat eine klar erkennbare sonore Stimme, die seinem Inspector Fred Thursday Autorität verleiht. Leider nicht in der deutschen Fassung, da ist die Stimme des  deutschen Synchronsprechers eine Fehlbesetzung.

In dem Pilotfilm von Endeavour findet sich auch der Schauspieler Danny Webb. Hier können wir ihn in dem Film Churchill als General Alan Brooke sehen, die Rolle hat er wahrscheinlich bekommen, weil er dem General sehr ähnlich sieht. Man konnte ihn am Montag in der Barnaby Folge Dance with the Dead sehen. Er ist ein sehr versatiler Schauspieler, der auch in dem Pilotfilm zu ➱Lewis eine Rolle hatte.

In Der junge Inspektor Morse spielt er den Detective Sergeant Arthur Lott, einen Mann, der keine Zierde für die Polizei ist. Inspector Thursday hat ihn gerade gefeuert, er ist versetzt worden. Und hat da noch auf dem Flur eine kleine Hassrede für den jungen Morse übrig: Flunked out again, have you … college? I read your file, boy. Three years Lonsdale. Threw the towel in before your finals. That’s the trouble with you poshos, no gumption. First sign of bother, it’s off back home to mummy, tail between. Mm, no hard feelings. You’ve done me a favour. Pastures new. Vice in the smoke. And you on the slow boat to China. 

Was redet der Sergeant da? Er hat die Personalakte von Morse gelesen, weiß, dass der ohne Examen die Uni verlassen hat. Aber vice in the smoke? Er ist zur Sittenpolizei (vice) nach London versetzt worden. Ein Slang Dictionary belehrt uns, dass London the smoke ist. Die Gründe liegen auf der Hand. Mir begegnete dieses smoke vor Jahrzehnten zum ersten Mal, als ich Marjorie Allinghams The Tiger in the Smoke las. London war schon im 19. Jahrhundert die Stadt von Qualm und Rauch.

Wenn Wordsworth in seinem Gedicht ➱Composed upon Westminster Bridge von der smokeless air spricht, dann hat er wohl den einzigen Tag des Jahres erwischt, wo es keinen Smog gab (lesen Sie mehr in ➱Touristen). Slowboat to China ist ein Song, das ist nicht so schwer. Sogar Miss Piggy hat ihn gesungen. Und was ist mit den pastures new? Das ist John Milton, die letzte Zeile von Lycidas. Gut, das ist inzwischen sprichwörtlich geworden, aber es bleibt Milton. Der Drehbuchautor Russell Lewis, der auch mehrere Folgen von Lewis geschrieben hat, hat da eine Menge Bildung in sein Drehbuch gepackt. Was natürlich alles in der deutschen Übersetzung verlorengeht.

Was schlimm ist Wenn man kein Englisch kann, von einem guten Kriminalroman zu hören, der nicht ins Deutsche übersetzt ist, dichtete einst ➱Gottfried Benn. Man müsste mehr Geld in die Hand nehmen und bessere Übersetzer bezahlen, wenn man gute englische Serien adäquat ins Deutsche bringen will. Und man brauchte auch etwas mehr Intelligenz in den Rundfunkanstalten. Lutz Marmor verdient beim NDR beinahe 300.000 Euro, ich weiß nicht wofür. Beim ZDF werden die Intendanten nicht viel weniger bekommen. Der Herr, der sich hier mit Inspector Thursday unterhält, heißt John Light. Er spielt einen englischen Geheimagenten namens Dempsey, der auf einen Minister aufpassen soll. Er sieht ein wenig so aus wie Michael Caine in Ipcress, das ist wohl so beabsichtigt.

Der Minister Sir Richard Lovell (süffisant arrogant gespielt von Patrick Malahide) nimmt an Sexparties mit Minderjährigen teil, die Analogie zu dem Christine Keeler Skandal (der ➱hier einen langen Post hat) liegt auf der Hand. Zumal Patrick Malahide eine gewisse Ähnlichkeit mit John Profumo hat. Und es wird auch direkt auf den Christine Keeler Skandal angespielt, wenn der Geheimagent im Gespräch mit DI Thursday sagt: We’re still going round with a dustpan and brush after Cliveden. Am Ende bringt der MI5 Agent Dempsey dem Minister ein Rücktrittsgesuch zur Unterschrift.

Als der Minister sich weigert und den Premierminister Wilson anrufen will (We’ll see what Harold has to say about this), unterbricht Dempsey die Verbindung mit seiner Pistole. Und sagt dem Minister, für den das alles nur ein harmless bit of fun ist: This is what he has to say about it. There’s two ways out. This one or do I have to get blood on my shoes?

Was schlimm ist Wenn man kein Englisch kann, von einem guten Kriminalroman zu hören, der nicht ins Deutsche übersetzt ist. Was noch schlimmer ist, wenn aus einem guten Film wichtige Szenen herausgeschnitten werden. Ich habe diese Szene mit dem Minister und dem Geheimagenten mit ihren kulturellen und historischen Konnotationen etwas ausführlicher besprochen, weil sie in der am Sonntag gesendeten Fassung fehlte. Der Film war zu lang, und um 20.15 mussten Frau Merkel und Herr Schulz sprechen. Da hätte man lieber noch eine Folge von Der junge Inspektor Morse senden sollen. Oder einen alten ➱Wallace. Oder vier Agatha Raisin. Oder die Neujahrsansprache von Helmuth Kohl 1986. Schlimmer als das sogenannte Duell konnte nichts sein.

Das Skript zum Pilotfilm von Endeavour finden Sie ➱hier. Noch mehr zu englischen Krimiserien in den Posts: Englische Krimiserien, Endeavour, Kreuzworträtsel, Inspector Lewis, Inspector Barnaby und die Mode, Inspector Gently und Janker.

Jeanne Moreau

Ach, was war sie da noch jung, als sie 1954 neben Lino Ventura und ▹Jean Gabin in ▹Touchez pas au grisbi (Wenn es Nacht wird in Paris) eine kleine Nachtclubsängerin spielt, die die Geliebte des Gangsterbosses ist. Die beiden Herren sind übrigens schon in dem Post ▹Lino Ventura zu sehen. Ich mag Touchez pas au grisbi auch deshalb, weil Larry Adler (der ▹hier schon einen Post hat) da Mundharmonika spielt, unübertroffen. Und natürlich, weil Ventura und Gabin ungeheuer elegante Anzüge trugen. Das war damals der ▹französische Film: schöne Frauen, elegante Männer und gute Filmmusik.

Jeanne Moreau hatte es mit der Nacht und der Dunkelheit, auf die ▹Szene mit dem nächtlichen Paris und der Musik von ▹Miles Davis hatte ich schon letztens in dem Post Lush Life hingewiesen. Und die meisten Zuschauer werden es nicht bemerkt haben, dass sie auch mit einer ganz kleinen Rolle 1959 in ▹Les quatre cents coups zu sehen ist. Da kommt sie in der Nacht aus dem Haus in der Rue Montmartre (Nummer 146) und sucht ihren Hund. Damals verhandelte Truffaut schon mit ihr über den Film ▹Jules und Jim, und wo sie schon mal da war, konnte sie auch in Sie küßten und sie schlugen ihn mitspielen. Den Film hatte unser Direktor damals für den ▹Schülerfilmclub empfohlen. Nicht weil er das Talent des jungen Truffaut entdeckt hatte, nein, aus rein pädagogischen Gründen.

Mit ▹Fahrstuhl zum Schafott war sie berühmt geworden, mit ▹Gefährliche Liebschaften (einem Film, der schon einen Post hat) noch berühmter. Aber ganz wirklich berühmt wurde man damals nur, wenn man in einem Antonioni Film mitspielte. Der italienische Regisseur hat hier natürlich mit ▹Antonioni einen Post, wo sich auch die Links zu den Antonioni Filmen finden, die mich damals beeindruckt haben. Nicht ▹Blow-Up, aber zum Beispiel ▹Il Grido, ein ganz großer Film.

Ein ganz großer Film ist auch ▹La Notte – da ist sie wieder die Nacht. Das Photo zeigt Jeanne Moreau und ▹Marcello Mastroianni in der ▹Schlußszene. Modehistorisch beachten wir einmal das kleine Schwarze und Jeanne Moreau und den eleganten Anzug von Mastroianni. Der wahrscheinlich von Attolini kommt, er war da Kunde. Und den Lesern, die gerne die Modeposts lesen, kann ich sagen, dass ich gerade an einem Post über Attolini schreibe. Das wird sie beruhigen.

Sie konnte auch ganz anders sein. Zum Beispiel in dem Truffaut Film ▹Die Braut trug Schwarz, da war sie tough, Männer verschlingend und tötend. Truffaut hat einmal über Jeanne Moreau gesagt, sie habe alle Vorzüge eines Mannes, aber ohne seine Fehler. Jeanne Moreau selbst hat gesagt: Oui, j’ai vécu comme un garçon.

Wir können Sie ▹hier dazu hören. Sie konnte Englisch, ihre Mutter war Engländerin. Truffaut konnte kein Englisch. Proust übrigens auch nicht. Jeanne Moreau rauchte Ziggis, mit ihrer rauchigen Stimme klingt ihr Englisch herrlich ordinär.

Aber das Zitat ist noch nicht ganz zuende: Oui, j’ai vécu comme un garçon. Ça m’irrite de dire cela. J’aurais préféré dire: j’ai vécu comme une femme libre. Die Braut trug Schwarz ist ein Farbfilm, Jeanne Moreau trägt darin nur weiße und schwarze Kleider. Schwarz steht ihr immer. Auch wenn sie in einem schwarzen T-Shirt auf einem Citroen sitzt (das Photo wurde während der Dreharbeiten zu Die Braut trug Schwarz gemacht).

Une femme libre, das ist sie immer gewesen, auch wenn sie so alberne Klamotten trug wie in ▹Viva Maria. Ich nehme an, dass sie die Rolle nur angenommen hat, weil ▹Louis Malle der Regisseur war. Wahrscheinlich hat sie sich auch ein wenig amüsiert, ▹Gregor von Rezzori hat sich auf jeden Fall gut amüsiert. Auf dem Photo von der Szene mit der Erfindung des Striptease ist natürlich auch Brigitte Bardot zu sehen, die beiden waren nicht unbedingt Freundinnen.

Die Bardot hat behauptet, dass Truffaut ihr die Hauptrolle in ▹La Sirène du Mississippi angeboten hätte. Was nicht stimmte. Der Film war die zweite Verfilmung eines Thrillers von Cornell Woolrich durch Truffaut, Die Braut trug Schwarz war die erste gewesen. Der Film war an den Kinokassen ein Flop, aber Hitchcock schrieb an Truffaut: J’ai tout particuliérement savouré la scène ou Moreau regarde mourir à petit feu l’homme qu’elle a empoisonné. Avec mon humour un peu particulier, je crois que j’aurais fait durer le plaisir : Moreau aurait délicatement posé un coussin sous sa tête de façon qu’il meure avec plus de confort encore !

Als Truffaut in Geldschwierigkeiten war, gab ihm Jeanne Moreau (die ja auch mal mit Truffaut eine Affaire hatte) das Geld für den Film. Es ist übrigens ein Film, der ▹hier einen ganz langen Post hat. Cornell Woolrich, der Autor der Romanvorlage, hatte damals noch nie etwas von François Truffaut gehört, ließ ihm aber durch Truffauts amerikanische Agentin ausrichten, dass er durchaus in der Lage sei, einen Brief in französischer Sprache zu lesen, falls Truffaut ihm schreiben wolle. Er hat den Erfolg von La Mariée était en noir und La Sirène du Mississipi nicht mehr erlebt. Es ist eine traurige Sache, da schreibt einer großartigen melodramatischen Kitsch – ich kann den Roman Phantom Lady nur empfehlen – und Regisseure wie ▹Jacques Tourneur und ▹François Truffaut machen daraus wunderbar kitschige melodramatische Filme.

Jeanne Moraeau war gut darin, die Femme Fatale zu spielen und Männer wie Idioten aussehen zu lassen. Wie in Joseph Loseys Film ▹Eva, einem Film, der in Deutschland nicht so bekannt geworden ist. Wenn Sie den Post ▹The Go-Between gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich von Joseph Losey eine Menge halte. Ein Jahr liegt zwischen La Notte und Eva, zwei völlig verschiedene Rollen, verschiedener geht es nicht. Aber es ist die gleiche Frau, die das spielt. Nicht viele können das. Brigitte Bardot konnte mehr als man ihr zutraute, Catherine Deneuve kann wenig mehr als schön sein. Veronica Ferres kann … ach, lassen wir das.

Den Namen Eva trägt Jeanne Moreau auch in dem Film ▹Das Irrlicht (Le feu follet) von Louis Malle. In dem Post ▹Fahrstuhl zum Schafott steht auch ein wenig zu Le feu follet. Das ist der Film, in dem Maurice Ronet seine Armbanduhr als Trinkgeld wegschenkt und am Ende Selbstmord begeht. Aber nicht, ohne zuvor endlich ▹The Great Gatsby zu Ende gelesen zu haben.

Jeanne Moreau ist am letzten Julitag im Alter von 89 Jahren  gestorben, ich weiß nicht, wer sie die Muse der Nouvelle Vague genannt hat, aber das war sie sicher. Viele Regisseure waren in sie verliebt, nicht nur Truffaut. Ich habe nicht alle ihrer 120 Filme gesehen, aber doch viele. Ich war in den sechziger Jahren viel im Kino, es war eine große Zeit des Films. Ich habe schon mehrfach in diesem Blog gesagt, dass ich damals davon träumte, Filmkritiker zu werden. Filmkritiker waren damals für mich das Größte, auch Truffaut hat ja so angefangen. Ich träumte damals nicht davon, an einer Uni zu unterrichten. Aber jetzt, wo das mit der Uni zuende ist, bin ich Blogger, da kann ich über Filme schreiben, soviel ich will – schauen Sie doch einmal in meinen Themenblog ▹Silverscreen. Da habe ich das Layout extra so gestaltet, dass es ein wenig wie ein Filmstreifen aussieht.

Jeanne Morau hat mit ihrer rauchigen Stimme auch gesungen, und das soll sie für uns am Schluss noch einmal tun. Ich glaube, sie hat den Text zu diesem ▹Chanson selbst gschrieben:

Dans l’eau du temps qui coule à petit bruit

Dans l’air du temps qui souffle à petit vent

Dans l’eau du temps qui parle à petits mots

Et sourdement touche l’herbe et le sable

Dans l’eau du temps qui traverse les marbres

Usant au front le rêve des statues

Dans l’eau du temps qui muse au lourd jardin

Le vent du temps qui fuse au lourd feuillage

Dans l’air du temps qui ruse aux quatre vents

Et qui jamais ne pose son envol

Dans l’air du temps qui pousse un hurlement

Puis va baiser les flores de la vague

Dans l’eau du temps qui retourne à la mer

Dans l’air du temps qui n’a point de maison

Dans l’eau dans l’air dans la changeante humeur

Du temps, du temps sans heure et sans visage

J’aurai vécu à profonde saveur

Cherchant un peu de terre sous mes pieds

J’aurai vécu à profondes gorgées

J’aurai vécu à profondes gorgées

Buvant le temps, buvant tout l’air du temps

Et tout le vin qui coule dans le temps

Et tout le vin qui coule dans le temps

Robert Mitchum

Eine Leserin monierte, dass es gestern keinen Post zu Robert Mitchum gegeben hatte. Wo er doch hundertsten Geburtstag gehabt hätte. Tut mir leid, habe ich übersehen. Ich mag den Mann, und ich halte ihn für einen großen Schauspieler, auch wenn er selbst seine Kunst kleingeredet hat: Ich habe drei Gesichtsausdrücke: nach links schauen, nach rechts schauen und geradeaus schauen. Ich hatte gerade den Post ➱Downburst fertig und schrieb an einem Post über Jeanne Moreau, da ist mir das Jubiläum von dem Mann mit den drei Gesichtsausdrücken entgangen. Der übrigens auch singen konnte. Hören Sie doch einmal in ➱Little Ole Wine Drinker Me hinein.

Mitchum singt auch in The Night of the Hunter. In dieser Szene, die man nur als noir-bizarr bezeichnen kann, wenn Mitchum im Duett mit Lillian Gish die Hymne ➱Leaning On The Everlasting Arms singt. Lillian Gish mit ihrem Gewehr auf dem Schaukelstuhl sollte den Mörder, der da im Vorgarten singt, lieber gleich erschießen, statt in die Hymne einzustimmen. Die ➱  Cahiers du cinéma haben den Film im Jahre 2008 hinter ➱Citizen Kane auf den zweiten Platz der besten Filme aller Zeiten gesetzt.

Den Freunden von Robert Mitchum kann ich sagen, dass es in diesem Blog einen langen Post mit Robert Mitchum gibt. In dem sich dieses Photo findet: Jane Greer und Robert Mitchum in Out of the Past, wunderbar ins Bild gesetzt von ➱Nicholas Musuraca (der mit Tourneur schon bei ➱Cat People zusammengearbeitet hatte). Musuraca ist nicht so bekannt geworden wie zum Beispiel Gregg Toland, aber er ist einer der Meister des Film Noir.

Denn Schauspieler so ausleuchten, dass muss man können. Da können wir viel in die Gesichter hineinlesen, ob sie nun nach links schauen, nach rechts schauen oder geradeaus schauen. Die Dame rechts ist natürlich nicht das ➱good bad girl des Film Noir, die ist einfach nur böse. Das sind die ➱Frauen, auf die die Männer im ➱Film Noir immer hereinfallen, ob sie Robert Mitchum heißen oder einen anderen Namen haben.

Und Robert Mitchum sollte es eingentlich besser wissen, wie todbringend diese schönen Frauen sind. Aber er lernt einfach nicht dazu.  Obgleich er über seine Filmpartnerin ➱Charlotte Rampling richtig fiese Dinge gesagt hat: The girl on the picture, was Charlotte Rampling. She was the chick who dug S-and-M in ‚The Night Porter.‘ She arrived with an odd entourage, two husbands or something. Or they were friends and she married one of them and he grew a mustache and butched up. She kept exercising her mouth like she was trying to swallow her ear. Ein Gentleman würde so etwas nicht sagen, aber Mitchum war kein Gentleman. Und dafür lieben wir ihn. Weil er sich einen Dreck um Hollywood scherte und immer diese kleinen bösen Dinge sagte: Sure I was glad to see John Wayne win the Oscar I’m always glad to see the fat lady win the Cadillac on TV, too.


Robert Mitchum hat nicht nur gesungen, er hat auch geschrieben. Auch ➱Gedichte. Eins davon zitiere ich mal zum Schluss:

Cabo San Lucas


Rising early to beat the heat

a little dry from last nights booze.

We’re soon out miles from land where

the big fish roam under the sun

and stars, undisturbed by time’s

wave-measured march.


Slicing bonito for bait, the blood is

red against all the blue. Blue above

and below. The hook, hungering for

meat, shines blue in my hand as

I drop its feathered plume into the wake.


We drink beer and wait for the line to sing,

rattling off the reel like a runaway train,

tightening under the drag, burning the leather stop.

The marlin leaps, its bill skewering the sky,

carves and dances in the blue, then twists and dives.


The rod quivers in the belt. Leather biting my back

I reel and pull, the marlin leaps again,

I heave forward and rare back as fire

sweat and salt gather on my skin

A moment’s slack, a shake, the fish is free.


Why aren’t all losses as lovely as this?

Quien sabe?

Klingt ein wenig nach ➱Steinbeck, und ➱Red Shuttleworth könnte das besser, aber immerhin, schlecht ist es nicht.

Robert Mitchum wird auch noch in den Posts Nina van PallandtKatzenBonnie and Clyde und Charlotte Rampling erwähnt.

Hexer, Zinker et al.

Im Rahmen des Krimisommers in 3sat zeigen wir vier Edgar-Wallace-Verfilmungen von Regisseur Alfred Vohrer. Zu sehen sind ‚Das Gasthaus an der Themse‘, ‚Der Zinker‘, ‚Der Hexer“’sowie ‚Neues vom Hexer‘. Das steht auf der Internetseite von 3sat. Und ich hatte mich schon gewundert, wo Anfang Juli plötzlich die vielen ➱Edgar Wallace Filme herkamen. Aber es ist das Sommerloch, da kann man alles senden.

In dem Post zu ➱Siegfried Schürenberg habe ich vor zwei Jahren geschrieben: Dabei konnte der Schauspieler Siegfried Schürenberg natürlich viel mehr, als stereotyp einen vertrottelten Londoner Polizeichef zu spielen. Ich habe seit Jahrzehnten die Idee, einmal über die deutschen Edgar Wallace Verfilmungen zu schreiben, über ihre Schauspieler, ihre Struktur, über das, was sie uns über das deutsche Publikum sagen. Aber ich bin nie dazu gekommen. Es gibt dazu erste Ansätze in diesem Blog wie die Posts ➱Edgar Wallace, ➱Dieter Borsche, ➱Trenchcoats, ➱Heinz Drache und ➱Film und Mode zeigen.

Es wäre eine schöne Idee, einmal die Ideologie und die Ikonographie der Wallace Filme zu untersuchen. Bei Wikipedia, die eine recht gute ➱Seite zu den Filmen haben, finden sich die Sätze: Trotz ihres großen Erfolgs stießen die Edgar-Wallace-Filme mit Ausnahme der Boulevard- und Tageszeitungen bei fast allen Filmkritikern auf breite Ablehnung. 

Die zum Teil bis heute zitierten Rezensionen, von denen manche den Wallace-Filmen jeglichen ästhetischen oder künstlerischen Anspruch aberkennen oder einige sogar mit Propagandafilmen des Dritten Reiches vergleichen, müssen heute im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in den 1960er Jahren betrachtet werden. Eine unvoreingenommene, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Edgar-Wallace-Filmen fand bis heute nur ansatzweise statt.

Schon George Orwell hatte über Wallace gesagt: It would be interesting and I believe valuable to work out the underlying beliefs and general imaginative background of a writer like Edgar Wallace. Orwell schrieb das in einem Brief an Geoffrey Gorer und fügte dem Satz noch hinzu: But of course that’s the kind of thing nobody will ever print. Doch das Kriminalgenre, das soviel Ideologie transportieren kann, hat ihn nicht losgelassen, wenig später schrieb er seinen berühmten Essay ➱Raffles and Miss Blandish. In dem Edgar Wallace natürlich nicht fehlen durfte. Orwell redete über die Romane von Wallace, die deutschen Wallace Verfilmungen haben wenig mit den Romanen zu tun.

Wallace ist mit seinen Romanen Millionär geworden, Wilhelm Goldmann, der 1928 die Buchrechte von Wallace kaufte, sicher auch. Die Übersetzer der Romane auf keinen Fall. Ich habe Freunde, die während ihres Studiums für Goldmann übersetzt haben, die bekamen für ihre Arbeit so gut wie nichts. Ich will gegen den alten Goldmann nichts sagen, er schickte mir eine Flasche Sekt, als ich Goldmann Autor wurde.

Nein, nicht für Krimis, Goldmann hatte ja mal eine sehr angesehene wissenschaftliche Reihe, die Das Wissenschaftliche Taschenbuch hieß. Die Frau, die mein Manuskript lektorierte, hieß Dr Gertrud Wimmer, sie hat alle meine Zitate in der Münchener Staatsbibliothek überprüft. So viel Genauigkeit gab es selbst bei Suhrkamp nicht. Als Wilhelm Goldmann starb und Bertelsmann den Verlag kaufte, war das Wissenschaftliche Taschenbuch die erste Sache, die eingestampft wurde. Wallace geht immer, Wissenschaft nicht.

3sat hat sich Filme von Alfred Vohrer herausgepickt, Das Gasthaus an der Themse ist dabei, der größte Erfolg an den Kinokassen. Ein besonders hervorragender Regisseur ist Alfred Vohrer nicht gewesen, aber seit Quentin Tarantino in Berlin Alfred Vohrer is a genius! gerufen hat, denken manchen Kritiker darüber nach, ob sie ihre Meinung über Alfred Vohrer ändern sollten.

George Orwell hat 1944 über die Helden von Edgar Wallace gesagt: His own ideal was the detective-inspector who catches criminals not because he is intellectually brilliant but because he is part of an all-powerful organization. Hence the curious fact that in Wallace’s most characteristic stories the ‚clue‘ and the ‚deduction‘ play no part. The criminal is always defeated by an incredible coincidence, or because in some unexplained manner the police know all about the crime beforehand. The tone of the stories makes it quite clear that Wallace’s admiration for the police is pure bully-worship.

A Scotland Yard detective is the most powerful kind of being that he can imagine, while the criminal figures in his mind as an outlaw against whom anything is permissible, like the condemned slaves in the Roman arena. His policemen behave much more brutally than British policemen do in real life–they hit people with out provocation, fire revolvers past their ears to terrify them and so on -and some of the stories exhibit a fearful intellectual sadism. (For instance, Wallace likes to arrange things so that the villain is hanged on the same day as the heroine is married.) But it is sadism after the English fashion: that is to say, it is unconscious, there is not overtly any sex in it, and it keeps within the bounds of the law.

Das ist natürlich etwas ganz anderes als in den deutschen Filmen, wo Scotland Yard etwas desorganisiert ist und der Chef leicht vertrottelt agiert. Und die Kommissare Joachim Fuchsberger (13 Filme) oder Heinz Drache (9 Filme) nichts von dem Ideal von Wallace mitbringen. Und Wallaces Inspector Elk ein ganz anderer ist als Siegfried Lowitz. Und dennoch haben wir diesen Trash der sechziger Jahre liebgewonnen.

Weil wir zum Beispiel Agnes Windeck lieben. Die Schauspiellehrerin, die auch ➱Miss Marple synchronisierte, hatte bestimmt Spaß bei dem ganzen Unsinn (Siegfried Schürenberg in sechzehn Filmen auch). Wir können an diesem Photo (mit Barbara Rütting links) sehen, dass in diese Filme von Zeit zu Zeit der deutsche ➱Expressionismus der zwanziger und dreißiger Jahre hineinschwappt. Eine solche Ausleuchtung, die an den ➱Film Noir erinnert, haben wir immer, wenn es besonders unheimlich sein soll. Und sicherlich ist in den Filmen (wie auch in den Romanen von Wallace) immer noch ein Rest der ➱Gothic Novel zu finden.

Für manche Schauspieler war eine Rolle in einem Wallace Film schnellverdientes Geld. Für manche war es das Ende der Karriere, da war ihnen alles egal. Rekordhalter in Auftritten war Eddi Arent, der in 23 Edgar Wallace Kriminalfilmen zu sehen war. Er sorgte für das komische Element, obgleich die Filme an sich schon komisch genug waren. Manche schafften es, aus der Welt von Edgar Wallace zu entkommen. Wie ➱Karin Dor (5 Filme, hier in Der grüne Bogenschütze etwas leichter bekleidet), die noch bei Hitchcock und James Bond zu sehen war. Und Klaus Kinski (16 Filme) war natürlich zu Höherem berufen, als Noch einen Wunsch, Mylady? zu sagen.

Weil 3sat Neues vom Hexer sendete, konnte man auch noch Margot Trooger sehen, die mochte ich immer. Sie hatte ihren ersten Auftritt auf der Bühne 1947 in Bremen, und in Bremen hat sie auch noch mit Peter Zadek Ich bin ein Elefant, Madame gedreht. Mit dem hatte sie schon in Die Dame in der schwarzen Robe zusammengearbeitet, Zadeks erstem Krimi für das deutsche Fernsehen.

Kann ich einen von Deinen Gangsteranzügen bekommen, fragte mein Bruder beim Mittagessen. Mein Vater war etwas pikiert, dass seine Zweireiher als Gangsteranzüge bezeichnet wurden. Aber der amerikanische Gangsterfilm der zwanziger Jahre hatte den Zweireiher zu eben diesem Kleidungsstück gemacht, das man mit dem Gangster assoziiert (lesen Sie mehr in ➱Kleider machen Leute ➱Bonnie und Clyde).

Mein Bruder bekam einen Anzug (beinahe schwarz mit feinen roten und weißen Streifen) und ließ ihn sich bei dem Schneider Anton Schiwal umarbeiten. Das erste Mal, das ich ihn in dem Anzug sah, war in einer Vollversammlung an der Uni. Er war vor das Mikrophon getreten und forderte den Rücktritt des ➱Kultusministers. Herr von Heydebreck trat auch eine Woche später zurück, daran kann man sehen, dass Gangsteranzüge eine gefährliche Sache sind. Man muss aber dazu sagen, dass an dem Abend noch zahlreiche andere Studenten den Rücktritt des Ministers forderten, die keinen Gangsteranzug trugen.

Colin McArthur hat in seinem Buch Underworld USA aufgezeigt, welche Bedeutung Kleidung innerhalb der Ikonographie besitzt. Robert Warshow hat in ➱The Gangster as Tragic Hero gesagt: Like other tycoons, the gangster is crude in conceiving his ends but by no means inarticulate; on the contrary, he is usually expansive and noisy (the introspective gangster is a fairly recent development), and can state definitely what he wants: to take over the North Side, to own a hundred suits, to be Number One. In vielen Gangsterfilmen (wie zum Beispiel in The Public Enemy) gibt es Szenen, in denen sich der Bandenchef bei seinem Schneider einen neuen Anzug machen lässt.

Diese Gangster tragen keine ➱Lederjacken und keine Schiebermützen mehr, aber sie beweisen uns, dass der französische Gangsterfilm von den Amerikanern gelernt hat. Ob das der ➱Borsalino von ➱Alain Delon, der Trenchcoat von ➱Yves Montand (in Vier im roten Kreis) oder der elegante Zweireiher von Jean Gabin sind, Kleidungsstücke bekommen jetzt eine symbolische Bedeutung. Sie brauchen keine hundred suits, sie haben die besten Schneider von Paris.

Die deutschen Edgar Wallace Filme machten von den ikonographischen Möglichkeiten, die der amerikanische Gangsterfilm und der französische Gangsterfilm in bezug auf die Symbolik der Kleidung entwickelt haben, wenig Gebrauch. Ein Bösewicht braucht doch nur auszusehen wie Werner Peters, wenn er böse guckt. Das muss nicht noch durch vestimentäre Symbole betont werden.

Mode und Filmmusik sind ein Spiegelbild ihrer Zeit: Miniröcke, nackte Busen, reißerische Soundtracks, Marylin-Monroe-Chick, Turmfrisuren, Schlaghosen, Koteletten und breite, scheußlich gemusterte Krawatten. Kurz gesagt: Edgar-Wallace-Filme sind einfach klasse, steht in den Stuttgarter Nachrichten. Es ist eine Frage, wie man dieses klasse definiert. De gustibus non est disputandum. Gab es da wirklich nackte Busen? Ich dachte immer, dass die Filme FSK ab 16 waren und dass ein Filmbild wie dieses den Höhepunkt der Wallaceschen Erotik darstellte. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einen Satz von Wallace zitieren: An intellectual is someone who has found something more interesting than sex.

Alles soll in England spielen, aber selten wurde da ein Wallace Film gedreht. Man drehte in Hamburg und Berlin. Auch englische Filmgesellschaften drehen einen Film in Liverpool, der in London spielen soll, es kommt offenbar nicht so drauf an. Es werden viel schwarze ➱Melonen getragen, vorzugsweise von Eddi Arent. Und natürlich alle Sorten von ➱Trenchcoats, es war die große Zeit dieses Kleidungsstücks. Es war auch noch die große Zeit des Kinos, wo ➱Der Frosch mit der Maske Millionen ins Kino lockte. ➱German Grusel bewies den Satz, dass es unmöglich ist, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein. Wenn er in kleinen Dosen daherkommt wie bei 3sat, dann gilt das wahrscheinlich noch heute.

John Wayne

Heute vor 110 Jahren wurde Marion Robert Morrison in Winterset (Iowa) geboren. Wir kennen ihn besser unter seinem Künstlernamen John Wayne. Oder als The Duke. Er konnte reiten, sprach fließend Spanisch, trug ein Toupet und war Kunde bei ➱Brioni. Dem jungen Michael Caine gab er den Ratschlag: Talk low, talk slow and don’t say too f—— much. Er empfahl im auch, keine Wildlederschuhe zu tragen. Als Michael Caine ihn fragte Why, sagte John Wayne: Because one day a guy in the next stall recognised me and turned towards me and said ‚John Wayne you’re my favourite actor! And p—-d all over my suede shoes. So don’t wear them when you’re famous, kid. Die Geschichte steht schon in dem Post ➱Michael Caine. Und alle anderen John Wayne Geschichten stehen auch schon in diesem Blog, ich liste die wichtigsten Posts einmal unten auf. Natürlich sind ➱Stagecoach und mein Lieblingsfilm ➱She Wore a Yellow Ribbon dabei, aber er wird auch in Posts wie ➱Alain Resnais und ➱Two-Lane Blacktop erwähnt.

Wenn ich ein Buch zu John Wayne empfehlen sollte, dann wäre das Garry Wills‘ John Wayne’s America: The Politics of Celebrity wo er den Schauspieler so beschreibt: John Wayne is the most obvious recent embodiment of that American Adam—untrammeled, unspoiled, free to roam, breathing a larger air than the cramped men behind desks, the pygmy clerks and technicians. He is the avatar hero in that genre that best combines all these mythic ideas about American exceptionalism—contact with nature, distrust of government, dignity achieved by performance, skepticism toward the claims of experts. Gary Wills, der einen Pulitzer Prize für ➱Lincoln at Gettysburg bekommen hat, ist immer der Lektüre wert, ganz besonders in seinem John Wayne Buch.

Es gab einen John Wayne auf der Leinwand, der das tat, was John Ford ihm sagte. Aber es gab auch immer einen ganz anderen John Wayne, davon kann man einen Eindruck bekommen, wenn man ➱John Wayne: A Love Song von Joan Didion liest. Der andere John Wayne liebte Charles Dickens, schummelte beim Schachspiel und hatte viel Humor. Als er den Oscar für seine Rolle in ➱True Grit bekam, flüsterte er Barbra Streisand ins Ohr: Beginner’s luck. Der Anfänger war 63, dies war sein erster Oscar.

True Grit war ein ➱Spätwestern. Bei der Geburt dieser neuen Gattung war Wayne dabei gewesen, Rio Bravo und The Man Who Shot Liberty Valance gehören mit zu den ersten Western des Genres. Leslie Fiedler, der ansonsten für John Wayne nichts übrig hatte, hat über den Film gesagt: Aber der Film von John Wayne, dieser schöne komische Film, wo er mit dem jungen Mädchen spielt, ‚True Grit‘, das ist wirklich ein wunderbarer Film, denn erstens sehen wir hier nicht einen jungen Gunfighter oder jungen Cowboy, sondern einen alten Mann in dieser Periode seines Lebens, wo er nicht sicher ist, ob er mit einem Pferd über einen Zaun springen kann, und zweitens wird diese Rolle ausgerechnet von John Wayne gespielt, und der Film wird zu einer Parabel des Lebens von John Wayne, dieser elenden reaktionären Kanaille, die das Image des Westens auf die Leinwand projiziert hat und der nun zum ersten mal seine Rolle mit Humor spielt, als Selbstparodie, als Travestie seiner eigenen Figur. Das ist sehr zart, sehr schön, sehr komisch. Dieser Film hat mich tief gerührt.

John Wayne, diese elende reaktionäre Kanaille, war immer wieder in diesem Blog, Sie könnten (wenn Sie wollen) auch noch diese Posts lesen: The Duke, Technicolor, Stagecoach, Schnellboote, Joan Didion, Maureen O’Hara, Spätwestern, Natalie Wood, Vera Miles, The Big Trail, Victoria, My Darling Clementine Angie Dickinson, Somewhere West of Laramie, Alamo, Don Siegel, Laurence Harvey, James Stewart, Westernheld, William S. Hart, Clark Gable, Michael Caine, Clint Eastwood, Wilder Westen, Larry McMurtry, Two-Lane Blacktop, Stephen Decatur, Sam Elliott, Cormac McCarthy, Cowpens, Brioni, Jugendkultur, Alain Resnais, Donald Trump

Sir Roger Moore ✝

Die neunzig hat er knapp verfehlt. Er ist in Crans-Montana in der Schweiz gestorben, er hatte dort einen Wohnsitz, in Monaco auch. Keinen in England. I come back to England often enough not to miss it, hat er gesagt. Es hat etwas mit der Steuer zu tun. Darf ich Sie daran erinnern, dass der 31. Mai der Termin für die Einkommensteuererklärungen ist? Als die Königin ihn zum Ritter schlagen wollte, ist er natürlich nach England gekommen. Er hat den Titel übrigens nicht für seine schauspielerischen Leistungen bekommen, sondern wegen seiner Verdienste für die UNESCO. Moore empfand das nicht als Schmähung, er war auf seine Tätigkeit für die UNESCO sehr stolz. Und das konnte er sein.

Seine Tätigkeit als Geheimagent wurde in der Zeremonie auch nicht erwähnt, die Queen hatte längst eine neue 007 an ihrer Seite, einen Mann, der sich auch mit den ➱Corgies versteht. Bevor er James Bond war, war Roger Moore Simon Templar und einer der beiden Persuaders. In The Man with the Golden Gun findet sich die Dialogstelle: James Bond: I mean sir, who would pay a million dollars to have me killed? M: Jealous husbands! Outraged chefs! Humiliated tailors! The list is endless! Nein, er hat seine Schneider nicht beleidigt, er war beim selben ➱Schneider wie ➱Michael Caine.

Unglücklicherweise fiel seine Tätigkeit als Geheimagent in die siebziger Jahre, das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks und der scheußlichen Digitaluhren. Und in der Decade That Style Forgot kann auch der beste Schneider nichts machen, wenn der Zeitgeschmack etwas anderes will.

Ich mochte die James Bond Filme mit Sean Connery, die Filme mit Roger Moore waren nicht mein Ding. Obgleich viele der Bond Girls O.K. waren, wie zum Beispiel Britt Ekland. Der Post für Britt war mein erster ➱Post als Blogger, der mehr als 10.000 Leser hatte. Hier auf dem Photo hält Moore nicht nur Britt Ekland sondern auch die schöne Maude Adams im Arm. Blonde ➱Schwedinnen ziehen im Film ja immer. Die Schwedinnen in englischen Filmen haben bestimmt etwas mit der Wirtschaftsverbindung zwischen England und Schweden zu tun, denn damals kauften die Engländer wie verrückt Volvos oder Saabs.

Also diese Automarke, die ➱Kurt Vonnegut einmal verkaufte: I used to be the owner and manager of an automobile dealership in West Barnstable, Massachusetts, called ‚Saab Cape Cod.‘ It and I went out of business 33 years ago. The Saab then as now was a Swedish car, and I now believe my failure as a dealer so long ago explains what would otherwise remain a deep mystery: Why the Swedes have never given me a Nobel Prize for Literature. Old Norwegian proverb: “Swedes have short dicks but long memories“.

Roger Moore wurde auch durch ein schwedisches Auto berühmt, keinen Saab, sondern diesen Volvo P1800. Was der Aston Martin für Bond war, war der Volvo P1800 für Simon Templar, den man auch The Saint nannte. Allerdings sollte man auch sagen, dass The Saint auch einen englischen Wagen fuhr, einen Jensen Interceptor, ein Auto, das auch den Beinamen ➱Schneewittchensarg hatte. Die Damen auf der Kühlerhaube fallen etwas mickrig aus.

Nicht bei der englischen Firma TVR, die 1971 bei der Earls Court Motor Show nur nackte Mädel am Verkaufsstand, oder auf ihren Sportwagen sitzend, präsentierte (das war lange bevor sie halbbekleidet bei Ferrari herumlungerten und Boxenluder hießen). Mein Bruder hatte mal einen TVR, der kam allerdings ohne ➱nackte Beigaben. Ich bringe diese Beispiele, die sich am Rande des guten Geschmacks bewegen, um zu zeigen, dass sich England in den siebziger Jahren verändert.

Den Satz No sex please, we’re British hört man seit der ➱Christine Keeler Affäre nicht mehr so häufig, London ist gerade zu ➱Swinging London geworden. Roger Moore hat den ganzen Rummel um James Bond glücklicherweise mit viel Selbstironie genommen. Wie er die Rolle bekam, hat er folgendermaßen beschrieben: When I was a young actor at RADA, Noël Coward was in the audience one night. He said to me after the play, „Young man, with your devastating good looks and your disastrous lack of talent, you should take any job ever offered you. In the event that you’re offered two jobs simultaneously, take the one that offers the most money.“ Here I am. Später sagte er: I like Bond. But it’s silly to take it seriously. It’s just a great big comic strip.

Über sein Ende als James Bond hatte er zwei Sätze parat: Sadly, I had to retire from the Bond films. The girls were getting younger, or I was just getting too old und I left the role when I realized that my female co-stars had mothers who were younger than I was. Was danach kam, mochte er meistens nicht: I didn’t like the last Bond film, it was like a long, disjointed commercial. Wo er recht hat, hat er recht.

Noch mehr James Bond in dem langen Post ➱Spectre, wo sich auch Links zu allen James Bond Posts finden.